Sand
- Автор: Herrndorf Wolfgang
- Год: 2011
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Sand». Краткое содержание книги:
Während in München Palästinenser des Schwarzen September das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)
«Und dann», sagte der Dicke, «war er auf einmal weg.» Nämlich der Mann. Der nur habe wissen wollen, was das für eine Maschine sei in seinem eigenen Haus da. Er habe den Bungalow dann ohne Erklärung verlassen, eilig und grußlos — und das war es auch schon.
«Das ist ja verrückt!», rief Michelle enttäuscht. Sie hatte keine Ahnung, warum der Mann ihr das alles erzählte.
Er schwieg eine Weile. Dann lächelte er.
«Und jetzt wollen Sie natürlich wissen, was ich dann gemacht habe», sagte er, und Michelle, die gern länger darüber nachgedacht hätte, ob sie das wirklich wissen wollte, spürte eine Art von geistiger Lähmung. Sie machte große Augen und nickte.
«Ich bin ja auch immer noch meiner Mutter Kind», sagte der Dicke. Und wenn das kein Wink des Schicksals sei. Da sei er dann eben an den Strand zurück, von wo aus man das Haus habe beobachten können. An dem ja noch immer die Tür offen gestanden habe. Bis zum Abend. Und als der Mann nicht zurückkehrte, habe er einen Handkarren gemietet und die Maschine abtransportiert und zu Geld gemacht, moralisch hin oder her. Achtzig Dollar habe das gebracht, ein Zehntel des Werts, höchstens, aber weil es sein letzter Tag gewesen sei, sie verstehe. Und dann ins Hafenviertel und einmal Full House. Zwei Schwarze und eine Weiße.
Sie bitte um Verzeihung, sagte Michelle, und er wiederholte: zwei Superschwarze und eine Weiße. Die Weiße nur als Alibi. Aber sie müsse entschuldigen, da könne man als Mann nun einmal nicht gegen seine Präferenzen. In seinem Fall schwarz wie ein Brikett. Schwarz wie die Hölle. Oder gar nicht. Und, um es kurz zu machen, das Ende vom Lied, sie hätten versucht, ihn umzubringen. Er zog erneut seinen Hemdkragen runter und fuhr sich mit dem Daumen die Kehle entlang.
Aufgewacht in einem Straßengraben ohne Gepäck, ohne Geld, ohne Kleidung, Pass und Flugticket. Ein halber Tag auf der amerikanischen Botschaft. Und das sei nun seine Vergangenheit. Und die Zukunft sehe genauso aus, denn so seien sie. Die Frauen. Immer. Sein Pech. Das ganze Leben. Und er könne nun auch ohne Kartenlegen durchaus unglücklich sein.
Er schnaufte, hustete noch einmal schwer, schaute wie prüfend auf Michelles von der Wüstensonne dunkelbraun, ja fast schwarz gebrannte Haut und lächelte sie dann plötzlich auf eine so unangenehme, aufdringliche Art an, wie sie bei einem Mann seines Alters nicht selten zusammen mit Übergewicht und Haarausfall ein Ergebnis natürlicher Vorgänge zu sein scheint, auf eine Art, die doch zugleich so sonderbar kindlich und unschuldig wirkte, dass Michelle annahm, er sei sich seines Gesichtsausdruckes oder zumindest der Inkongruenz zwischen seinem aufgedunsenen, gealterten Gesicht und seinen jugendlichen Absichten kaum bewusst.
Aber sie wich seinem Blick auch nicht aus. Sie fixierte ihn im Gegenteil genau. Wie ein hochempfindliches Messgerät registrierte sie das Aufblühen seines Lächelns über das Stagnieren bis zu seinem unsicheren und leicht zuckenden Abebben und Verschwinden. Sie beobachtete, wie der große, starke Mann sich von ihr abwandte, verunsichert durch ihr Selbstbewusstsein, sich erneut zu ihr umwandte, um versuchsweise das anzügliche Lächeln zu erneuern, und der ganze Vorgang, der ganze durchsichtige Mann in seiner animalischen Unbeholfenheit erinnerte Michelle so sehr an den in der Kindheit besessenen liebenswerten Bullterrier, den sie als Ersatz für einen eingegangenen Kanarienvogel unterm Weihnachtsbaum gefunden hatte (im Schlafe sabbernd, mit blauer Schleife um den Bauch und einer Leine aus hellbraunem Leder), dass sie eine Neigung in sich keimen spürte, auf die weiteren Vertraulichkeiten des Dicken, die zum Ende dieser Flugreise so sicher erfolgen würden wie der tägliche Untergang der Sonne, weniger voreingenommen zu reagieren, ja geradezu überraschend herzlich einzugehen. Ihr Hochzeitsgeschenk war ein Solarium. Die Ehe lang und glücklich.
59. OPERATION ARTISCHOCKE
In solch einem Krieg ist es christlich und ein Werk der Liebe, die Feinde getrost zu würgen, zu rauben, zu brennen und alles zu tun, was schädlich ist, bis man sie überwinde. Ob es wohl nicht so scheint, dass Würgen und Rauben ein Werk der Liebe ist, weshalb ein Einfältiger denkt, es sei kein christliches Werk und zieme nicht einem Christen zu tun: so ist es doch in Wahrheit auch ein Werk der Liebe.