Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.
- Автор: Andre Martina
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Schamanenfeuer. Das Geheimnis von Tunguska.». Краткое содержание книги:
»Maganhir? Wer, zum Teufel, ist Maganhir?«
»Er gehört zum Stamm der Yanagir. Seine Sippe lebt an der oberen Taimura. Er besitzt ähnliche Fähigkeiten wie mein Vater und ist der einzige Schamane weit und breit, der sich mit ihm messen könnte. Die beiden stehen in ständiger Fehde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es meinem Vater gleichgültig ist, wenn euer Kommandant Maganhir den Vorzug gibt.«
Maganhir ausfindig zu machen war nicht so schwierig wie gedacht. Jedoch erschien die Reise zu ihm wie eine Höllenfahrt. Ein heftiger Schneesturm erschütterte die Region und tötete auf geheimnisvolle Weise sechs von Lobows Soldaten, die sich unter Leitung eines Kosakenkommandeurs mit zehn weiteren Kameraden vom Lager aus auf den Weg gemacht hatten. Zeugen berichteten, sie hätten die Orientierung verloren und sich im Schneegestöber gegenseitig erschossen, auf halbem Weg, bevor sie ihr Ziel erreicht hatten.
Maganhir empfing die verbliebene Truppe mit offenen Armen, nachdem er erfahren hatte, in wessen Auftrag sie unterwegs waren und was sie von ihm begehrten. Er gab Tschutschana die Schuld an den Wetterkapriolen und an dem merkwürdigen Tod der Soldaten. Der verfeindete Schamane drücke damit die Wut über die Verhaftung seines Sohnes aus, nur er, Maganhir, könne etwas gegen Tschutschanas finstere Machenschaften ausrichten, verkündete er großspurig.
Eine Woche später erschien Maganhir mit kleinem Gefolge im Lager und wurde Weinberg und seinen Kollegen vorgestellt. Im Gegensatz zu Tschutschana war er laut und kleinwüchsig, nur seine schräg stehenden Äuglein leuchteten genauso hinterlistig. Auch seine Kleidung unterschied sich kaum von der Tschutschanas. Allerdings zierte keine Wolfsschnauze seinen seltsamen Hut, sondern ein Rentiergeweih.
Aslan tat sich schwer, ihn auf seine außergewöhnlichen Fähigkeiten anzusprechen. Nachdem er ihm genau erklärt hatte, worauf seine Hilfe hinauslaufen sollte, begann der Schamane lauthals zu lachen. Für ihn stelle es keine größere Herausforderung dar, eine elektrische Ladung von größeren Ausmaßen zu provozieren, prahlte er. Blitze zu erzeugen gehöre sozusagen zum Repertoire eines wahren Schamanen. Man müsse nur mit Gott Ogdy und den richtigen Geistern im Bunde stehen. Ob es tatsächlich die richtigen waren, bezweifelte nicht nur Leonard. Auch Aslan hatte mit angespannter Miene beobachtet, wie Maganhir bei einer Einladung des Kommandeurs am folgenden Abend gleich mehrere Flaschen Wodka in sich hineinkippte, als ob es Wasser wäre. Anders als die Kosaken sank er danach sturzbesoffen danieder und fiel regelrecht ins Koma.
Am nächsten Vormittag sollte der Schamane die erste Kostprobe seines Könnens liefern. Maganhir machte nicht den Eindruck, als ob ihm der Alkoholexzess etwas ausgemacht hätte. Sein Blick war stolz, als er aufrecht, gefolgt von ein paar Getreuen und einer kleinen Gruppe von russischen Beobachtern, durch das Lager schritt. An einem abgeschiedenen Platz hinter dem Kraftwerk hatte man auf einer Felsnase eine Zielvorrichtung eingezeichnet - fünf runde Kreise in weißer Farbe, die wegen der Kälte sofort zu Eis erstarrt war. Der Schamane begab sich mit Trommelschlägen und Tanzeinlagen vor der Lagerleitung und den anwesenden Wissenschaftlern in Trance, nachdem er aus einer hölzernen Flasche einen speziellen Trunk zu sich genommen hatte.
»Bestimmt ist es Hühnersuppe«, frotzelte Pjotr. »Das hat meine Mutter mir immer gegeben, wenn ich mit meiner Studentenverbindung mal wieder über die Stränge geschlagen hatte. Es bewirkt Wunder.«
Aslan runzelte unter seiner schwarzen Fellmütze die Stirn. »Sei still«, zischte er. »Wenn es nicht klappt, sind wir geliefert.«
Kommandeur Lobow beobachtete die Veränderung in den Gesichtszügen des Schamanen mit Spannung. Dass ihm die Sache nicht ganz geheuer erschien, konnte man daran erkennen, dass er doppelte Wachen hatte aufstellen lassen. Unvermittelt hörten die schamanischen Gesänge auf. Maganhir stellte sich breitbeinig mit dem Rücken zu seinem Publikum. Für einen Moment wirkte er wie versteinert.
Leonard und seine Kameraden hatten unentwegt den Himmel beobachtet, weil sie damit rechneten, dass irgendwo Gewitterwolken am klaren Januarhimmel aufziehen würden. Nirgendwo war jedoch ein Wölkchen zu sehen. Im Gegenteil, die glitzernde Morgensonne kroch über die Bergspitzen und blendete sie, als Maganhir ein keuchendes Geräusch von sich gab.
Ein ohrenbetäubender Knall zerriss die morgendliche Stille und hallte von den Bergwänden wider. Sämtliche Anwesenden zuckten zusammen und gingen sofort in Deckung, selbst die Soldaten, die eigentlich für den Schutz des Kommandeurs abgestellt waren. Steine sprangen auf, und ein scharfer, heißer Wind brachte den Schnee an der Stelle zum Schmelzen, wo etwas aufgetroffen war, das man im Entferntesten mit einer großen wabernden Seifenblase hätte vergleichen können.
Aslan hatte die Erscheinung gesehen. Er stand etwas abseits im Schatten einer Mauer und hatte beobachten können, wie sich in Sekundenbruchteilen ein diffuser, scheinbar gläserner Ball aus der Mitte des Schamanen gelöst hatte, der dann auf eine Felsnase getroffen war und den Stein regelrecht hatte zerbersten lassen.
Lobow schaute als Erster auf. Seine Soldaten waren sogleich pflichtschuldig an seiner Seite. Man konnte ihnen ansehen, dass sie eingeschüchtert waren, als sie mit ihm zusammen zu jener Stelle schritten, die von der geheimnisvollen Energie des Schamanen getroffen worden war. Maganhir war unterdessen in die Knie gegangen. Er machte einen erschöpften Eindruck. Lobow kniete ebenfalls nieder, aber nicht aus Erschöpfung, sondern aus purer Begeisterung. Beinahe zärtlich strich er über den abgesprengten Felsbrocken.
»Lasst den Tungusen frei!«, verkündete er knapp. »Er soll nach Hause in sein Dorf gehen und seinem Alten sagen, dass wir gerne auf ihn verzichten.«
Es war Leonard, der den jungen Tungusen mit Lobows Einverständnis aus dem stinkenden Loch befreite. Halb erfroren und schmutzig wankte Tschirin in Decken gehüllt zur einzigen Waschkaue des Lagers, in der ein paar Frauen auf Anweisung Kissankas heißes Wasser bereitet hatten. Der Blick des Tungusen war leer, als Leonard ihn in einem großen Holzbottich vor einem Kanonenofen zu waschen begann.
»Mein Vater wird mich und meine Familie verbannen«, sagte Tschirin so leise, dass Leonard ihn kaum verstand. Er seifte die verklebten Haare des Tungusen ein und kippte aus einer Blechschale warmes Wasser darüber.
»Warum? Du kannst doch nichts dafür, dass man dich hier eingesperrt hat.«
»Das ist es nicht«, murmelte Tschirin. »Ich war es, der die geheimen Kräfte meines Vaters an die Russen verraten hat, und ich war es auch, der ihnen den Hinweis auf Maganhir gegeben hat.«
Leonard half Tschirin aus dem Holzbottich. Die Frauen waren gegangen und hatten ihn mit dem Tungusen allein gelassen. Wie selbstverständlich trocknete er ihn ab und reichte ihm die inzwischen geflickte Kleidung. Kissanka hatte ihm heiße Milch und eine Graupensuppe hingestellt, die er wortlos und mit zitterndem Löffel verzehrte. Sie warteten noch eine Weile, bis die Haare des Tungusen getrocknet waren. Danach stieg er in seine Fellstiefel und den dicken Mantel.