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Die Goldhändlerin

Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:

Deutschland im Jahre 1485 - Für die junge Jüdin Lea endet ein Jahr der Katastrophen: Ihr Vater und ihr jüngerer Bruder Samuel kamen bei einem Pogrom ums Leben. Um das Erbe ihres Vaters und damit ihr Überleben und das ihrer Geschwister zu sichern, muss Lea sich fortan als Samuel ausgeben. In ihrer Doppelrolle drohen ihr viele Gefahren, nicht nur von christlicher Seite, sondern auch von ihren Glaubensbrüdern, die »Samuel« unbedingt verheiraten wollen. Und dann verliebt sie sich ausgerechnet in den mysteriösen Roland, der sie zu einer mehr als abenteuerlichen Mission verleitet ...

Autorin

Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
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»Dummheit macht auch vor den höchsten Kreisen der Gesellschaft nicht Halt«, antwortete der Genuese ungerührt. Der ihn begleitende Mönch legte ihm lächelnd die Hand auf die Schulter. »Senor Colombo, Ihr hattet mir doch versprochen, etwas verbindlicher zu sein.«

»Hast du eine Ahnung, wer der Kerl ist?«, wisperte de Poleur Lea zu.

Sie schüttelte den Kopf, ohne Colombo aus den Augen zu lassen. Er musste etwa vierzig Jahre alt sein und war von mittelgroßer, untersetzter Gestalt und seinem ständig wechselnden Mienenspiel zufolge von heftigem Temperament. Sein Gesicht wirkte etwas rundlich und wies tiefe Kerben neben seinen Mundwinkeln auf, die von vielen Enttäuschungen und Nackenschlägen zeugten. Seine Au-gen aber strahlten einen ungebrochenen Optimismus und eine Verachtung für die Welt aus, von der er sich offensichtlich verkannt fühlte. Die Haare, die unter seiner Kappe hervorragten und gerade lang genug waren, um die Ohren zu bedecken, leuchteten so weiß wie die eines alten Mannes.

Don Diego beschloss, den Genuesen zu ignorieren, und wandte sich an den Mönch. »Ehrwürdiger Vater, Ihr seid doch gewiss nicht nur gekommen, um uns Senor Colom-bo vorzustellen.«

Lea fiel das seltsame Lächeln auf den Lippen des Mönches auf und winkte den Lakaien heran, der sie bediente. »Wer ist der geistliche Herr, der eben gekommen ist?«

»Das ist Juan Perez, der ehrwürdige Abt von La Rabida und frühere Schatzmeister der Königin«, erhielt sie zur Antwort. Lea wurde starr vor Erregung. Das war einer der Männer, die Orlando ihr genannt hatte, und sie überlegte, was sie tun konnte, um in Juan Perez' Nähe zu kommen und ihn unauffällig anzusprechen. Leider schien der Abt sich nicht für die burgundische Delegation zu interessieren, denn er warf den Männern an der Tafel nur einen beinahe mitleidigen Blick zu und wandte sich wieder an Diego de Arandela.

»Es ist der Wille Ihrer Majestät, Königin Isabella, Senor Colombo noch einmal zu empfangen. Da Ihr, wie ich erfahren habe, in Kürze an den Hof reist, bitte ich Euch, Euch meines Gastes anzunehmen.«

Obwohl Juan Perez sein Anliegen sehr höflich formuliert hatte, war Don Diego klar, dass es sich um einen Befehl handelte. Er schluckte seinen Ärger hinunter und verneigte sich mit einem verkniffenen: »Es wird mir eine Freude sein«.

Juan Perez' Miene spiegelte nur sanfte Freundlichkeit. »Das hoffe ich, Don Diego.«

Diego de Arandela beschloss, nicht weiter auf dieses Thema einzugehen, und verbeugte sich erneut vor dem Abt von La Rabida.

»Ihr werdet doch an diesem Abend mein Gast sein?«

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. »Leider nein. Ich bedauere, mich sofort wieder verabschieden zu müssen, aber wichtige Geschäfte erfordern meine sofortige Abreise. Senor Colombo wird es jedoch eine Ehre sein, an Eurem Tisch zu speisen. Er hat sich bereits beklagt, dass er heute noch nicht zum Essen gekommen ist.«

Don Diego nickte schicksalsergeben, winkte einen Diener herbei und befahl ihm, den Genuesen an einen freien Platz zu führen und ihm aufzuwarten.

Juan Perez reichte Colombo zum Abschied die Hand und klopfte ihm auf die Schulter. »Ich wünsche Euch mehr Glück als beim letzten Mal, Senor. Ihr werdet es brauchen.«

»Die Königin wird sich der Kraft meiner Argumente letztendlich nicht entziehen können«, antwortete der Genuese selbstbewusst und sah dem Abt nach, bis dieser den Saal verlassen hatte. Orlando hatte Lea zwar erklärt, dass es zwischen den Brüdern des heiligen Franziskus, die der heiligen Inquisition eher ablehnend gegenüberstanden, und den Mönchen des Dominikanerordens, denen eben-diese Inquisition besondere Macht verlieh, eine gewisse Feindschaft herrschte, aber sie hätte sich nicht vorstellen können, dass Juan Perez die Einladung, hier zu speisen, so schroff und fast schon beleidigend ablehnen würde. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und ihm gefolgt, doch damit hätte sie nur unnötiges Aufsehen erregt. So konnte sie nur hoffen, dass sich ihr noch eine andere Gelegenheit bieten würde, mit einem von Orlandos Gewährsleuten zu sprechen. Während ihre Gedanken sich noch mit ihrem Auftrag beschäftigten, führte der Diener Colombo auf den einzigen freien Platz, den es am Tisch noch gab, und der war neben ihr.

De Poleur richtete sich auf, so dass er den Genuesen über Leas Kopf hinweg anblicken konnte. »Welches weltbewegende Anliegen führt Euch denn zur Königin von Kastilien?«

»Ich will nach Indien segeln«, antwortete der Genuese so laut, dass die Gesichter ringsum sich ihm zuwandten.

»Indien?« Die meisten Mitglieder der burgundischen Delegation konnten mit diesem Begriff nicht viel anfangen. Sie hielten ihn für die Bezeichnung eines Phantasielands, von dem ein paar wichtigtuerische Händler faselten, um den Preis für ihre Waren hochzutreiben. Auch Lea wusste nicht mehr, als dass einige der kostbarsten Waren, die sie für den Hartenburger Hof beschaffte, aus Indien stammen sollten, aber sie hatte sich nie dafür interessiert, wo es lag.

»Was ist an diesem Indien denn so wichtig?«, fragte de Poleur verblüfft.

Colombo maß den Wallonen mit einem verächtlichen Blick.

»Indien ist das reichste Land der Welt. Die Häuser dort sind mit Gold gedeckt, und das Pflaster seiner Straßen besteht aus Silber. Es gibt dort Gewürze, von denen eine Unze mehr wert ist als manches Schloss.«

Der Genuese brachte es fertig, gleichzeitig zu essen und ohne Pause von den Wundern jenes sagenumwobenen Landes zu berichten. Dabei verstieg er sich zu Lobreden, die Lea gleichzeitig als schwülstig und kindisch empfand. Ihren Freunden schien das Gerede eher lächerlich vorzukommen, denn Heimbert von Kandern grinste zu Laurens van Haalen hinüber und tippte sich an die Stirn, während de la Massoulet den Genueser mit unverhohlenem Spott musterte. »Wenn dieses Indien wirklich so herrlich ist, warum ist dann noch niemand dorthin gefahren?«

»König Joäo von Portugal schickt einen Kapitän nach dem anderen aus, um das riesige Reich auf dem Seeweg zu erreichen. Aber sie fangen es falsch an, denn sie versuchen, Afrika zu umrunden. Das ist eine viel zu weite und gefahrvolle Reise. Ich werde nach Westen segeln und weniger als die halbe Strecke benötigen, die die Portugiesen für ihre Fahrt veranschlagen.«

Colombos Fell war entweder zu dick, um die Reaktionen der anderen Gäste zu bemerken, oder er war so sehr von sich überzeugt, dass alle Anzüglichkeiten an ihm abprallten. Lea imponierte der Genuese, der so selbstbe-wusst auftrat, als wäre er von älterem Adel als die anwesenden Edelleute. Gleichzeitig sagte sie sich, dass ein Mann, der von Juan Perez eingeführt worden war, Verbindung zu anderen Freunden Orlandos haben mochte, und sie beschloss, ihre Bekanntschaft mit ihm zu vertiefen. Daher gab sie sich Mühe, seinen mathematischen Ausführungen zu folgen, mit denen er seine skeptischen Zuhörer davon überzeugen wollte, dass er Indien auf dem westlichen Weg übers Meer in weniger als dreißig Tagen erreichen konnte. Während die anderen schon bald das Interesse an der Sache und dem Mann verloren, ließ Lea sich von Cristoforo Colombo einspinnen und überquerte in ihrer Phantasie selbst das Meer in Richtung der untergehenden Sonne.

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