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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Und warum sollte das der Fall sein?« versetzte der Notar, der sich wieder gesetzt hatte und uns über seine Brille hinweg angaffte. »Wenn Ihre Nichte mir verspricht, arbeitsam, brav und nett zu sein, vor allen Dingen nie den Fuß aus meinem Hause zu setzen, dann will ich mich ihrer annehmen und sie zu mir ins Haus nehmen.« Darauf sagte Cecily, sie wolle doch lieber in ihre Heimat zurück, und der Notar sagte, mit Gewalt wolle er sie nicht halten; ein Dienstmädchen zu finden, sei nicht schwer, wir könnten es halten, wie wir wollten. Ich redete ihr nun zu, sie solle sich doch nicht sperren, ein guter Dienst in so reputierlichem Hause sei nicht alle Tage zu haben, und wenn sie sich nicht zureden ließe, würde ich mich weiter nicht um sie kümmern ... Darauf entschloß sie sich, wenn auch sichtlich mit schwerem Herzen, zum Bleiben, bedang sich aber aus, in zwei Wochen wieder abziehen zu dürfen, wenn das Heimweh sie gar zu sehr befallen sollte. Sie nahm nun das sehr bescheiden bemessene Draufgeld des alten Knickers, und wir gingen ...« – »Sehr gut, Frau Pipelet,« sagte darauf Rudolf, »da haben Sie, was ich Ihnen versprochen habe, für den Fall, daß es Ihnen gelänge, das arme Ding, das mir eine Last ist, gut unterzubringen.«

Die Rosen auf Lachtäubchens Gesicht verblichen mehr und mehr, und ihr niedliches, ehedem so frisches, rundes Gesicht wurde immer länger, ihr ehedem so heiterer, lebensfroher Zug im Gesicht war noch ernster als bei der letzten Begegnung mit ihrer ehemaligen Zellengenossin vor dem Gefängnisse von Saint-Lazare. – »Ach, wie freue ich mich, Sie wieder einmal zu sehen, lieber Herr Nachbar,« sagte sie zu Rudolf, als sie ihn aus Pipelets Wohnung heraustreten sah ... »ich habe Ihnen viel, gar viel zu erzählen.«

»Sagen Sie mir doch vor allen Dingen, wie es Ihnen geht, liebe Nachbarin?« antwortete Rudolf, »noch immer so lustig wie einst? Nein, nein! Sie sind blaß – Sie arbeiten gewiß zuviel ...« – »Nicht doch, Herr Rudolf! Was mir schadet, ist nicht die Arbeit, denn an sie bin ich gewöhnt; aber der Gram, der Gram, der ist die Ursache zu meiner Veränderung ... Ach, wenn ich den armen Germain sehe, dann könnte ich vergehen vor Kummer.« – »Er ist wohl recht niedergeschlagen?« – »Freilich, freilich! Sie können wohl denken, daß ein so kreuzbraver Mensch, wie er, unter soviel Bösewichtern die Hölle auf Erden hat! Der Fron, in dessen Abteilung er sitzt, hat ihm schon wiederholt geraten, er möchte nicht so stolz tun; aber Germain kann es nicht über sich bringen, mit Schurken und Verbrechern sich abzugeben, und so fürchte ich, daß es über kurz oder lang noch ein gar schlimmes Ende mit ihm nehmen werde ... Aber immer denke ich bloß an mich, und Sie wollten doch von der Schalldirne einiges hören ...« –

Rudolf sah sie verwundert an. – »Nun, ich habe sie vorgestern gesehen, als ich die Luise in Saint-Lazare besuchen wollte.« – »In Saint-Lazare? Das ist doch nicht möglich!« – »Und doch, Herr Nachbar! Sie war es, und keine andere.« – »Da müssen Sie sich doch aber geirrt haben!« – »Nein, ich erkannte sie auf der Stelle, trotzdem sie in Bauerntracht war.« – »Und doch müssen Sie sich geirrt haben!« – »Nicht doch! Aber wenn Sie so bestimmt behaupten, sie sei es nicht gewesen, müssen Sie sie doch auch kennen!« – »Freilich kenne ich sie.« – »Nun, so steht es außer Zweifel, daß sie von Ihnen gesprochen hat, als sie mir von einem Herrn solchen Namens erzählte.« – »Und was erzählte sie?« fragte Rudolf gespannt. – »Ich erzählte ihr, wie es Luisen und Germain erginge, habe aber kein Wort dabei von Ihnen gesagt. Sie aber sagte gleich, daß nur ein Mensch bereit sein würde, den beiden Unglücklichen zu helfen, und das wäre ein edler, junger, sehr vornehmer Mann ... Natürlich fragte ich sie sogleich nach dem Namen, und da sagte sie, der Herr hieße Rudolf ...«

»Nun ja doch, ich habe mich für dieses Mädchen interessiert. Es wundert mich aber, daß sie in Paris sein soll. Das kann nicht sein. Jedenfalls zwingt mich die Mitteilung, mich auf der Stelle von Ihnen zu verabschieden. Halten Sie nach wie vor Germain und Luisen gegenüber reinen Mund über den Schutz, den ihnen unbekannte Freunde gewähren. Die Zeit, wann davon gesprochen werden kann, kommt schon. Aber vorläufig muß das Geheimnis noch gewahrt bleiben. – Wie geht's der Familie Morel?« – »Besser, Herr Rudolf, viel besser. Die Frau hat sich ganz erholt, und die Kinder erholen sich auch ... Wie mag es aber mit dem Vater der unglücklichen Leute, die Ihnen soviel verdanken, gehen?« – »Wie ich gehört habe, auch besser. Gestern habe ich vom Arzte gehört, daß sich die lichten Augenblicke häufiger einstellen, und daß sich infolgedessen Hoffnung fassen ließe, daß es wieder gut mit ihm werden würde.« – »Gott gebe, daß Sie die Wahrheit sprächen, Herr Rudolf!« antwortete Lachtaube mit schwerem Seufzer ... »Leben Sie wohl, Herr Nachbar!« – »Adieu, liebe Freundin! Auf baldiges Wiedersehen!«

Rudolf konnte nicht fassen, wie es kommen könne, daß seine kleine Freundin Madame Georges verlassen, und eilte in seine Wohnung, um gleich einen Boten nach Bouqueval hinauszuschicken. Gerade als er in die Rue Plumet einbog, sah er vor seinem Palais einen Extrapostwagen halten. Murph kam von der Reise nach der Normandie zurück, die er dorthin unternommen, um die Pläne der Stiefmutter der Marquise von Harville und ihres Helfershelfers Bradamanti zu durchkreuzen. Murphs Gesicht strahlte vor Freude ... »Gute Nachrichten, königliche Hoheit!« rief er, als er mit Rudolf allein war; »die Elenden sind entlarvt und Herr von Orbigny ist gerettet. Aber Sie haben mich gerade noch zur rechten Zeit weggeschickt; kam ich eine einzige Stunde später, dann war ein neues Verbrechen vollbracht.« – »Und die Marquise von Harville?« – »Sie ist außer sich vor Freude darüber, daß sie Ihrem Rate so rasch Folge geleistet hat.« – »Und Polidori?« – »Er war auch diesmal der Helfershelfer! Aber diese Stiefmutter ist ja das richtige Ungeheuer! Was ich diesem Polidori gegenüber habe anstellen müssen, das geht weit über die bisherigen Rollen, die ich als Kohlenträger usw. gespielt habe.« – »Und wo ist er?« – »Ei, ich habe ihn mithergebracht! Denken Sie, eine Reise in solcher Gesellschaft! Zwölf Stunden neben einem Subjekte, das ich mehr als sonst jemand auf Erden hasse! Es kam mir so vor, als ob ich neben einer Natter säße!« – »Und wo hast du ihn abgesetzt?« – »In der Rue des Veuves. Dort ist er sicher bewacht. Ich ließ ihm die Wahl, entweder sofort der Polizei überliefert zu werden, oder in der Rue des Veuves Ihre weitere Entscheidung abzuwarten. Dann besann er sich nicht eben lange.« – »Gut! Besser, wir haben ihn unter der Fuchtel! Murph, du bist ein Goldmensch! Aber erzähle mir, wie es zugegangen. Ich brenne vor Ungeduld.« –

»Ich hatte weiter nichts nötig, als den mir von Ihnen erteilten Weisungen auf den Buchstaben zu gehorchen. Sie haben eben wieder einmal gute Menschen gerettet und böse bestraft ... Lesen Sie den Brief der Marquise von Harville, den sie mir mitgegeben hat; er wird Sie von allem unterrichten.«

Rudolf las mit fliegender Hast:

»Königliche Hoheit! – Wieviel bin ich Ihnen schon schuldig, und jetzt noch meines Vaters Leben! Ich preise Gott, der mein Herz so lenkte, daß ich Ihrem Rate unverzüglich folgte und mit schnellster Post nach Aubiers reiste. Dort erfuhr ich, daß mein Vater seit mehreren Tagen sehr krank sei und daß meine Stiefmutter mit einem Arzte aus Paris angekommen sei. Ich zweifelte keine Sekunde, daß der letztere kein anderer als Polidori sei, und wollte sogleich zum Vater. Aber sein alter Diener war nicht mehr auf dem Schlosse. Ein Intendant, der mich in meine Zimmer geleitete, erzählte es mir und sagte, er wolle mich gleich der Stiefmutter melden. Aber schon kam sie selbst. So falsch sie ist, so schien meine unvermutete Ankunft sie doch in Unruhe zu setzen ... »Ihr Vater ist auf Ihren Besuch nicht vorbereitet, Madame,« sagte sie. – »O, ich muß ihn aber gleich sprechen; es ist ein schreckliches Unglück geschehen: mein Mann ist durch eine maßlose Unvorsichtigkeit ums Leben gekommen. Ich konnte infolgedessen nicht länger in Paris bleiben, sondern möchte die erste Trauerzeit beim Vater verleben. Warum bin ich gar nicht benachrichtigt worden, daß Papa so ernstlich erkrankt ist?«

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