Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
9.
Gefolgt von einem seiner engsten Vertrauten schritt der Herzog von Montoya den langen, nur von wenigen Talglampen erhellten Korridor entlang, der zu seinen Gemächern führte, und zog dabei ein Gesicht, als hätte man ihn mit einem Schlag aller Preziosen beraubt. Dabei war er auch an diesem Tag so prächtig gekleidet, als ginge er zu einem Empfang bei Hof. Diego de Arande-la hingegen wirkte in seiner dunkelgrauen Tracht wie eine Krähe neben einem Goldfasan. Doch auch sein Gesicht zeigte deutlich, dass der Misserfolg ihn wurmte.
»Wie konnte es nur passieren, dass uns dieser schleimige Fisch entschlüpft ist, Euer Gnaden? Ich kann mir nicht erklären, wie er das Schiff verlassen konnte, bevor es La Coruna erreichte. Es ist doch jedes Fischerboot im weiten Umkreis kontrolliert worden.«
»Orlando Terasa ist ein Dämon, ein Sohn des Satans, und kennt tausend Schliche. Ich fürchte, die ehrwürdigen Brüder der heiligen Inquisition haben ihn unterschätzt.« Montoya blieb stehen, ballte die Fäuste und starrte Aran-dela dabei so zornig an, als mache er seinen Gefolgsmann für den Fehlschlag verantwortlich. Gleich aber entspannte sein Gesicht sich wieder und der Anflug eines spöttischen Lächelns huschte über seine Lippen.
»Ganz gleich, welchen Weg Orlando Terasa nimmt, er wird uns in die Hände fallen. Ich hatte die Hoffnung gehegt, ihn unter den Burgundern ausfindig machen und ihn ohne große Mühe gefangen nehmen zu können, doch Satan muss ihn gewarnt haben. Aber er wird seiner gerechten Strafe nicht entrinnen, denn unsere Gebete und die der frommen Brüder des Heiligen Offiziums werden die Zaubermacht dieses Teufels brechen.«
Arandela stimmte seinem Herrn beflissen zu, seine Miene drückte jedoch Zweifel aus. »Orlando Terasa wird mit Sicherheit in Eure Falle tappen, Euer Gnaden. Aber ich fürchte, Baramosta und seine Leute könnten den Aufruhr nützen, den die Gefangennahme Terasas hervorrufen wird, und uns entkommen. Sollten wir sie nicht vorher wegschaffen lassen?«
Montoya musterte seinen Gefolgsmann mit einem beinahe mitleidigen Blick. »Nehmt Ihr den Speck aus der Falle, bevor die Maus hineingegangen ist?«
»Gewiss nicht, Euer Gnaden«, würgte Diego de Aran-dela hervor und verwünschte seine Unvorsichtigkeit, dieses Thema überhaupt angesprochen zu haben.
»Ihr solltet die Stellung berücksichtigen, die der Abt von San Juan de Bereja immer noch einnimmt. Jose Al-banez mag zwar nicht mehr so viel Einfluss besitzen wie noch vor zwanzig Jahren, doch er steht immer noch hoch in der Gunst der Königin, und sie würde einen Übergriff auf sein Kloster missbilligen.«
Arandela schüttelte ungläubig den Kopf. »Auch dann noch, wenn wir den Abt als Helfer von Ketzern und Juden entlarven?«
»Albanez wird behaupten, er habe Baramosta und seine Begleiter durch sein Gebet von allen Anfechtungen der Ketzerei reinigen wollen, und Königin Isabella reicht ihm die Hand zum Kuss.« Montoya winkte verärgert ab, öffnete die Tür zu seinen Gemächern und trat ein. Arandela zögerte, ihm zu folgen, doch eine ungeduldige Geste seines Herrn zeigte ihm, dass er noch nicht entlassen war.
Ein Diener erschien, um nach den Wünschen des Herzogs zu fragen. Montoya wies ihn an, Wein zu servieren, und führte Arandela in eine kleine Kammer, in der ein von Papieren überquellender Tisch und mehrere bequeme Stühle standen. Ein mit Büchern gefülltes und von einem jetzt offen stehenden Vorhang verdecktes Regal nahm die gesamte Längswand ein, und an der Stirnseite des Raumes gab es ein schmales, von Kniehöhe bis zur Decke reichendes Fenster aus bemaltem Glas. Es zeigte den Apostel Jakobus als gewappneten Ritter, der den Emir von Sevilla in den Staub warf.
»Ich werde Sanlucar morgen verlassen und an den Hof zurückkehren«, erklärte Montoya ansatzlos. »Der Feldzug gegen Granada steht unmittelbar bevor, und es ist meine heilige Pflicht, die Maden, die sich am Fleisch des christlichen Spaniens mästen, in ihre Schranken zu weisen.«
»Dafür werdet Ihr andere Waffen benötigen als Worte, Euer Gnaden, denn die Königin vertraut diesen Leuten.«
»Sie sind Nachkommen von Mauren und Juden, die sich nach außen eine christliche Haut übergestreift haben, und eine Beleidigung für die Edlen Kastiliens und Ara-gons, denn ihre Falschheit schreit zum Himmel! Trotz ihres scheinheiligen Gehabes sind sie Ketzer und Heiden geblieben, die heimlich ihren dämonischen Riten frönen.« Der Herzog schlug mit der geballten Faust auf den Tisch und erschreckte den Diener, der Don Diego eben den Wein einschenken wollte, so dass ein Teil der roten Flüssigkeit über Arandelas Ärmel floss.
»Kannst du nicht aufpassen, du Tölpel?«, schrie Montoyas Vertrauter den Lakaien an und trat ihm gegen das Schienbein, so dass der Mann vor Schmerz aufstöhnte.
Der Herzog schenkte dem Zwischenfall keine Beachtung, sondern starrte düster auf den von der Abendsonne erleuchteten Sankt Jakobus und wünschte sich, mit den Feinden Spaniens und der heiligen Kirche, wie er seine persönlichen Gegner bezeichnete, ebenso umspringen zu können wie der heilige Ritter mit den Mauren.
»Orlando Terasa ist der Schlüssel zu der Ketzerei, die uns umgibt. Er kennt all die Heuchler und Götzenanbeter, die unser Land den höllischen Heerscharen ausliefern, und wird uns unter der Folter ihre Namen nennen. Dann, Don Diego, kommt unsere große Stunde.«
Arandela hegte gewisse Zweifel an den Visionen seines Herrn und wechselte daher schnell das Thema. »Was soll mit den Burgundern geschehen, Euer Gnaden? Wollt Ihr sie in ihre Heimat zurückschicken?«
Montoya überlegte kurz. »Nein, nein, sie werden erst einmal hier bleiben. Ich entscheide später, was mit ihnen geschehen soll. Ihr werdet Euch in der Zwischenzeit ihrer annehmen.«
Arandelas Miene war anzusehen, wie wenig es ihm be-hagte, sich von seinem Herrn trennen zu müssen. So wie es verschiedene Gruppen gab, die am königlichen Hof miteinander um die Gunst des Königspaars wetteiferten, stritten auch die Gefolgsleute der Großen um Macht und Einfluss, und er befürchtete nicht ganz zu Unrecht, dass seine Konkurrenten um die Gunst des Herzogs versuchen würden, ihn in seiner Abwesenheit auszustechen. Doch der einzige Weg, sich das Wohlwollen seines Herrn zu erhalten, war, Montoyas Befehle strikt auszuführen und nicht zu versagen. Daher beugte er schicksalsergeben das Haupt und bat den Herzog um letzte Instruktionen.
10.
Am nächsten Tag verließ Manuel Alonzo de Coro-nera, Herzog von Montoya, das Kloster San Isidro bei Sanlucar, um an den Hof zu reisen. Für Lea und ihre Begleiter änderte sich dadurch nichts, außer dass es keine quälenden Verhöre mehr gab und die Aufregung wieder einer lähmenden Langeweile Platz machte. Frans van Grovius und die anderen hohen Herren, die erwartet hatten, in Spanien wie hochgeehrte Gäste empfangen zu werden, fühlten sich in San Isidro eingekerkert wie unerwünschte Eindringlinge oder gar Spione.