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Die Goldhändlerin

Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:

Deutschland im Jahre 1485 - Für die junge Jüdin Lea endet ein Jahr der Katastrophen: Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Samuel kamen bei einem Pogrom ums Leben. Um das Erbe ihres Vaters und damit ihr Überleben und das ihrer Geschwister zu sichern, muss Lea sich fortan als Samuel ausgeben. In ihrer Doppelrolle drohen ihr viele Gefahren, nicht nur von christlicher Seite, sondern auch von ihren Glaubensbrüdern, die »Samuel« unbedingt verheiraten wollen. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in den mysteriösen Roland, der sie zu einer mehr als abenteuerlichen Mission verleitet ...

Autorin

Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
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Stellte diese Behandlung schon eine kaum mehr zu entschuldigende Beleidigung dar, so drehte Diego de Arande-la noch den Dolch in der Wunde herum, indem er über das zweite Ansinnen des Burgunderherzogs spottete und den Gesandten gegenüber keinen Zweifel daran aufkommen ließ, dass Herzog Maximilian keinen einzigen Spießträger erhalten würde. Die Kräfte von Kastilien und Aragon seien im Kampf gegen die Mauren gebunden, erklärte er van Grovius hochfahrend und wischte dessen Gegenargumente wie die Worte eines aufmüpfigen Dieners beiseite.

Lea erfuhr von van Haalen, der als van Grovius' Sekretär an den Verhandlungen teilnahm, was hinter den verschlossenen Türen vor sich ging, und machte sich ihre eigenen Gedanken. Während ihre Freunde außer sich vor Zorn waren, weil die Spanier ihnen gegenüber einen so überheblichen Stolz an den Tag legten, verstand sie die Haltung der kastilischen und aragonischen Edelleute. In einer Zeit, in der die Heere unter dem Halbmond das mehr als tausendjährige Byzantinische Reich niedergeworfen und den Balkan überrannt hatten und nun Ungarn und das Römische Reich der Deutschen bedrohten, waren die Spanier die Einzigen, die den Kriegern des Islam erfolgreich die Stirn boten und sich anschickten, das letzte Maurische Reich auf spanischem Boden zu vernichten. Die Soldaten, die die Gesandtschaft bewachten, sprachen über kaum etwas anderes als ihre Hoffnung, noch am Krieg teilnehmen zu können und zu erleben, wie die Mauern Granadas brachen und die Schätze der märchenhaften Stadt ihren Eroberern in die Hände fielen.

»Was glaubst du, Leon, werden die Spanier mit uns machen?«, fragte de Poleur eines Abends, als die Sonne das Meer im Westen wie ein riesiger, blutroter Ball berührte und den ganzen Horizont in Flammen zu setzen schien.

»Ich weiß es nicht«, antwortete Lea mit hochgezogenen Schultern.

»Sie werden uns wieder auf die >Zwaluw< stecken und nach Hause schicken«, sagte Heimbert von Kandern so bestimmt, als hätte er den Befehl schon vernommen.

»Das will ich nicht hoffen!« Leas Stimme klang so panikerfüllt, dass ihre Freunde sich spöttisch ansahen. Ein Fehlschlag musste wohl einen herben Verlust für das Bankhaus darstellen, welches ihr kühler Freund vertrat.

Tatsächlich aber galt Leas Sorge ihrem wahren Auftrag. Wenn die Delegation zurückgeschickt wurde, konnte sie nichts für die Conversos tun, die verzweifelt auf Hilfe warteten. Vor ihrem inneren Auge zogen die Leute wie eine geisterhafte Prozession an ihr vorbei, ausgezehrte Männer, Frauen und Kinder, die auf Scheiterhaufen gebunden wurden und sich im Angesicht einer grölenden Menschenmenge in den Flammen wanden. So weit durfte es nicht kommen, schwor sie sich, und wenn sie aus dem

Kloster fliehen und sich auf eigene Faust durch das ganze Land schlagen musste. Ihr wurde bewusst, dass sie das wohl bald würde tun müssen, denn sie war auf die Schiffer angewiesen, die gegen gemünztes Gold das Risiko auf sich nahmen, Flüchtlinge aus dem Land zu schmuggeln.

Orlando hatte ihr zwei Kapitäne genannt, denen sie vertrauen konnte. Den Ersten von ihnen, den Genueser Filippo Ristelli, würde sie wohl verpassen, denn er sollte Orlandos Informationen zufolge im November oder Dezember den Hafen von Alicante anlaufen. Die Zeit reichte einfach nicht mehr, Baramosta und seine Verwandten zu finden und Verbindung zu dem Schiffer aufzunehmen. Also musste sie auf Angelo Scifo aus Palermo warten, dessen Ankunftszeit noch ungewisser war als die von Ris-telli. Er konnte ebenso gut im Februar auftauchen wie im April.

Während Leas Gedanken um ihre Aufgabe und die Probleme kreisten, die sich vor ihr auftürmten, diskutierten ihre Freunde ebenfalls, was sie tun konnten, um dieser unwürdigen Situation ein Ende zu bereiten. Der leicht entflammbare de Poleur schlug vor, den nächsten spanischen Edelmann, der ihnen nicht passte, zum Zweikampf zu fordern. Van Haalen, der etwas schwerfällig wirkte, gab zu bedenken, dass es nicht ihre Aufgabe sei, die Ritter Spaniens zu dezimieren, die sich zum Sturm auf Granada bereitmachten. Ein paarmal sprachen die vier auch Lea an, doch diese saß mit angespanntem Gesicht auf einer Mauerkante und starrte blicklos in die Ferne.

»Leon träumt mal wieder«, spottete Heimbert von Kandern gutmütig. Kaum hatte er es ausgesprochen, schweiften auch seine Gedanken ab. Er musste an den heimatlichen Schwarzwald denken, in dem jetzt, Anfang November, bereits der erste Schnee fiel.

Auch Lea dachte an zu Hause und fragte sich, wie ihre

Familie während ihrer langen Abwesenheit zurechtkam. Sie konnte nur hoffen, dass Elieser und Rachel ihre Aufgaben erfüllten und sich wenigstens um das Notwendigste kümmerten, denn wenn die beiden den Markgrafen verärgerten, würde sie bei ihrer Rückkehr nur noch einen Trümmerhaufen vorfinden.

11.

Der Winter war in diesem Jahr früher als sonst eingetroffen.

Zu St. Martin hatte noch die Sonne geschienen, wenn es auch bereits kalt gewesen war, doch in den Tagen danach schneite es ununterbrochen, und die bewaldeten Hänge des Schwarzwalds färbten sich weiß. In Harten-burg lag der Schnee kniehoch, und die Leute mühten sich ab, um die Gassen der Stadt begehbar zu halten.

Elieser ben Jakob berührte der Wechsel der Jahreszeiten nur wenig. Er saß in seiner warmen Stube und las den Brief, den Ruben ben Makkabi ihm geschrieben hatte. Eigentlich war der Brief an Samuel gerichtet, doch da seine Schwester schon seit etlichen Wochen in der Ferne weilte, hatte er das Siegel erbrochen. Von den geschäftlichen Dingen, die in dem Schreiben angesprochen wurden, verstand er nicht viel, aber der persönliche Teil, dem der Absender mehrere Seiten gewidmet hatte, interessierte ihn umso mehr. Ruben drängte auf die seit langem ins Auge gefasste Doppelhochzeit zwischen seinem Sohn Jiftach und Lea sowie seiner Tochter Hannah und Samuel, und er zeigte sich enttäuscht, weil Samuel immer noch Ausflüchte hatte. Elieser kicherte, als er sich vorstellte, wie Lea sowohl mit Jiftach als auch mit dessen Schwester unter den Hochzeitsbaldachin trat. Ruben ben Makkabi würde aus allen Wolken fallen, wenn er die Wahrheit erfuhr. Um seinen Spaß mit einem vertrauten Menschen zu teilen, rief Elieser Rachel zu sich und reichte ihr das Schreiben. Sie überflog es und warf es mit einer Geste des Abscheus zu Boden.

»Lea muss meschugge gewesen sein, einen ehrenwerten Mann wie Rabbi Ruben auf so erbärmliche Weise zu hintergehen. Hannah und Jiftach vergeuden ihre besten Jahre, während Lea durch die Welt zieht, Reichtümer scheffelt und uns wie Gefangene hält.«

In ihrer Wut auf die Schwester unterschlug sie, dass sie ein besseres Leben führte als die meisten christlichen Mädchen in Hartenburg und Elieser die Stadt in Jochanans Begleitung jederzeit verlassen konnte, um nach Sulzburg, Freiburg oder Straßburg zu reisen, wo es bedeutende jüdische Gemeinden gab.

Elieser hob das Schreiben wieder auf und las es noch einmal. Anders als Lea, die genau wusste, dass es kein bindendes Eheversprechen gab, nahm er Ruben ben Makkabis Worte für bare Münze. Da es jedoch keinen Samuel mehr gab, den Hannah hätte heiraten können, war es geradezu seine Pflicht, dieses Verlöbnis einzugehen. Auch wenn Merab von Zeit zu Zeit bereit war, seine männlichen Bedürfnisse zu befriedigen, so war sie doch nur ein Dienstbote. Er war der eigentliche Erbe seines Vaters, auch wenn Lea derzeit die Geschäfte für ihn führte, und deswegen verpflichtet, einen Sohn zu zeugen, der seinen Namen weiterführte, und den konnte ihm keine Magd gebären. Zudem zeigte Merab auch nach etlichen Monaten regelmäßigen Verkehrs keine Neigung, schwanger zu werden.

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