Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
Carpenter spähte durch das Grüngewächs aus dem Fenster. Die Verwandlung über Nacht war verblüffend. Grünes Licht spielte über dem Hang. Überall sah er Schlingpflanzen, Kriechgewächse, riesenhafte Farne, gigantische unbekannte Sträucher mit mächtigen schimmernden Blättern und großen fleischigen vulgärbunten Blüten. Es war ein Garten, der Amok lief, ein magischer Irrgarten ja, aber einer, bei dem der Zauber, der ihn hervorgerufen hatte, von der dunklen, üblen Art war. Der Regen strömte ohne Ende nieder, und die Pflanzen wogten unter ihm und murmelten, reckten sich, dehnten sich von Augenblick zu Augenblick weiter aus, hoben sich, strafften sich und breiteten ihre Arme aus.
»Gehn wir doch raus und laufen ein bisschen«, sagte er zu Rhodes. Und sie traten aus den versiegelten Fenstern und schwebten schwerelos in die feuchtgrüne Welt hinaus.
Und diese Welt leuchtete. Gespenstische Elmsfeuer brannten darin, ein allgegenwärtiges zuckendes Glühen. Die Luft war dick, feucht, kränklich-süß. Alles schien wie von einem Pelz bedeckt. Nein, kein Pelz, irgendein Pilzgewächs, eine dichte, feuchte Schimmelschicht. Aus prallen Organen brachen periodisch pulsierend dunkle Sporenwolken hervor, die nach Spalten und Nischen suchten, um sich festzusetzen, und die sie rasch fanden. Man sah nirgendwo scharfe Kanten oder glatte Flächen: Alles war überwuchert. Die riesenhaften mächtigen Bäume sahen aus wie bartbewachsene Riesenknollen. Überall seltsame Knollen und Wuchergeschwülste.
Der Mond schimmerte blässlich durch die Dunstschwaden. Sein pockennarbiges Gesicht war von gezacktem, wildem Bambusgezweig bedeckt. Daraus tropfte grünes Blut über den Himmel.
Gestalten bewegten sich in dem Dunst – Trolle, fremdartige knochenlose ungestalte Wesen mit Tentakeln, monströs unvertraut, als stammten sie von einem anderen Stern; doch während Carpenter sich ihnen näherte, erkannte er Gesichter, Augen, und er sah, wie menschlich sie waren. Die starrenden, von Entsetzen erfüllten Augen, die angstvoll weit aufgerissenen Münder. Und die schuppige Haut, die glitschigen Glieder, die schwabbeligen Puddingleiber, diese fremdartigen Gestaltungen um den in ihrem Innern immer noch erkennbaren Humankern. Auch mit ihnen war in dieser Nacht eine magische Verwandlung erfolgt.
Nick Rhodes schien sie alle zu kennen. Er begrüßte sie, wie man Nachbarn begrüßt, Freunde. Stellte ihnen Carpenter mit lustigem Tentakelschwenken vor.
»Das ist mein Freund Paul«, sagte er. »Mein ältester und liebster Freund.«
»Nett, dich kennenzulernen«, sagten sie und zogen weiter durch den Dunst, den grünen Regen, den Wald der Zottelbäume, die Wolken pelziger Sporen, die die Luft erfüllten.
Von jedem Gebäude baumelten Girlanden von seildicken Schlinggewächsen. Unter dem zimtfarbenen Himmel wucherte mörderisch ungehemmtes pflanzliches Leben. Hinter den Peitschenschnüren, den Streberanken und Seilen der sich ausbreitenden Wuchergewächse konnte Carpenter undeutlich die Umrisse der Ruinen der früheren Welt erahnen: flechtenüberwucherte Pyramiden, zertrümmerte Kathedralen, Marmorstelen, mit unleserlichen Hieroglyphen bedeckt, umgestürzte zertrümmerte Statuen von Göttern und Herrschern. An einem in grünes Blut getauchten Altar fand eine Opferung statt, eine Menge tentakelbestückter Wesen scharte sich feierlich um einen ihresgleichen, der mit pelzigen dicken Stricken auf einen Steinquader gebunden war. Ein stumpfpelziges Messer hob sich und stieß nieder. Carpenter hörte einen fernen Gesang – nein, eigentlich war es eine Litanei – auf einer einzelnen Note. »Oh-oh-oh-oh-oh …«, wie ein leiser verschwommener und weit entfernter Schrei voll unaussprechlicher Qual.
»Wie lang geht das schon so?«, fragte er Rhodes. Doch der zuckte nur die Achseln, als sei eine solche Frage sinnlos.
Carpenter starrte fasziniert hin. Die ihm bekannte, vertraute Welt war für immer dahin. Die. Erde der Menschen lag im Todeskampf – oder war bereits tot. Die lange Geschichte des Menschen war nun zu Ende: Jetzt kam die Zeit der Pilze und schleimigen Schimmelwucherungen, der Lianen und Bambusgewächse. Der Dschungel würde alles vom Menschen Geschaffene überwachsen und verschlingen. Der Mensch selbst würde in diesem Dschungel verschwinden, zu einer Horde gehetzter, ständig auf Jagd befindlicher Wesen reduziert sein, die auf der Flucht wären vor diesen zugreifenden sich vorwärtsschlingenden Wucherranken, sich erbärmliche kleine Überlebensnischen zu ergattern versuchen in dieser wilden wütenden Wachstumswelt der neuen Schöpfung. Doch es würde nirgends Sicherheit geben für sie. Früher oder später würden sich auch die letzten Humanoiden zu einer Art Pflanzengattung entwickeln, die sich mit den neuen Sporen vollstopfen und eine Generation von unvorstellbaren neuen Wesen zeugen würden.
Und was wird mit uns?, fragte er sich. Aus denen, die nicht verwandelt wurden? Die noch immer in der alten Tiergestalt herumlaufen, mit den starren Knochen, der alten Menschenhaut? Ist für uns kein Platz mehr? Werden wir zwangsläufig in der allgemeinen Katastrophe untergehen?
Er schaute zu dem bambusgefesselten Mond auf, den unergründlichen, funkelnden Sternen.
Dort, dachte er. Ein Neubeginn, eine Neugeburt zwischen den Sternen, da liegt unsere einzige Hoffnung. Ja. Dorthin. Wir werden von der Erde fortgehen, hinauf zu den Sternen, dann sind wir gerettet. Ja. Und die verkrüppelte Erde hat Zeit, sich ohne uns wieder zu erneuern.
»Schau!« Rhodes wies auf die Bucht hinab.
Dort hob sich etwas Riesenhaftes in die Höhe, eine starre feste grüne Säulenmasse, gekrönt von einem Ring von Augen, ein unvorstellbar fremdartiges Wesen. Wasser traufte von seinen Schultern und fiel in zischenden Wolken zurück in die Bucht. Die Augen waren riesenhaft, von überwältigendem Grimm erfüllt. Rhodes war auf die Knie gesunken und bedeutete Carpenter, er solle sich gleichfalls niederknien.
»Was ist denn das?«, fragte Carpenter. »Das Ding da – was ist es?«
»Nieder und erweise deine Ehrerbietung!«, flüsterte Rhodes heftig. »Knie dich hin und bete an!«
»Nein!«, sagte Carpenter. »Ich begreife nicht.«
Doch alle Welt verneigte sich vor dem Ding aus dem Wasser. Eine gewaltige Musik erscholl aus der Tiefe und erfüllte die Himmel. Ein neuer Gott war erschienen, der höchste Herrscher über diese veränderte Welt. Gegen seinen Willen fühlte Carpenter sich betroffen von der grandiosen fremdartigen Erscheinung. Seine Knie wurden weich. Er kniete nieder auf den feuchten schwammigen Boden.
»Bete an!«, flüsterte Rhodes erneut. Und Carpenter schloss die Augen und beugte den Kopf, und er benetzte die feuchte Erde mit seinen Tränen. Verwirrt und ohne zu begreifen, huldigte er dem neuen Herrn der Welt, und dann verschwand die Vision, und er erwachte, ernüchtert und bestürzt, als das erste graue Frühlicht ins Zimmer sickerte. Sein Schädel pochte. Überall lagen leere Flaschen herum. Nick Rhodes lag flach neben der Couch auf dem Boden. Carpenter drückte und rieb sich die schmerzenden Schläfen in der vagen Hoffnung, den Schmerz wegmassieren zu können, und er horchte auf das dumpfe Dröhnen in seinem Kopf und sagte zu sich in tiefster überzeugter Trostlosigkeit, dass es für die kaputtgemachte, traurige alte Erde keine Hoffnung mehr gebe. Nicht die geringste. Alles war aus und vorbei. Alles. Alles. Vorbei. Zu Ende.
Vorbei. Verloren.
Verloren.
Nach einem Enzymbad und nachdem er den Tag über in der Wohnung herumgehangen hatte, nach ein, zwei Stunden in Nick Rhodes' Wirbelkabine, damit sein Nervensystem die ganzen Verkrampfungen wieder ausdampfen konnte, jedenfalls für eine Weile, fühlte er sich beinahe wieder funktionstauglich. Rhodes zeigte keinerlei sichtbare Nachwirkungen von der durchsoffenen Nacht. So gegen fünf am Nachmittag erschien Isabelle Martine, und war prompt wieder äußerst liebenswürdig und von besorgter Unaufdringlichkeit, und nach etlichen Gläschen Sherry und etwas nettem Geplauder zogen sie zu dritt hinüber zu Jolandas Haus nördlich vom Campus.