Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
Er beschleunigte seine Schritte, lief vorbei an der Baracke, in der er mit seinen drei Kameraden wohnte und schlief. Vorbei an einem Trupp Soldaten, die sich in der Wachablösung befanden. Vorbei an Wäscherinnen, die mit Weidenkörben aus der Waschkaue strömten.
Sein Blick galt einzig der Offiziersbaracke, die direkt an die Konstruktionshalle angrenzte und in der sich das Büro von Lobow befand.
In seiner Aufregung übersah er den Wachsoldaten vor der Tür und wäre beinahe, ohne anzuklopfen, in das Zimmer des Kommandeurs gestürmt. Der junge Soldat reagierte schnell und packte ihn am Arm seines Fellmantels, bevor er die Tür aufstoßen konnte.
»Bist du angemeldet?« An die Respektlosigkeit der Rekruten hatte Leonard sich längst gewöhnt, nicht aber, dass man ihn tätlich angriff. Er entwand sich dem Griff des Wachmanns und stieß ihn zu Boden. Dann stürmte er in das Büro des Obersten.
»Wo ist sie?«, rief er.
Lobow sah ihn überrascht an, während sein Wachmann fluchend und mit gezogener Waffe hinter Leonard herpolterte, um ihn aufzuhalten. »Können Sie sich nicht benehmen, meine Herren? Ich habe Damenbesuch, da wird man doch wohl ein Mindestmaß an Etikette erwarten dürfen!«
Der Wachmann schlug die Hacken zusammen und murmelte eine Entschuldigung.
Leonard kümmerte sich weder um Lobow noch um den Soldaten. Sie saß in einer Ecke hinter der Tür, direkt unter dem Kleiderhaken, an dem Lobow gewöhnlich seinen Mantel aufhängte. Ihr tizianrotes Haar hatte sie zu einem strengen Knoten hochgesteckt. Schmal war sie geworden, aber noch genauso hübsch, wie er sie Tag für Tag in seinem Herzen trug.
Für einen Moment begegneten sich ihre Blicke, und als er das kleine Mädchen sah, das von Kopf bis Fuß eingehüllt in einen grauen Kaninchenpelz neben ihr auf dem Boden kauerte, hatte er das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
»Katja«, flüsterte er mit erstickter Stimme.
Sie war aufgestanden und hatte den Mantel ausgezogen, um ihn über einen Stuhl zu legen. Darunter trug sie ein schlichtes blaues Wollkleid, das ihre Schönheit auf wunderbare Weise zur Geltung brachte. Vorsichtig ging sie auf ihn zu und hob ihre schmale Hand, um über seinen gestutzten Bart zu streicheln, als ob sie prüfen wollte, dass er keine Erscheinung war. Tränen füllten ihre Augen. Er hatte sie viel größer in Erinnerung, und als sie in seinen Armen versank, glaubte er für einen Moment, sein Herz würde aussetzen. Sie schluchzte hemmungslos in sein grobes Bärenfell hinein, und er hielt sie hilflos im Arm, bemüht, weder vor Lobow noch vor dem Kind zu weinen, das ihn aus großen blauen Augen fragend anschaute.
»Ich habe beschlossen, Ihnen und Ihrer Familie das Zimmer im Kontor zu überlassen«, erhob Lobow seine befehlsgewohnte Stimme. »Sie wissen schon, dort, wo man Sie während Ihrer Krankheit untergebracht hat. Ihre Frau wird eine Arbeit in der Kantine erhalten. Das Kind bringen wir tagsüber in der örtlichen Erziehungsanstalt unter.«
Ihre Frau! Erst jetzt realisierte Leonard, dass Lobow sie kurzerhand zu Mann und Frau erklärt hatte, obwohl der Kommandant Katja all die Jahre zuvor immer als seine kleine Freundin bezeichnet hatte.
»Ich hoffe, die Anwesenheit Ihrer Familie wird Sie in Ihrer Arbeit für den Zaren weiterhin beflügeln.«
Leonard nickte wie betäubt. Soviel Glück auf einmal hatte er zuletzt an seinem zehnten Geburtstag empfunden, als sein Vater ihm eine kleine Dampfmaschine geschenkt hatte.
Zusammen mit dem Kind gingen sie zu Leonards Baracke. Immer noch sprachlos hielt er die Kleine an der Hand. »Ihr Name ist Viktoria.« Der Satz hallte in seinen Gedanken nach. Für einen Moment war er versucht zu sagen »Ich weiß«, aber dann verzichtete er darauf, weil es einer längeren Erklärung bedurft hätte, warum er dieses Wissen besaß.
»Die Kleine braucht eine heiße Milch«, sagte Katja. »Sie ist noch ganz durchgefroren von der langen Fahrt.« Leonard nickte stumm und steuerte auf die Kantinenbaracke zu. Er würde Kissanka oder eines der Mädchen bitten, seiner Frau und dem Kind etwas zu essen und zu trinken zu geben.
Die Mittagszeit war längst vorüber, und doch herrschte noch Betrieb in der Küche. Kissanka und die Mädchen spülten rund einhundert Blechnäpfe und Tassen. Ihr Blick war nicht zu deuten, als Leonard ihr seine Familie vorstellte. Er hätte gern etwas mehr dazu gesagt, als einfach nur ihre Namen zu erwähnen, doch ihm fehlten die Worte.
Viktoria trank auf Bitten ihrer Mutter vorsichtig von der heißen Milch. Kissanka hatte ihr ein Scheibe Brot mit Butter bestrichen, die das Kind gierig aß. »Es kommt auf seinen Vater, was?« Sie lächelte anzüglich und fing Katjas irritierten Blick auf.
Leonard verwünschte Kissanka für einen Augenblick. Sie würde es ihm und seiner kleinen Familie nicht leichtmachen, soviel stand fest. Immerhin war sie so freundlich, nicht nur dem Kind, sondern auch Leonard und Katja einen Teller Eintopf zu geben, der vom Mittagessen übrig geblieben war. Leonard beobachtete, wie Mutter und Tochter ihre Suppen löffelten. Er konnte sich an Katja und seiner Tochter gar nicht sattsehen. Immer wieder verglich er ihre beiden puppenhaften Gesichter und suchte nach Ähnlichkeiten.
Nach dem Essen erhielt er den Schlüssel fürs Kontor. Ein weiterer Vertrauensbeweis des Kommandanten. Im Schuppen neben dem leer stehenden Zimmer des Verwalters stapelten sich alle Dinge des täglichen Bedarfs, die man im Lager benötigte. Katja begann sofort damit, den Ofen einzuheizen und die Stube zu fegen. Ein einfaches Bett und ein Sofa standen in dem Zimmer. Dazu ein Tisch und ein zweitüriger Kleiderschrank. Waschschüssel und Nachttopf befanden sich auf einer einfachen Kommode. Leonard dachte daran, dass er saubere Bettwäsche organisieren musste, um die schmutzige Matratze und die Kissen und Decken zu beziehen, und dass sie Handtücher brauchten und einen gusseisernen Topf, um Tee zu kochen, und dass er von nun an nicht mehr mit Weinberg und seinen Kameraden leben würde, sondern die Verantwortung für das Wohl einer Familie trug. Es überraschte ihn, wie schwer diese Erkenntnis trotz aller Freude auf ihm lastete. Er hatte immer Angst um Katja und ihr Kind gehabt. Doch jetzt war diese Angst noch viel größer, weil er die beiden täglich bei sich haben würde.
Als er bei Einbruch der Dunkelheit zu seinen Kameraden zurückkehrte, um sich mit dem Nötigsten wie Brot, Tee und Zucker einzudecken, fand er erfreute Gesichter vor. Aslan hielt einen Brief mit einem Foto seiner Familie in Händen. Man hatte sie aus der Haft entlassen. Sie standen zwar noch unter Hausarrest, durften sich aber in ihren eigenen vier Wänden aufhalten. Pjotrs Mutter hatte man einen größeren Geldbetrag zur Verfügung gestellt, damit sie ihre Schulden bezahlen und das Haus in Sankt Petersburg erhalten konnte.
Weinberg schwieg, und Leonard konnte sich des Triumphes nicht erwehren, dass der Jude Unrecht gehabt hatte. Katja war keine Spionin der Ochrana. Welche Frau nahm ein solches Schicksal auf sich, nur um dem Zaren zu dienen? Dabei fiel ihm auf, dass Weinberg nie darüber gesprochen hatte, unter welchen Umständen man ihn hierher gebracht hatte.