Sand
- Автор: Herrndorf Wolfgang
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Sand». Краткое содержание книги:
Während in München Palästinenser des Schwarzen September das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)
«Wichtiger als ein Menschenleben?», raffte Carl sich auf.
«Du redest jetzt von dir? Nichts ist wichtiger als ein Menschenleben.» Helen fuhr mit dem Zeigefinger an Carls bekleckertem Pullover herunter. «Auch wenn es das Leben eines Lügners ist. Das Leben eines Schmugglers. Eines Idioten und Berufsverbrechers. Jedes Leben ist unbezahlbar, einzigartig und schützenswert. Sagt der Jurist. Das Problem ist, wir sind keine Juristen. Wir stehen nicht auf dem Standpunkt, dass man das Leben nicht gegen andere Güter oder andere Leben abwägen kann. Wir sind eher so die Statistikabteilung, und Statistikabteilung bedeutet: Es besteht eine vielleicht einprozentige Wahrscheinlichkeit, dass es so ist, wie du sagst. Dass du nicht weißt, wer du bist. Dass du zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort warst, und das gleich mehrfach. Schulkinder, Leichen mit Drahtschlingen in der Wüste und Ausweise in der Tasche und was nicht alles. Kann alles sein. Es besteht aber auch eine neunundneunzigprozentige Wahrscheinlichkeit, dass das nicht der Fall ist. Sondern Quatsch. Dass hier ein Mann die Finger ausgestreckt hat nach etwas, was ihm nicht gehört. Und dass er es auch nicht verloren, sondern weitergegeben hat. Oder gebunkert. Neunundneunzig Prozent. Neunundneunzig Prozent, dass wir hier den Weltfrieden sichern. Neunundneunzig Prozent, dass unsere kleine Untersuchung einem friedlichen Zusammenleben ohne Atomwaffen dient. Neunundneunzig Prozent für das Fortbestehen des Staates Israel, für glückliche Kinder, grasende Kühe und den ganzen anderen Scheiß. Neunundneunzig Prozent, dass es hier nicht um ein Menschenleben geht, sondern um Millionen. Neunundneunzig Prozent für die Sache von Aufklärung und Humanismus und nur ein Prozent, dass unser peinliches Verhör einen Rückfall ins Mittelalter darstellt. Mal ehrlich», sagte Helen, hob sanft sein Kinn mit zwei Fingern an und sah ihm in die Augen. «Hundert zu eins. Oder eine Million zu eins. Wie werden wir jetzt weiter vorgehen? Was denkst du? Ich kann dir einen Tipp geben. Die Statistikabteilung agiert traditionell leidenschaftslos.»
«Du kennst mich. Du hast mich erlebt.»
«Du kennst dich ja nicht mal selbst. Sagst du.»
«Aber warum hätte ich dir das alles erzählen sollen, was ich dir erzählt hab?»
«Weil du dumm bist?», sagte Helen. «Weil du bis zuletzt keine Ahnung hattest, zu wem du ins Auto gestiegen bist? Weil du dachtest, die blonde, kaugummikauende Frau würde dir noch einmal sehr weiterhelfen? Wir wissen ja nicht mal, ob es diese Kapseln überhaupt gibt. Oder in welcher Form —»
«Du weißt es», sagte Carl. «Du weißt, dass ich nichts weiß.»
«Ich weiß es, wenn wir hier zu Ende sind. Wenn wir hier zu Ende sind und alle unsere schönen Geräte ausprobiert haben, dann werde ich es wissen. Dann glaube ich dir und entschuldige mich — mit einer Wahrscheinlichkeit von einem Prozent. Aber du kannst mir auch glauben: Wenn wir hier zu Ende sind, hast du alles gesagt, was du weißt. Denn so leid es mir tut, wir sind die Guten in dieser Sache. Und du bist es nicht. Ob du das weißt oder nicht. Aber du hast deine Hände dadrin, und du hast etwas, was uns gehört. Was wir entdeckt haben. Unsere Wissenschaftler. Und deshalb sind wir die Guten: Wir haben die Bombe gebaut und Schreckliches damit angerichtet. Aber wir haben daraus gelernt. Wir sind das lernfähige System. Hiroshima hat den Krieg verkürzt, über Nagasaki kann man streiten — aber ein drittes Mal passiert das jetzt nicht. Wir werden verhindern, dass es ein drittes Mal passiert. Die Bombe in unseren Händen ist nichts weiter als ein ethisches Prinzip. Dieselbe Bombe in euren Händen, und wir steuern auf eine Katastrophe zu, mit der verglichen alles andere nur ein leichter Kopfschmerz war. Und warum sage ich dir das alles? Ich sage das nicht, weil ich denke, dass ich dich überzeugen kann. Ich sage das nicht, weil ich denke, dass du Vernunftgründen zugänglich bist. Wenn du Vernunftgründen zugänglich wärst, wärst du nicht hier. Ich sage das, weil ich dir klarmachen will, wo wir stehen.»
Sie öffnete den obersten Knopf an ihrer Bluse, wischte mit zwei Fingern Schweiß von ihrem Schlüsselbein und zündete sich die nächste Zigarette an.
62. IM TIEFSTEN GRUND
Sie kamen dort dann heran an den Eiterfluss, an den Blutfluss; für sie sollte es der Ort der Niederlage sein, wo das Herz von Xibalba ist. Nicht einmal waren sie es, die ihn durchschritten, nur auf dem Rücken der Blasrohre setzten sie über.