Der Graf von Sainte-Hermine
- Автор: Дюма Александр
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Blanvalet Verlag
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Der Graf von Sainte-Hermine». Краткое содержание книги:
Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel »Le Chevalier de Sainte-Hermine« bei Éditions Phébus, Paris.
»Sehr gut«, sagte Fouché, »um vier Uhr morgens wird man ihn verhaften; allerdings bin ich dem Ersten Konsul für die Sache verantwortlich und möchte sie deshalb zu Ende führen.«
»Bitte sehr«, sagte Murat.
Am nächsten Morgen zwischen drei und vier Uhr begaben sich der Polizeikommissar Comminges, zwei Inspektoren und vier Gendarmen aufgrund der ihnen gegebenen Informationen in die Nummer fünf der Rue Chabanais. Tapfere und unerschrockene Männer waren für dieses Unternehmen gewählt worden, denn es war bekannt, dass Pichegru keine Furcht kannte und sich nicht ohne erbitterten Widerstand gefangen nehmen lassen würde.
Der Concierge wurde so leise wie möglich geweckt; man teilte ihm mit, worum es ging, und verlangte, Leblancs Köchin zu sprechen.
Die Köchin, am Abend eingeweiht, hatte sich nicht entkleidet; sie kam herunter, öffnete mit dem Schlüssel, den ihr Herr hatte machen lassen, die Küchentür, und ließ die sechs Polizisten und den Kommissar in Pichegrus Zimmer eintreten.
Pichegru schlief.
Die sechs Gendarmen stürzten sich auf das Bett. Pichegru richtete sich auf, warf zwei Gendarmen um, suchte nach seinen Pistolen und seinem Dolch, doch vergebens.
Die verbliebenen vier Gendarmen warfen sich wie ein Mann auf ihn. Pichegru, halbnackt, wehrte sich gegen drei von ihnen, indes der vierte ihm mit dem Säbel die Beine zerfleischte. Er stürzte nieder wie ein Berg. Ein Gendarm stellte ihm den Stiefel auf das Gesicht, stieß jedoch sofort einen Schrei aus: Pichegru hatte ihm die Stiefelsohle und einen Teil des Fersenbeins abgebissen. Die drei anderen umschlangen ihn mit dicken Seilen, die sie mittels eines Drehkreuzes befestigten.
»Ich bin besiegt!«, sagte Pichegru. »Genug!«
Man warf ihm eine Decke über und verfrachtete ihn in einen Fiaker.
An der Barrière des Sergents bemerkten der Kommissar und die zwei Polizisten, die mit Pichegru im Wagen saßen, dass er nicht mehr atmete. Der Kommissar ließ die Stricke lockern. Es war höchste Zeit, der Gefangene stand kurz vor dem Tod.
Unterdessen brachte ein Gendarm Bonaparte die Papiere, die man bei Pichegru gefunden hatte.
Pichegru wiederum wurde so, wie er war, in Monsieur Réals Arbeitszimmer gebracht. Dieser versuchte, ihn zu verhören. Marco Saint-Hilaire hat uns dieses erste Verhör erhalten. Er schildert sehr genau, in welchem Zustand Pichegru sich befand.
»Wie heißen Sie?«, fragte ihn der Staatsrat.
»Wenn Sie meinen Namen nicht wissen«, erwiderte Pichegru, »werden Sie kaum bestreiten wollen, dass es nicht an mir ist, ihn Ihnen zu nennen.«
»Kennen Sie Georges?«
»Nein.«
»Woher kommen Sie?«
»Aus England.«
»Wo sind Sie gelandet?«
»Wo ich konnte.«
»Wie sind Sie nach Paris gekommen?«
»Im Wagen.«
»Mit wem?«
»Mit mir.«
»Kennen Sie Moreau?«
»Ja, er hat mich vor dem Direktorium verleumdet.«
»Haben Sie ihn in Paris wiedergesehen?«
»Hätten wir uns wiedergesehen, dann mit dem Degen in der Hand.«
»Und kennen Sie mich?«
»Sicherlich.«
»Ich habe oft von Ihnen gehört, und ich achte Ihre militärischen Fähigkeiten.«
»Sehr schmeichelhaft«, erwiderte Pichegru.
»Man wird Ihre Wunden verbinden.«
»Das ist unnötig, sorgen Sie dafür, dass ich erschossen werde.«
»Haben Sie einen Vornamen?«
»Meine Taufe ist so lange her, dass ich ihn vergessen habe.«
»Nannte man Sie nicht bisweilen Charles?«
»Diesen Namen haben Sie mir in dem gefälschten Briefwechsel gegeben, den Sie mir untergeschoben haben; im Übrigen werde ich von jetzt an nicht mehr auf Ihre unverschämten Fragen antworten.«
In der Tat wahrte Pichegru von da an Schweigen. Man brachte ihm in Monsieur Réals Arbeitszimmer Kleidung und Leibwäsche, die man aus seiner Wohnung mitgenommen hatte.
Einer der Gerichtsdiener diente ihm als Kammerdiener.
Als Pichegru das Temple-Gefängnis betrat, trug er einen braunen Frack, eine schwarze Seidenkrawatte und Stulpenstiefel; eine eng anliegende lange Hose hielt die Verbände an seinen zerfleischten Beinen. Ein blutiges weißes Taschentuch diente als Verband um eine seiner Hände.
Nach erfolgtem Verhör eilte Monsieur Réal in den Tuilerienpalast. Wie gesagt hatte man Pichegrus Papiere Bonaparte gebracht. Réal fand ihn damit beschäftigt, nicht etwa Pichegrus Papiere zu lesen, sondern einen Bericht, den Pichegru über die Verbesserung Französisch-Guyanas verfasst hatte. Während seines Aufenthalts in Sinnamary hatte er sich Notizen über das Klima gemacht, und während der Zeit, die er in England verbrachte, hatte er als begeisterter Ingenieur den Bericht geschrieben. Er schloss mit der Bemerkung, dass seiner Ansicht nach nicht mehr als zwölf oder vierzehn Millionen erforderlich seien, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu erzielen.
Dieser Bericht hatte Bonaparte zutiefst beeindruckt: Er hörte Réal nur mit halbem Ohr zu, als dieser von Verhör und Verhaftung Pichegrus berichtete. Als Réal schwieg, reichte Bonaparte ihm den Bericht, den er soeben gelesen hatte.
»Lesen Sie selbst«, sagte er.
»Was ist das?«
»Das ist das Werk eines Unschuldigen, der in die Gesellschaft von Schuldigen geraten ist, wie es zuweilen geschieht, und der fern seinem Vaterland keineswegs konspiriert hat, sondern Ruhm und Reichtum Frankreichs zu mehren bestrebt war.«
»Ah«, sagte Réal, der auf den Bericht blickte, den der Erste Konsul ihm hinhielt, »ein Bericht über Guyana und die Möglichkeiten, unseren Landbesitz auf dem Festland zu verbessern.«
»Wissen Sie, von wem er stammt?«, fragte Bonaparte.
»Ich sehe keinen Verfassernamen«, sagte Réal.
»Ha, Pichegru ist der Verfasser. Seien Sie wohlwollend, sprechen Sie zu ihm, wie es einem Mann von seinen Verdiensten zusteht, bringen Sie das Gespräch auf Cayenne und Sinnamary; ich wäre nicht übel geneigt, ihn als Gouverneur dorthin zu schicken und ihm zehn bis zwölf Millionen Kredit einzuräumen, damit er seine Pläne in die Tat umsetzen kann.«
Bonaparte verschwand in sein Kabinett und ließ einen Réal zurück, der kaum zu fassen vermochte, welche Pläne der Erste Konsul mit einem Mann hatte, dessen Vergehen die Todesstrafe verdienten.
Doch unter Bonapartes Rivalen war Pichegru nicht nur derjenige, der ihm vielleicht nützlicher sein konnte, sondern auch derjenige, den Bonaparte weniger verabscheute, denn Pichegru hatte seine Beliebtheit bereits verloren, während Moreau beliebter war denn je. Wollte er um die Gunst des Volkes buhlen, hätte Bonaparte Moreau begnadigen und Pichegru entschädigen müssen. Und im Windschatten dieser demonstrativen Großmut konnte er die übrigen Verschwörer hinrichten lassen, ohne befürchten zu müssen, dass gemurrt wurde.
36
Georges
Blieb Georges.
Hatte man ihn bis zum Schluss aufgespart, damit die anderen genug Zeit hatten, sich in die Nesseln zu setzen? Oder standen ihm, weil er schlauer war, gewandter, besser informiert und auch wohlhabender als jene, Mittel und Wege zur Verfügung, über die seine Komplizen nicht geboten? Wie auch immer, nach der Verhaftung Moreaus und Pichegrus blieb ihm keine Zeit mehr, denn nun machte Fouché sich allen Ernstes an seine Verfolgung. Ein geschickter Architekt hatte im Voraus in einem Dutzend Häuser Verstecke angelegt, die zu entdecken schier unmöglich war, sofern man nicht die Pläne besaß. Mehr als einmal wähnte Fouché sich auf der richtigen Fährte, doch all seiner Schläue zum Trotz entwischte Georges ihm jedes Mal. Stets bewaffnet, und zwar bis zu den Zähnen, angekleidet schlafend, Gold in die Kleidung eingenäht, verschwand Georges in der erstbesten Tür des erstbesten Hauses und fand stets Unterschlupf, dank seiner Überredungskünste, dank seines Goldes oder durch Drohungen. Einige seiner Bravourstücke sind Legende geworden.