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Der Graf von Sainte-Hermine

Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:

Hector de Sainte-Hermine sitzt zwischen den Stühlen: Er hat geschworen, seine Familie zu rächen, die von der Französischen Revolution ausgelöscht wurde, doch irgendwie begeistert ihn dieser Napoleon Bonaparte auch, der Frankreich nun mit großem Enthusiasmus regiert. Seine Zerrissenheit führt ihn in die entlegensten Ecken der Welt, als Freibeuter, Abenteurer und schließlich als Waffengefährte Napoleons in die Schlacht von Trafalgar. Der letzte und unvollendete Roman von Alexandre Dumas wartet mit allem auf, was man vom Großmeister der Mantel-und-Degen-Geschichten erwartet: Rasante Kampfszenarien und romantisch-sehnsüchtigen Liebesgeschichten wechseln sich ab mit politischen und philosophischen Ausführungen. Erst 1990 wurde die Manuskripte des als Fortsetzungsroman angelegten Buchs entdeckt, der französische Forscher Claude Schopp puzzelte die Einzelteile zusammen. Er versah die Erzählung dann auch mit einem Anhang, der dem scheinbar auf ewig unvollendeten Roman doch noch ein würdiges Ende setzt. Spannender Lesestoff, der bald verfilmt werden dürfte - wahrscheinlich mit Leonardo DiCaprio in der Hauptrolle.
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
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Eines Nachts gegen Ende Februar, als man ihn aus dem Haus gejagt hatte, in dem er Zuflucht gefunden hatte, eine Meute von Polizisten auf den Fersen und in höchster Not, stürzt sich Georges wie ein Hirsch beim Anblick eines Teichs den Boulevard entlang in den Faubourg Saint-Denis. Auf einem beleuchteten Schild liest er die Worte: Guilbart, Chirurg und Zahnarzt, läutet stürmisch, die Tür wird geöffnet, er schließt sie hinter sich, erwidert dem Concierge, der sein Begehr wissen wilclass="underline" »Zu Monsieur Guilbart«, begegnet auf halber Treppe dem Dienstmädchen des Arztes, das beim Anblick eines in seinen Mantel vermummten Mannes, der sich gewaltsam Zutritt zu schaffen versucht hat, am liebsten um Hilfe rufen würde.

Georges zieht ein Taschentuch hervor und presst es sich an die Wange.

»Ist der Chirurg zu sprechen, Madame?«, fragt er und stößt ein lautes Stöhnen aus.

»Nein, Monsieur!«, erwidert das Hausmädchen.

»Wo ist er denn?«, fragte Georges.

»Er ist zu Bett. Wie es sich gehört, es ist schließlich Mitternacht!«

»Für mich wird er aufstehen, wenn er ein Mensch mit Herz ist.«

»Menschen mit Herz schlafen um diese Zeit wie alle anderen.«

»Gewiss, aber sie stehen auf, wenn man an ihr Herz appelliert.«

»Haben Sie Zahnweh?«

»Sagen Sie ihm, dass ich höllisches Zahnweh habe.«

»Soll er Ihnen mehrere Zähne reißen?«

»Den ganzen Kiefer, wenn es sein muss.«

»Das ist etwas anderes. Aber ich muss Ihnen sagen, dass Monsieur nicht unter einem Louisdor je Zahn reißt.«

»Zwei Louisdor, wenn es sein muss.«

Das Dienstmädchen steigt die Treppe hinauf, führt Georges in das Behandlungszimmer, zündet die zwei Kerzen an dem Sessel an und geht in das Nachbarzimmer; fünf Minuten später kehrt es zurück und sagt: »Monsieur, folgt mir.«

In der Tat trat der Arzt im nächsten Augenblick ein.

»Beeilen Sie sich, mein lieber Doktor«, rief Georges, »ich warte sehnsüchtig auf Sie.«

»Da bin ich schon, da bin ich schon«, sagte der Arzt. »Setzen Sie sich in jenen Sessel... Gut, jetzt sind Sie hier. Zeigen Sie mir den Zahn, der Ihnen Schmerzen bereitet.«

»Den Zahn, der mir Schmerzen bereitet, zum Teufel!«

»Ja.«

»Hier.«

Und Georges öffnete den Mund und enthüllte dem Blick des Chirurgen ein wahres Schmuckkästchen, das zweiunddreißig Perlen enthielt.

»Oho!«, sagte der Arzt. »So ein prachtvolles Gebiss habe ich selten gesehen; doch welches ist der Zahn, der Ihnen Schmerzen bereitet?«

»Es ist eine Art Neuralgie, Doktor, suchen Sie selbst.«

»Auf welcher Seite?«

»Rechts.«

»Sie belieben zu scherzen, ich kann keinen einzigen Zahn entdecken, der einen Makel hätte.«

»Doktor, denken Sie, ich bäte Sie zum Vergnügen, mir einen Zahn zu reißen?«

»Aber welchen Zahn soll ich Ihnen reißen?«

»Den da«, sagte Georges und deutete auf den ersten Backenzahn, »nehmen Sie den!«

»Sind Sie ganz sicher?«

»Mehr als sicher, beeilen Sie sich.«

»Monsieur, ich muss Ihnen trotzdem versichern...«

»Mir scheint«, erwiderte Georges mit gerunzelter Stirn, »dass es erlaubt sein müsste, sich einen Zahn reißen zu lassen, der Schmerzen macht.«

Und indem Georges sich aufrichtete, ließ er vielleicht nicht unabsichtlich die Griffe zweier Pistolen und eines reichverzierten Dolchs sehen.

Der Chirurg begriff, dass er einem so wohlbewaffneten Mann besser nichts abschlug; er setzte die Schraubzange an, drehte sie und zog den Zahn.

Georges stieß keinen Klagelaut aus. Er ergriff ein Glas, schenkte Wasser ein, gab ein paar Tropfen Medizin in das Wasser und sagte überaus höflich: »Monsieur, niemand dürfte eine leichtere Hand und zugleich einen festeren Griff haben als Sie. Dennoch muss ich sagen, dass mir die englische Methode lieber ist als die französische.«

Er spülte sich den Mund und spie in das Becken.

»Und wie kommt es zu dieser Vorliebe, Monsieur?«

»Sie rührt daher, dass die Engländer die Zähne mit der Zange ziehen, von unten nach oben, so dass der Zahn in gerader Richtung entfernt wird, während die Franzosen eine Schraubbewegung ausführen, mit der die Zahnwurzel gedreht wird, und das ist sehr schmerzhaft.«

»Recht viel Schmerz haben Sie sich nicht anmerken lassen.«

»Das kommt daher, dass ich große Selbstbeherrschung besitze.«

»Sind Sie Franzose, Monsieur?«

»Nein, ich bin Bretone.«

Und er legte zwei Louisdor auf den Kaminsims.

Georges hatte noch nicht das vereinbarte Signal gehört, das reine Luft bedeutete, und wollte deshalb Zeit gewinnen. Monsieur Guilbart wiederum hatte nicht die Absicht, einen so schwerbewaffneten Patienten zu verärgern, und zeigte sich von den banalsten Gesprächsgegenständen angetan. Schließlich ertönte ein Pfiff.

Das war das Signal, auf das Georges gewartet hatte. Er erhob sich, schüttelte dem Arzt herzlich die Hand und stieg eilig die Treppe hinunter.

Der Arzt blieb zurück, außerstande, sich zu erklären, was vorgefallen war, und ratlos, ob er es mit einem Wahnsinnigen oder mit einem Einbrecher zu tun gehabt hatte. Erst am nächsten Tag, als ein Polizist ihn aufsuchte und ihm Georges beschrieb, den die Polizisten in der Nähe seines Hauses aus den Augen verloren hatten, erkannte er den Gesuchten wieder.

Als der Polizist sagte: »Er hat alle zweiunddreißig Zähne im Mund«, ging dem Arzt ein Licht auf; er sagte: »Da irren Sie sich! Er hat nur noch einunddreißig Zähne.«

»Seit wann?«, fragte der Polizist.

»Seit gestern Abend«, sagte Moniseur Guilbart, »denn da habe ich ihm einen Zahn gezogen.«  

Zwei Tage nach diesen Geschehnissen, die in Polizeikreisen seither legendär geworden sind, wurden zwei Verschwörer von höchster Bedeutung festgenommen.

Es geschah folgendermaßen (der folgende Bericht ist weder eine Polizeilegende noch eine Kanzlistenanekdote):

Bei meiner ersten Überfahrt von Genua nach Marseille mit dem Dampfschiff lernte ich den Marquis de Rivière kennen. Seine fesselnde Konversation weckte mein größtes Interesse, doch als er dazu ansetzte, mir die Geschichte seiner Verhaftung zu erzählen, setzte bei mir die Seekrankheit ein, und mir war, als bohrte sich seine kraftvolle Stimme, die mich bis in meine unerträglichen Qualen verfolgte, in meinen armen Kopf; er schwieg erst, als er merkte, welch übermenschliche Anstrengung es mich kostete, ihm zuzuhören und ihm zugleich meine Unpässlichkeit zu verbergen. Aus diesem Grund ist mir das, was er erzählte, nach vierzig Jahren noch so gegenwärtig, als hätte ich mich erst gestern mit ihm unterhalten.

Monsieur de Rivière und Monsieur Jules de Polignac verband eine jener Freundschaften wie im Altertum, die nur der Tod beenden kann; sie konspirierten miteinander, sie waren gemeinsam nach Paris gekommen, und sie zählten darauf, miteinander zu sterben.

Nachdem Moreau und Pichegru verhaftet worden waren, wurden auch sie aufgestöbert. Da sie nicht wussten, wo sie sich verstecken sollten, erwogen sie, den Grafen Alexandre de Laborde um Asyl zu bitten, einen jungen Mann ihres Alters, der sich mit der Regierung des Ersten Konsuls ohne Weiteres hatte arrangieren können, da er zum Geldadel zählte.

Monsieur de Labordes Stadtpalais befand sich in der Rue d’Artois an der Chaussée d’Antin. Als die Flüchtenden den Boulevard des Italiens erreichten, blieb der Marquis de Rivière vor einem der Pfeiler des sogenannten Pavillon de Hanovre stehen und las die dort angeschlagene Bekanntmachung des Polizeipräfekten, die den Hehlern mit der Todesstrafe drohte. Er ging zu Jules de Polignac zurück, der auf dem Boulevard wartete.

»Mein Freund«, sagte der Marquis, »beinahe hätten wir uns etwas zuschulden kommen lassen: Wenn wir den Grafen von Laborde um Asyl bitten, bringen wir ihn und seine ganze Familie in Lebensgefahr. Für Geld können wir uns einen ebenso sicheren Zufluchtsort besorgen – machen wir uns auf die Suche.«

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