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Shades of Grey - Geheimes Verlangen

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Shades of Grey - Geheimes Verlangen
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»Ana Steele. Ich bin Jack Hyde, Cheflektor bei SIP. Freut mich sehr, Sie kennen zu lernen.«

Wir schütteln einander die Hand. Der Ausdruck in seinen Augen ist schwer zu deuten, aber durchaus wohlwollend, soweit ich erkennen kann.

»Hatten Sie einen weiten Weg hierher?«, erkundigt er sich freundlich.

»Nein, ich bin vor ein paar Tagen in ein Apartment am Pike Place Market gezogen.«

»Das ist ja direkt um die Ecke. Bitte, setzen Sie sich doch.«

Ich nehme Platz. Elizabeth setzt sich auf einen Stuhl neben ihm.

»Weshalb möchten Sie ein Praktikum bei SIP machen, Ana?«, fragt er.

Er spricht meinen Namen ganz sanft und mit schief gelegtem Kopf aus – in derselben Art wie ein anderer Mann, den ich kenne. Ich schiebe den absurden Argwohn, den diese Geste in mir auslöst, beiseite und gebe meine sorgsam geprobte Antwort zum Besten. Eine rosige Wärme breitet sich auf meinen Wangen aus, als ich meine Gesprächspartner abwechselnd ansehe. Eines der Prinzipien aus Katherine Kavanaghs Vortrag »Wie führe ich ein erfolgreiches Vorstellungsgespräch« kommt mir wieder in den Sinn: Immer schön Blickkontakt halten, Ana! Lieber Himmel, auch Kate ist Expertin darin, andere herumzukommandieren. Jack und Elizabeth hören mir aufmerksam zu.

»Ihr Notendurchschnitt ist ja ziemlich beeindruckend, Ana. Welchen extracurricularen Aktivitäten haben Sie denn während des Studiums gefrönt?«

Extracurriculare Aktivitäten? Gefrönt? Ich sehe ihn verblüfft an. Was für eine merkwürdige Wortwahl. Ich erzähle von meiner Tätigkeit in der Uni-Bibliothek und der einmaligen Erfahrung, einen obszön wohlhabenden Despoten für die Studentenzeitung zu interviewen, wobei ich die Tatsache, dass ich den Artikel anschließend nicht selbst verfasst habe, geflissentlich unter den Tisch fallen lasse. Dann schildere ich meine Tätigkeit für die beiden Literaturclubs, denen ich angehört habe, und erzähle von meinem Job bei Clayton’s und den dort erworbenen völlig nutzlosen Kenntnissen über Eisenwaren und alles andere, was der Heimwerker so wissen muss. Sie lachen beide – genau die Reaktion, die ich erhofft habe. Allmählich entspanne ich mich.

Jack Hyde stellt mir eine Reihe forscher, intelligenter Fragen, von denen ich mich allerdings nicht aus dem Konzept bringen lasse. Und auch als die Rede auf meine Lieblingsautoren und -bücher kommt, schlage ich mich recht wacker. Jack scheint sich ausschließlich mit der amerikanischen Literatur nach 1950 zu beschäftigen; keine Klassiker – nicht einmal Henry James, Upton Sinclair oder F. Scott Fitzgerald. Elizabeth sagt gar nichts, sondern macht sich lediglich Notizen und nickt ab und zu. Jack ist zwar ein streitlustiger, aber durchaus charmanter Gesprächspartner, und ich ertappe mich dabei, dass mein anfänglicher Argwohn mit jeder Minute abnimmt.

»Und wo sehen Sie sich in fünf Jahren?«, erkundigt er sich.

An Christian Greys Seite, schießt es mir unwillkürlich durch den Kopf. Ich runzle die Stirn.

»Als Lektorin, vielleicht? Oder als Literaturagentin. Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Ich bin für alles offen.«

Er grinst. »Sehr gut, Ana. Ich habe für den Augenblick keine weiteren Fragen. Sie?«

»Wann könnte ich anfangen?«

»So schnell wie möglich«, schaltet sich Elizabeth ein. »Wann ginge es bei Ihnen?«

»Ab nächste Woche.«

»Gut zu wissen«, sagt Jack.

»Wenn das alles ist« – Elizabeth sieht zwischen Jack und mir hin und her –, »würde ich sagen, wir machen Schluss für heute.« Sie lächelt.

»Es war mir ein Vergnügen, Sie kennen zu lernen, Ana«, sagt Jack leise, nimmt meine Hand und drückt sie kaum merklich.

Ich sehe auf.

Ein leises Unbehagen beschleicht mich, als ich zum Wagen gehe, auch wenn ich nicht sagen kann, weshalb. Ich habe das Gefühl, als wäre das Gespräch ganz gut gelaufen, aber das ist schwer zu sagen. Vorstellungsgespräche haben immer etwas Gekünsteltes  – jeder zeigt sich von seiner Schokoladenseite und bemüht sich verzweifelt, sein wahres Ich hinter einer Fassade der Professionalität zu verbergen. Hat ihnen meine Nase gefallen? Ich beschließe, einfach abzuwarten, was passiert.

Ich steige in meinen Audi und fahre nach Hause. Ich bin auf dem Nachtflug mit einem Zwischenstopp in Atlanta gebucht, aber meine Maschine geht erst um 22:25 Uhr, deshalb habe ich mehr als genug Zeit.

Kate ist gerade dabei, weitere Kartons auszupacken, als ich nach Hause komme.

»Und? Wie ist es gelaufen?«, fragt sie aufgeregt. Kate ist der einzige Mensch auf der Welt, der auch in einem ausgeleierten T-Shirt und zerschlissenen Jeans noch umwerfend aussieht.

»Gut. Danke, Kate. Allerdings bin ich nicht sicher, ob mein Outfit so ganz das Richtige war.«

»Wirklich?«

»Boho-Chic hätte voll und ganz ausgereicht.«

Kate hebt eine Braue. »Du und Boho-Chic.« Sie legt den Kopf schief – aaaah! Wieso zum Teufel erinnert mich jeder an Christian Grey? »Rein zufällig gehörst du zu den wenigen, die diesen Look wirklich tragen können.«

Ich grinse. »Der zweite Verlag war wirklich toll. Ich glaube, dort könnte ich gut reinpassen. Der Typ, der das Gespräch geführt hat, war zwar ein bisschen nervig, aber …« Ich verstumme. Mist – ich rede hier mit Kate Kavanagh, der Erfinderin des Klatsch-Rundrufs. Halt die Klappe, Ana!

»Ach so?« Kates Radar für pikante Details ist bereits auf Empfang – Details, die meist in den peinlichsten, ungünstigsten Momenten wieder ans Tageslicht kommen. Apropos peinlich.

»Könntest du endlich damit aufhören, Christian zuzusetzen? Die Bemerkung über José gestern Abend war absolut unmöglich. Du weißt genau, wie eifersüchtig Christian ist. Du tust niemandem einen Gefallen damit, das ist dir hoffentlich klar.«

»Wäre er nicht Elliots Bruder, hätte ich noch ganz andere Sachen gesagt. Der Typ ist ein Kontrollfreak. Keine Ahnung, wie du das aushältst. Ich habe doch bloß versucht, ihn ein bisschen eifersüchtig zu machen und ihm zu helfen, seine Bindungsphobie zu überwinden.« Sie hebt resigniert die Hände. »Aber wenn du nicht willst, dass ich mich einmische, lasse ich es natürlich bleiben«, fügt sie hastig hinzu, als sie meinen finsteren Blick sieht.

»Gut. Das Leben mit Christian ist schon kompliziert genug, das kann ich dir versichern.«

Meine Güte, jetzt klinge ich schon so wie er.

»Ana.« Sie hält inne. »Ist auch wirklich alles in Ordnung? Oder ist dieser Besuch bei deiner Mutter in Wahrheit eine Art Flucht?«

Ich laufe rot an. »Nein, Kate, ist es nicht. Du bist doch diejenige, die gesagt hat, ich bräuchte dringend ein bisschen Abstand.«

Sie tritt vor mich und nimmt meine Hände – eine höchst ungewöhnliche Geste für Kate. O nein … jetzt bloß nicht weinen.

»Du bist nur irgendwie … keine Ahnung … anders als sonst. Ich will doch nur, dass es dir gut geht, das ist alles. Und welche Probleme du auch immer mit deinem Mr. Geldsack haben magst – du kannst jederzeit zu mir kommen. Ich werde ihn auch nicht mehr auf die Palme bringen, obwohl das ziemlich schwierig werden wird, weil er wegen jeder Kleinigkeit die Wände hochgeht. Sollte irgendetwas nicht in Ordnung sein, Ana, dann sag es mir. Ich werde dir bestimmt keinen Strick daraus drehen, sondern versuchen, es zu verstehen.«

Ich blinzele gegen die Tränen an. »Oh, Kate.« Ich umarme sie. »Ich glaube, ich habe mich ernsthaft in ihn verliebt.«

»Das sieht jeder Blinde, Ana. Und er ist in dich verliebt. Der Typ ist völlig verrückt nach dir.«

Ich lache unsicher. »Glaubst du?«

»Hat er dir das denn nicht längst gesagt?«

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