Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Lea fand van Grovius unerträglich arrogant. Sein Auftreten hatte keine Ähnlichkeit mehr mit dem Mann, der sich an jenem Abend bei Vesoul als angenehmer Gesprächspartner erwiesen hatte. Wie viele Menschen, die in der Gegenwart ihrer Herren den Kopf gesenkt hielten, behandelte er, wenn er sich als Ranghöchster fühlte, jene, die unter ihm standen, schroff und herablassend. In gewisser Weise war Lea seine Haltung ganz lieb, denn wenn sie in Spanien nicht gebraucht wurde, konnte sie ihre oder vielmehr Roland Fischkopfs Pläne ungehindert verfolgen.
Der Kapitän verließ seinen Platz auf dem Heckkastell und forderte die Passagiere barsch auf, das Deck für die arbeitenden Matrosen zu räumen und nach unten zu verschwinden. Van Grovius schüttelte abwehrend den Kopf. »Ich bleibe hier und sehe zu, wie das Schiff ablegt«, erklärte er in einem Ton, der eigentlich keinen Widerspruch zuließ.
Bei Ruyters geriet er damit jedoch an den Falschen. »Das ist mein Schiff, und auf meinem Deck halten sich beim Ablegen nur die Männer auf, die arbeiten müssen, und niemand, der ihnen vor den Füßen herumstolpert, verstanden?«
Van Grovius sah einen Moment so aus, als wollte er den Kapitän niederschlagen, doch dann drehte er sich um und stieg zähneknirschend die steile Leiter ins Zwischen-deck hinab. Seine Begleiter folgten ihm wie eine Herde Schafe, unter die Lea sich wie selbstverständlich mischte.
Als sie ihre Kabine betrat, war von ihren Mitbewohnern niemand zu sehen. Lea nahm an, dass sie ihre Herren bedienen mussten, und sah kurz darauf mehrere in Livreen steckende Männer mit Platten voller Speisen, Weinkannen und Körben mit Brot und Obst durch den Gang eilen. Anscheinend hatten van Grovius und die anderen Edelleute beschlossen, ihr unterbrochenes Mittagsmahl auf dem Schiff fortzusetzen. Lea erinnerte sich nur mit Grausen an ihre Erfahrungen auf der Rheinbarke und wünschte den Herren im Stillen guten Appetit.
Gleichzeitig schüttelte sie sich, denn sie fürchtete, selbst wieder der Seekrankheit zum Opfer zu fallen. Wenn sie hier so schwach und elend wurde wie auf der »Marijkje«, würde es ihr kaum möglich sein, in der Enge des Zwischendecks ihre wahre Identität zu verbergen.
Oben steigerte sich das Gebrüll des Kapitäns zu einem schier ohrenbetäubenden Dröhnen. Das Schiff schaukelte stärker und legte sich auf die Seite, während das Klatschen der Wellen auf der Bordwand zeigte, dass es Fahrt aufnahm. Die Reise, die sie bis ins ferne Spanien führen sollte, hatte begonnen.
7.
Im Gegensatz zu Marinus van Duyl, dessen ganzes Bestreben einer möglichst raschen Fahrt gegolten hatte, zählte Jan Ruyters zu den eher vorsichtigen Kapitänen. Er ließ nicht mehr Segel setzen, als es brauchte, um die »Zwaluw« in gemütlicher Fahrt die Schelde hinabzusteuern, und so machte das Schiff seinem Namen, der Schwalbe bedeutete, keine Ehre. Lea war froh um die gemächliche Reise, denn so konnte sie sich besser an die Tücken des Seegangs gewöhnen. Da die »Zwaluw« um einiges größer war als die »Marijkje«, bewegte sie sich gemächlicher und schüttelte ihre Passagiere auch nicht so durch. Trotzdem fühlten sich die meisten von Leas Mitreisenden schon kurz nach der Abfahrt hundeelend, allen voran die Herren um Frans van Grovius, die zu Anfang kräftig getafelt hatten. Die Edelleute stöhnten und jammerten zum Steinerweichen, während ihre ebenfalls grün-gesichtigen Diener ihnen Schüsseln hinhalten mussten, in die sie sich erleichtern konnten.
Die »Zwaluw« beherbergte mehr als hundert Menschen, die auf engstem Raum zusammengepfercht waren, und die Seekrankheit machte das Schiff für etliche Stunden zu einer ganz eigenen Art von Hölle. Die weniger angesehenen Mitglieder der Gesandtschaft und die Bediensteten wurden von den Matrosen unbarmherzig an Deck getrieben, wo sie an der Reling stehend unter dem Gelächter der Seemannschaft die Fische fütterten. Zwei von Leas Kabinengenossen gehörten zu den Opfern, während der Dritte zwar verschont blieb, sich aber ständig um seinen leidenden Herrn kümmern musste. So hatte Lea zu ihrer Erleichterung die Kabine den Rest des Tages für sich allein. Als es dunkelte, ließ Ruyters den Anker werfen, um sein Schiff nicht durch eine nächtliche Fahrt durch die von Untiefen durchzogene Westerschelde zu gefährden. Das sanfte Wiegen der »Zwaluw« schläferte Lea bald ein, und sie erwachte am Morgen mit dem sicheren Gefühl, auf dieser Fahrt von der Seekrankheit verschont zu bleiben.
Im Gegensatz zu den anderen Passagieren ließ sie sich das Frühstück schmecken und ging dann an Deck. Der Himmel war noch immer düster, doch der Wind hatte abgeflaut und wehte nun mehr von Norden, so dass die »Zwaluw« auf ihrem westlichen Kurs nicht mehr dagegen ankreuzen musste. Lea sah zu, wie das Bugspriet des Schiffes in der Dünung kreisende Bewegungen vollführte, und schmeckte das Salz in der Luft. Es konnte nicht mehr weit sein bis zum offenen Meer. Bevor sie es jedoch erreichten, legte Ruyters noch einmal in Vlissingen an, um einen Lotsen an Bord zu holen. Erst am nächsten Tag wagte sich die »Zwaluw« auf die offene Nordsee hinaus. Jetzt sah Lea zum ersten Mal Wasser, das ohne Grenzen bis zum Horizont reichte, und bekam nun doch Angst vor der grauen, wogenden Masse um sich herum.
Zu ihrer anfänglichen Erleichterung dachte Ruyters nicht daran, den Bug einfach in die See hinauszurichten und bis Spanien zu fahren. Er segelte in Sichtweite der Küste nach Südwesten, steuerte für die erste Übernachtung Brügge an und ließ dort frische Lebensmittel und Wasser an Bord bringen. Die zweite Nacht verbrachte die »Zwaluw« im Hafen Gravelingen. Als der Kapitän sich dann gezwungen sah, den Machtbereich des Burgunderherzogs zu verlassen, steuerte er auf England zu, um der französischen Küste nicht zu nahe zu kommen.
In diesen Tagen lernte Lea die übrigen Mitglieder der burgundischen Gesandtschaft kennen. Es waren allesamt Herren von Stand, Ritter, Barone und Grafen in Gewändern aus Samt und Seide, die vor goldenen Stickereien und aufgenähten Edelsteinen nur so strotzten. Die Barette und Hüte der Herren waren mit unzähligen Reiherfedern geschmückt, und die Finger ihrer behandschuhten Hände verschwanden fast unter protzigen Ringen. Lea kam sich vor wie ein Rebhuhn, das unter eine Schar von Pfauen geraten war. Die Herren benahmen sich auch wie diese Vögel, denn sie prunkten ständig mit ihren Namen und den Stammbäumen ihrer Familien. Frans van Grovius, ihr Anführer, war Flame, doch die meisten von ihnen sprachen Französisch oder Deutsch, denn das Herzogtum Burgund umfasste Gebiete aller drei Sprachkreise.
Da Lea nicht zu den Bediensteten zählte, aber von den Edelleuten auch nicht als gleichberechtigtes Mitglied der Gesandtschaft angesehen wurde, wusste man zunächst nichts mit Leon de Saint Jacques anzufangen. Ihre Kajütengenossen und die anderen Diener begegneten ihr mit einer gewissen Scheu und bemühten sich, ihr nicht zu nahe zu treten, und der engere Kreis um Frans von Grovius sah über sie hinweg, als wäre sie Luft. Die restlichen Begleiter der Gesandten, die als Schreiber und Archivare fungieren sollten, waren zumeist Angehörige des Kleinadels, die weniger Vorurteile pflegten und den Bankmenschen allmählich akzeptierten.