Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Zu ihrem Entsetzen bemerkte Lea bald, dass man sie wegen des Namens, den Roland Fischkopf ihr aufgezwungen hatte, für einen Mann von niederem Adel hielt, aber zumindest wunderte sich niemand über ihr schlechtes Französisch. Es gab genügend andere an Bord, deren Namen auf eine Sprache hinwies, die sie kaum beherrschten, denn in einem Land wie Burgund zählte nur der Stand eines Mannes.
Lea hatte sich nach kurzer Zeit so in ihre Rolle hineingesteigert, dass sie sich beleidigt fühlte, als ein paar der jungen Herren darüber spotteten, dass im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation jeder geadelt werden konnte, der Kaiser Friedrich III. ein paar tausend blanke Gulden auf die Hand zählte. Damit spielten sie in erster Linie auf die italienischen Geschlechter der Gonzaga und Visconti an, die erst kürzlich eine Erhöhung ihrer Titel und Würden vom Kaiser erhalten hatten, ließen aber durchblicken, dass sie den Adel derer de Saint Jacques ebenfalls als gekauft ansahen.
Lea reagierte nicht auf diese Provokationen, denn sonst hätte sie sich fragen lassen müssen, wieso ein Bankiersbote ein Adelsprädikat trug und sich nicht einfach Leon Saint Jacques nannte. Jetzt ärgerte sie sich, weil sie sich von Orlando nicht hatte erklären lassen, warum er sie als Mann von Stand auftreten ließ, denn dann hätte sie sich etwas wohler gefühlt.
Vier junge Männer in ihrem Alter schienen keine Abneigung gegen Bankiers zu haben, denn sie nahmen sie in ihren Kreis auf und speisten mit ihr zusammen, als wären sie seit jeher Kameraden gewesen. Der Ranghöchste von ihnen war Laurens van Haalen aus Gent, der van Grovius als Sekretär diente, und um ihn herum scharten sich die beiden Freunde Thibaut de Poleur und Herault de la Massoulet aus der Grafschaft Hainault und der Schwabe Heimbert von Kandern. Jeder der drei hatte ein spezielles Aufgabengebiet, das ihnen an Bord der »Zwaluw« jedoch nur wenig Arbeit verschaffte. So saßen sie meist an Deck, blickten aufs Meer hinaus und unterhielten sich über Gott, die Welt und Spanien. Für Lea hatte die Bekanntschaft den Vorteil, dass sie ihr Französisch verbessern konnte und mehr über die Absichten des Burgunderherzogs erfuhr.
Natürlich sollten Maximilians Pläne streng geheim gehalten werden, aber sowohl die Spitzen der Gesandtschaft wie auch ihr Gefolge hatten kaum etwas anderes zu tun, als darüber zu diskutieren, ob die ins Auge gefassten Verlobungen Wirklichkeit werden konnten. Darüber hinaus schien der Herzog sich Hoffnungen auf eine kräftige militärische Unterstützung durch Kastilien und Aragon zu machen und hatte seinem Botschafter aufgetragen, Soldaten und Ausrüstung nach Möglichkeit gleich mitzubringen. Lea zweifelte am Erfolg der Mission, zumindest, was diesen Teil betraf, denn sie hatte von Orlando erfahren, dass Königin Isabella und ihr Gemahl vor allem den Krieg gegen Granada und die endgültige Niederwerfung der Mauren im Sinn hatten, aber sie durfte sich ihre Skepsis nicht anmerken lassen.
Da das müßige Geschwätz nicht dazu geeignet war, den unbeschäftigten jungen Herren die Langeweile zu vertreiben, stachelten sie sich gegenseitig zu immer neuen Mutproben an. Kapitän Ruyters musste sie mehr als einmal von den Masten herunterjagen lassen, auf denen sie in ihrem Übermut herumkletterten und die Matrosen behinderten. Den Vogel schoss jedoch Thibaut de Poleur ab. Für die Mitglieder der Delegation standen vier kleine, wie Schwalbennester am Heck klebende Verschläge für ihre Notdurft zur Verfügung, während die Schiffsbesatzung ungeniert an der windabgewandten Seite des Schiffes über die Reling urinierte. Für das große Geschäft kletterten die Matrosen auf ein unter dem Bugspriet gespanntes Netz und ließen dort die Hosen herunter. Nach vollbrachter Tat holten sie an einem Seil ein im Wasser hängendes zer-fleddertes Tauende ein, mit dessen Hilfe sie sich den Hintern putzten, bevor sie auf das feste Deck zurückkehrten.
Nach dem Genuss etlicher Becher burgundischen Weines kam de Poleur auf den Gedanken, es den hartgesotte-nen Seeleuten gleichzutun. Unter dem johlenden Beifall seiner Freunde kletterte er auf das Netz hinaus, wobei er sich nicht nur des Weines wegen um einiges schwerer tat als die Matrosen, und löste, während er sich mit der linken Hand krampfhaft an einer Leine festhielt, mit der Rechten seinen Gürtel. Weiter kam er nicht, denn die Ledersohlen seiner Schuhe rutschten auf dem glitschigen Tauwerk ab, und er stürzte über den Rand des Netzes ins Wasser.
Um nicht Zeuge von de Poleurs verrücktem Vorhaben werden zu müssen, hatte Lea sich zum Schiffsheck zurückgezogen. Der erschreckte Aufschrei der anderen ließ sie an die Reling eilen, und als sie über die Bordwand blickte, sah sie de Poleur hilflos mit den Armen schlagend auf sich zutreiben. Ohne nachzudenken griff sie nach einer Taurolle, die neben ihr hing, und warf de Poleur ein Ende zu. Der junge Mann, der im eisigen Nordseewasser auf einen Schlag nüchtern geworden war, packte das Seil und war kaltblütig genug, es mehrmals um den Arm zu wickeln, damit es ihm nicht aus den Händen gerissen wurde. Lea hatte das andere Ende um einen Belegnagel geschlungen, der in einer Halterung steckte, und versuchte, den Mann an Bord zu ziehen, doch ihre Kräfte waren zu gering. Zum Glück hatten mehrere Matrosen den Zwischenfall bemerkt und eilten ihr zu Hilfe. Kurz darauf stand de Poleur wieder auf dem trockenen Deck. In seinem durchnässten Wams und den auf den Knien hängenden Strumpfhosen wirkte er lächerlich, und das war ihm durchaus bewusst. Trotzdem bedankte er sich zuerst überschwänglich bei seinem Freund Leon, bevor er seine Hose hochzog, um seine Blöße zu bedecken.
»Das war wirklich Hilfe in höchster Not! Ich werde es dir nie vergessen und dir in ewiger Freundschaft verbunden bleiben, glaube mir! Aber eins ärgert mich gewaltig.«
»Was denn?«, fragte Lea verblüfft.
De Poleur deutete nach achtern, wo in der Ferne ein bunter Gegenstand auf den Wellen schaukelte. »Bei dem Ganzen habe ich meinen Hut verloren. Er hat mich fünf Gulden gekostet - und das war noch ein guter Preis. Jetzt wird Neptun ihn aufsetzen und sagen, dass Thibaut de Poleur einen ausgezeichneten Geschmack hat.«
Herault de la Massoulet musste lachen. »Sei doch froh, dass er nur deinen Hut bekommt und nicht auch noch deine Schuhe, Hosen und dein Wams und dich gleich mit dazu. Nimm in Zukunft den Abtritt, wie es sich für einen Edelmann gehört.«
De Poleur nickte leicht geknickt. »Du hast Recht. Ein Bad im Salzwasser reicht mir. Es brennt abscheulich in den Augen.«
Lea tippte ihn auf die Schulter. »Du solltest unter Deck gehen und dich umziehen, sonst holst du dir in dem kalten Wind noch den Tod.«
»Ach, Leon, du hast wie immer Recht. Manchmal denke ich, durch deine Adern rinnt Salzwasser, denn du wirkst immer so kühl und beherrscht.« De Poleur konnte schon wieder lächeln, wenn es auch noch kläglich wirkte.
»Danke Gott dafür, denn sonst könntest du jetzt deinen Charme an Neptuns Töchtern erproben.« De la Mas-soulet gab ihm einen freundschaftlichen Klaps und schob ihn unbarmherzig auf die Leiter zu, die ins Zwischendeck führte.