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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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»Riselle lässt sich vorher von jedem unterhalten.« Beslan kicherte wissend und Thom starrte ihn erstaunt an.

Mat stöhnte. Diesmal war es weder sein Bein noch die Tatsache, dass sich in Ebou Dar anscheinend jeder Mann aussuchen konnte, an welchen Busen er sein Haupt betten wollte, mit Ausnahme von Mat Cauthon. Gerade hatten die verdammten Würfel wieder angefangen, in seinem Kopf umherzurollen. Etwas Böses kam auf ihn zu. Etwas sehr Böses.

16

Eine unerwartete Begegnung

Der Rückweg zur Stadt war länger als zwei Meilen und führte über niedrige Hügel, die die Schmerzen aus Mats Bein fortmassierten und neue verursachten, bevor die Männer eine Anhöhe erklommen und Ebou Dar hinter seinen übertrieben dicken, weiß getünchten Mauern voraus sahen, die kein Belagerungskatapult jemals hatte bezwingen können. Die dahinterliegende Stadt war ebenfalls weiß, auch wenn es gelegentlich mit dünnen Farbstreifen versehene Spitzkuppeln gab. Die weiß verputzten Gebäude, die weißen Türme und Kuppeln und die marmornen Paläste schimmerten selbst an einem grauen Wintertag. Hier und da endete ein Turm in einer zerborstenen Spitze oder es war eine Lücke zu sehen, wo ein Haus zerstört worden war, aber in Wahrheit hatte die seanchanische Eroberung nur wenig Schaden angerichtet. Sie waren zu schnell und zu stark gewesen und hatten die Kontrolle über die Stadt errungen, noch bevor sich mehr als vereinzelter Widerstand formieren konnte.

Überraschenderweise war der Handel, den es zu dieser Jahreszeit gab, trotz der Eroberung der Stadt kaum eingebrochen. Die Seanchaner unterstützten ihn, allerdings mussten die Kaufleute und Kapitäne und ihre Mannschaften einen Eid ablegen, demzufolge sie den Anordnungen der Vorläufer gehorchten, die Rückkehr erwarteten und Denen, die Heimkehrten dienen würden. In der Praxis bedeutete das, dass man sein Leben größtenteils wie gewohnt fortführen konnte, also beklagten sich nur wenige. Der große Hafen war jedes Mal, wenn Mat ihn sich ansah, mit mehr Schiffen gefüllt. An diesem Nachmittag hatte es den Anschein, als könnte er von Ebou Dar direkt hinüber zum Rahad gehen, einem ungemütlichen Viertel, in das er nie mehr einen Fuß setzen würde, wenn es sich vermeiden ließ. Als er wieder gehen konnte, war er oft hinunter zu den Docks spaziert, um sich dort umzusehen. Nicht nach den Schiffen mit den gerippten Segeln oder den Schiffen des Meervolks, die die Seanchaner neu aufriggten und mit ihren Mannschaften besetzten, sondern nach Schiffen, an deren Masten die Goldenen Bienen von Illian oder Schwert und Hand von Arad Doman oder die Halbmonde von Tear flatterten. Er tat es nicht länger. Heute schenkte er dem Hafen kaum einen Blick. Die in seinem Kopf umherklappernden Würfel schienen wie Donner zu grollen. Was auch immer geschehen würde, er bezweifelte sehr, dass es ihm gefallen würde. Das tat es nur selten, wenn die Würfel ihn warnten.

Obwohl ein stetiger Verkehrsstrom aus dem großen Torbogen drängte und Fußgänger sich allem Anschein nach durch ihn hindurchschlängeln mussten, um hineinzugelangen, erstreckte sich eine breite Reihe aus Wagen und Ochsenkarren bis zur Anhöhe, die alle in die Stadt hineinwollten und sich kaum bewegten. Jeder, der auf einem Pferd hinausritt, war ein Seanchaner, ob seine Haut nun so dunkel wie die eines der Angehörigen des Meervolks war oder so blass wie die eines Cairhieners, und sie ragten durch mehr aus der Menge heraus als nur durch die Tatsache, dass sie im Sattel saßen. Einige der Männer trugen voluminöse Hosen und seltsame, eng sitzende Mäntel mit hohen Kragen, die sich an den Hals schmiegten und bis zum Kinn reichten und an deren Vorderseite Reihen glänzender Metallknöpfe funkelten, oder sie trugen aufwendig bestickte Mäntel, die fast die Länge von Frauenkleidern hatten. Sie gehörten dem Blut an, genau wie die Frauen in den seltsam geschnittenen Reitgewändern, die sich scheinbar nur aus schmalen Falten zusammenzusetzen schienen, deren abgenähte Röcke so geschneidert waren, dass sie die farbigen Stiefel entblößten, und deren ausladende Ärmel bis zu den Füßen in den Steigbügeln reichten. Ein paar trugen Spitzenschleier, die alles bis auf ihre Augen verbargen, so dass ihre Gesichter nicht den Angehörigen der niederen Stände preisgegeben wurden. Aber die meisten der Reiter trugen hell bemalte Plattenrüstungen. Einige der Soldaten waren Frauen, aber die bemalten Helme, die wie die Köpfe monströser Insekten aussahen, machten sie völlig unkenntlich. Zumindest trug keiner das Schwarz und Rot der Totenwache. Ihre Anwesenheit schien selbst bei den anderen Seanchanern Unruhe hervorzurufen, und das reichte Mat als Warnung, einen weiten Bogen um sie zu machen.

Auf jeden Fall hatte keiner der Seanchaner auch nur einen Blick für die drei Männer und den Jungen übrig, die die Reihe aus wartenden Wagen und Karren entlanggingen. Nun, die Männer gingen langsam. Olver hüpfte. Mats Bein gab ihr Tempo vor, aber er bemühte sich, die anderen nicht sehen zu lassen, wie sehr er sich auf den Wanderstab stützte. Für gewöhnlich kündeten die Würfel Geschehnisse an, die er nur haarscharf überlebte, Schlachten, ein Haus, das ihm auf den Kopf fiel. Tylin. Er fürchtete sich vor dem, was geschehen würde, wenn sie diesmal fielen.

Fast alle Wagen und Karren, welche die Stadt verließen, wurden von Seanchanern gelenkt oder zu Fuß begleitet, die einfacher gekleidet waren als die Reiter und kaum seltsam anzuschauen waren, aber die Menschen in der Warteschlange gehörten eher nach EbouDar oder waren Leute aus der näheren Umgebung; es waren Männer in langen Westen und Frauen, deren Röcke an einer Seite hochgenäht waren, um ein bestrumpftes Bein oder farbige Unterröcke zu enthüllen. Ihre Wagen und Karren wurden von Ochsen gezogen. In der Reihe waren vereinzelt auch Ausländer zu sehen, Kaufmänner mit kleinen Reihen von Pferdefuhrwerken. Hier im Süden gab es mehr Handelsverkehr als weiter oben im Norden, wo sich die Händler mit verschneiten Straßen auseinandersetzen mussten, und einige von ihnen kamen von weither.

Eine stämmige Domani mit einem dunklen Schönheitsfleck auf der kupferfarbenen Wange, die einen Zug von vier Wagen anführte, zog ihren geblümten Umhang enger um sich und starrte einen Mann finster an, der fünf Wagen voraus neben dem Kutscher saß, einen schmierig aussehenden Burschen, der hinter einem tarabonischen Schleier einen langen, dicken Schnurrbart verbarg. Zweifellos ein Konkurrent. Eine schlanke Kandori mit einer großen Perle in ihrem linken Ohr und Silberketten über der Brust saß ruhig in ihrem Sattel, die behandschuhten Hände auf dem Sattelknopf gefaltet; vermutlich wusste sie noch nicht, dass ihr grauer Wallach und ihre Zugtiere nach ihrem Eintreffen in der Stadt der Lotterie zugeteilt werden würden. Den Einheimischen hatte man jedes fünfte Pferd abgenommen und um den Handel nicht zu stören, nahmen sie bei den Ausländern jedes zehnte Pferd. Man hatte dafür bezahlt, das schon, und zu anderen Zeiten wäre es ein gerechter Preis gewesen, aber es war nicht annähernd das, was der Markt bei dieser Nachfrage erzielen würde. Mat bemerkte Pferde immer, selbst wenn er mit den Gedanken woanders war. Ein fetter Cairhiener, dessen Mantel die gleiche graubraune Farbe wie die seiner Fahrer aufwies, brüllte wütend wegen der Verzögerung herum und ließ seine kastanienbraune Stute nervös umhertänzeln. Die Stute hatte einen guten Körperbau. Sie würde wahrscheinlich an einen Offizier gehen. Was würde geschehen, wenn die Würfel zu rollen aufhörten?

Die großen Stadttore hatten ihre Wächter, obwohl vermutlich nur die Seanchaner sie als solche erkannten. Sul'dam in ihren blauen Gewändern schlängelten sich mit grau gekleideten Damane an den silbrigen A'dam durch den Verkehrsstrom. Nur ein Paar hätte ausgereicht, um jeden Tumult bis hin zu einem Frontalangriff zu unterdrücken — und vielleicht sogar den —, aber das war nicht der wahre Grund für ihre Anwesenheit. In den ersten Tagen nach dem Fall von Ebou Dar — während Mat noch bettlägerig gewesen war —hatten sie die Stadt auf der Suche nach Frauen durchkämmt, die sie Mamth'damane nannten, und jetzt sorgten sie dafür, dass keine hereinkam. Jede Sul'dam trug für alle Fälle eine zusätzliche Leine über der Schulter. Weitere Paare patrouillierten auf den Docks und kümmerten sich um jedes eintreffende Schiff und Boot.

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