Paladin der Seelen [Paladin of Souls - de]
- Автор: Буджолд Лоис Макмастер
- Серия: Chalion (de) #2
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Bastei L
- ISBN: 3-404-20505-7
- Переводчик: Alexander Lohmann
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Paladin der Seelen [Paladin of Souls - de]». Краткое содержание книги:
Er starrte wild um sich. »Liss!«, rief er.
»Hier!« Das Palominopferd war auf der rechten Seite des Wagens geblieben und passte sich dessen abnehmender Geschwindigkeit an.
Weitere Schreie und lautes Krachen erklangen von vorn. Der schlingernde Wagen schleuderte vom Scheitel der Straße und kam schließlich schräg zum Stehen. Arhys ließ sein Schwert fallen und hob den schlaffen Körper seiner Frau vom Boden auf. Er hievte sie nach draußen und in die Arme der überraschten Liss. »Nimm sie, nimm sie! Reite, wenn du kannst. Nach Porifors.«
»Ja!«, rief auch Ista. »Tu, was er sagt!«
Foix’ Pferd tauchte in ihrem Blickfeld auf, hielt und bäumte sich wild auf. Ista zeigte nach unten. »Foix, war das Euer Dämon?«
»Nein, Majestät!« Er beugte sich über den Sattelknopf und starrte zu ihr herein. Seine Augen waren weit aufgerissen. Der Schatten des Bären in seinem Innern stand scheinbar aufrecht; sein Kopf drehte sich benommen von einer Seite zur anderen.
»Majestät …?«, rief Liss’ raue Stimme unsicher, während sie verzweifelt versuchte, ihre reglose Last besser in den Griff zu bekommen.
»Nimm Cattilara und reite, oder wir alle sind verloren! Foix, geht mit ihr! Bringt sie durch!«
»Majestät, ich kann nicht …«
»Reitet!« Ista schrie sich beinahe die Seele aus dem Leib. Beide Pferde preschten davon. Ein Schauer dunkler Tropfen regnete von Foix’ Schwert, als er vorüberritt. Gellend Schreie, schabendes Metall, das Singen einer Armbrustsehne, das Geräusch einer schweren Klinge, die in Fleisch schlug — all diese Geräusche drangen an Istas Ohren. Doch das doppelte Echo der Pferdehufe verschwand in der Ferne, ohne langsamer zu werden oder abzuweichen.
Ista kletterte nach vorn, packte die hintere Kante des Kutschbocks und spähte darüber hinweg. Eine große Sänfte mit grünen Tuchbehängen und goldenem Besatz war vor ihnen zur Seite und auf die Straße gekippt. Eines der beiden vorderen Zugpferde stampfte und trat aus, denn seine Vorderbeine hingen zwischen den hinteren Brettern und Haltestangen der Sänfte fest. Das gesplitterte Holz hatte die Haut aufgerissen. Das andere Vorpferd lag in seinem Zuggeschirr, blutete und gab grauenvolle Laute von sich. Ein Dutzend Träger in reich bestickten grünen Gewändern war überall verteilt; sie riefen und schrien, und diejenigen unter ihnen, die noch laufen konnten, halfen den verwundeten Kameraden. Drei von ihnen versuchten, das scheuende Pferd unter Kontrolle zu halten und einen stöhnenden vierten Mann zwischen den Trümmern hervorzuziehen.
Sie hatten vielleicht die Hälfte des Abstiegs zum Fluss bewältigt, wo die Straße ihre letzte Biegung Richtung Porifors beschrieb. Wären sie nicht auf dieses Hindernis gestoßen, erkannte Ista, hätten sie die Spitze des Heerzuges vielleicht tatsächlich durchstoßen können. Ob sie danach ihre Feinde abgehängt hätten, blieb allerdings offen.
Goram saß wie erstarrt und streckte die Hände in die Luft. Ista folgte seinem verängstigten Blick bis zu einem jokonischen Soldaten, der mit gespannter Armbrust mitten auf der Straße stand und auf den Knecht zielte. Ein weiterer Soldat rannte herbei, und noch einer, bis der Wagen von einem Dutzend Männern umringt war, deren Finger zitternd an den Abzugsstangen lagen.
Ein jokonischer Soldat schlich vorsichtig heran und zerrte Goram vom Kutschbock. Der Knecht stolperte auf die Straße und stand da, die Arme um den Körper geschlungen. Er schniefte unkontrolliert. Der Soldat kehrte zurück, griff nach Ista und zerrte sie grob zu sich herunter. Sie leistete keinen Widerstand. Lieber wollte sie auf eigenen Füßen stehen, als sich mitschleifen zu lassen. Arhys erschien auf dem Kutschbock und stand dort für einen Augenblick mit ausgestrecktem, doch reglos gehaltenem Schwert. Seine Kiefermuskeln spannten sich an, als sein Blick über die Schützen glitt. Ein Mundwinkel hob sich zu einem merkwürdigen Lächeln. Anscheinend dachte er daran, wie wenig diese glitzernden Bolzen ihm anhaben konnten, sollte er sich dazu entschließen, herabzuspringen und anzugreifen. Doch das Lächeln wurde säuerlich, und er biss die Zähne zusammen, als er den Gedanken zu Ende führte, bis zu den unausweichlichen Folgen. Ganz langsam senkte er die Spitze der Klinge.
Ein Armbrustschütze bedeutete ihm, die Waffe herunterzuwerfen. Arhys blickte auf die Armbrustbolzen, die auf Ista gerichtet waren, und gehorchte. Die Klinge fiel in den Kies. Ein Jokoner hob sie auf, und Arhys trat freiwillig vom Kutschbock herunter. Noch immer verzichteten die jokonischen Soldaten darauf, ihn zu ergreifen — oder fürchteten sich.
Zwei weitere grün gekleidete Träger halfen einer kleinen, benommen wirkenden Frau in dunkelgrünen Seidengewändern unter dem schief sitzenden Baldachin der Sänfte hervor.
Ista sog scharf die Luft ein.
Ihr zweites Gesicht blickte auf eine Seele, wie sie nie zuvor eine gesehen hatte. Die Seele war aufgewühlt und brodelte an den Randzonen des Körpers der Frau in grellen Farben, doch zur Mitte hin wurde sie dunkler und schließlich so schwarz, dass Ista den Eindruck hatte, um Mitternacht in eine schwarze Quelle zu blicken. Doch diese Schwärze war nicht leer: Schwache farbige Linien strahlten von dem bodenlosen Abgrund in alle Richtungen aus — ein verstricktes Netz, das sich wand und pulsierte. Ista musste sich zwingen, diesen überwältigenden Eindruck ihres zweiten Gesichts zu verdrängen und die Äußerlichkeiten der Frau wahrzunehmen.
Sie bot einen eigentümlichen Anblick, eine Mischung aus Vornehmheit und Reichtum, Farblosigkeit und Alter. Sie war nur wenig größer als Ista selbst. Glanzloses, graubraun gewelltes Haar war ineinander geflochten zur roknarischen Hoffrisur, zusammengehalten von Schnüren voller funkelnder Juwelen in Gestalt kleiner Blüten. Ihr Gesicht war blass und faltig, frei von Schminke oder Fuder. Ihr Kleid bestand aus vielen Lagen Stoff und war mit Garnen aus goldenen und schimmernden Seiden bestickt, die ineinander greifende Vögel darstellten. Ihr Körper war zierlich, mit schlaffen Brüsten und herabhängendem Bauch. Ihr Mund zeigte einen zornigen Ausdruck. Ihre blassen blauen Augen glühten, als sie sich schließlich Ista zuwandten.
Ein junger Offizier ritt auf einem unruhig tänzelnden Pferd heran. Er hielt, schwang sich neben der Frau aus dem Sattel und ließ die Zügel fallen, die sofort von einem Soldaten aufgefangen wurden, der herbeieilte. Der Offizier starrte Ista wie gelähmt an. Das Gold und die Juwelen, mit denen das Zaumzeug seines Pferdes besetzt war, verrieten mehr über seinen hohen Rang als der Schmuck auf seiner eigenen Kleidung, obwohl er eine goldgesäumte grüne Schärpe über der Brust trug, die mit einer Reihe fliegender weißer Pelikane bestickt war. Er hatte ein hübsches Gesicht mit hohen Wangenknochen, und das dicht an seine Kopfhaut geflochtene Haar leuchtete golden in der Mittagssonne.
Und seine Seele war verloren in einem dichten violetten Schleier, der sich bis an die Grenzen seines Körpers erstreckte …
Sie haben einen Zauberer. Anscheinend lag hier, vor Istas innerem Auge, der Ursprung dieses Aufblitzens chaotischer Macht, das die Sicherungsstifte der Achse hatte herausgleiten und die hinteren Räder abspringen lassen: Die Farben im Körper des Mannes pulsierten und zuckten immer noch, wie ein Nachhall der freigesetzten Kräfte. Und doch, während Ista zu ihm hinschaute, schien das dämonische Licht zu schrumpfen, sich zurückzuziehen.
Mit gezogenen Klingen wurden der Page und das Kammerfräulein aus dem hinteren Teil des Wagens herausgetrieben und mussten sich zu Arhys stellen. Sie klammerten sich aneinander fest. Der Graf schaute kurz unter halb geschlossenen Augenlidern zu ihnen, als wollte er sie bestärken. Dann wandte er sich wieder der alten Frau und dem Offizier zu. Illvin und die Ritter der Tochter waren nirgendwo zu sehen. Verstreut? Gefangen? Getötet?
Ista wurde sich ihrer schlichten Reitkleidung bewusst, die ohne Schmuck oder andere Hinweise auf ihren Rang war. Ihr Gesicht war gerötet, verschwitzt und verdreckt. Allzu vertraute Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Konnte sie als Kammerfrau oder Dienstbotin durchgehen? Konnte sie den Wert dieser Beute vor ihren Feinden verbergen, ihre Unaufmerksamkeit zur Flucht nutzen? Oder würde sie das nur zu einem billigen Leckerbissen für die jokonischen Truppen machen, um geschunden und dann gleichsam weggeworfen zu werden wie das unglückliche Dienstmädchen der reichen Frau aus Rauma?