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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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«Nicht besonders. Ich komme nicht voran.«

«Weil du zu jung bist?«

«Nein, das ist nicht das Problem.«

«Hattest du dich nicht für eine Professur beworben?«

«Ich werde sie wohl auch bekommen, aber … Das Institut verliert an Einfluß, es wird kaum noch ernst genommen.«

«Dann geh in die Politik.«

«Es ist gut, seine Grenzen zu kennen. Ich bin in der Theorie besser aufgehoben.«

«Was nicht gegen dich sprechen muß. Was auch nicht für die Praxis sprechen muß.«

«Ja. Theorien können mächtige Veränderer sein. Und ich bin kein Volkstribun, wie es der Spitzbart war, trotz allem.«

«Nicht so despektierlich, wenn ich bitten darf. Er war kein übler Politiker, alles in allem genommen. Viel besser als der da. «Eschschloraque wies über die Schulter zurück auf ein Porträt des Generalsekretärs auf einem der Regale.

«Politiker — mag sein. Als Mensch … Meine Abteilung wird ein wenig geschnitten.«

«Woran liegt’s?«

«An meinem Namen, glaube ich. So paradox das klingt. Und wohl auch daran, daß wir in England waren.«

«Meinst Du? Bißchen einfach, wenn du mich fragst. Aber immerhin: Möglich wäre es schon. Sie sind nicht gerade Philosemiten, die Genossen im Dunstkreis des Politbüros.«

«Lassen wir das«, brach Philipp ab. Er sah zu Marisa, die ruhig rauchte und aus dem Fenster starrte.»Wie meintest du das mit diesem Nachtwächter?«

Eschschloraques Gesicht bekam etwas Clowneskes, wenn er lächelte. Die faltigen Wangen und stark ausgeprägten Tränensäcke schienen zu einer Maske zu gehören, hinter der listige Züge wie Springteufelchen darauf warteten, hervorzuschnellen und auf der für Momente freien Bahn Purzelbäume zu schlagen, auch hatte Meno den Eindruck, daß Eschschloraque bei allen schönen Reden hauptsächlich daran interessiert war, aufzustehen und über dem Tisch einen Flickflack zu turnen.»Gibt er dir also doch zu denken, unser Nachtwächter. Nun, ich habe einen in dem Stück, an dem ich gerade arbeite. Ein Nachtwächter, glaube ich, ist ein Idealist aus Verzweiflung. Niemand ist mehr auf den Straßen — wenigstens nicht offiziell — außer ihm und der Dunkelheit. Naja, vielleicht lasse ich noch eine Katze auftreten. Seine Lampe ist das einzige Licht in der Nacht. Denn natürlich ist es eine Nacht — und nicht ein lauschiges Sterntalermärchen. Die Menschen schlafen — er wacht. Er trägt die Lampe durch die Finsternis. Und muß damit zurechtkommen. Er verneint die Natur, mehr noch: Er haßt sie — qua Amt.«

«Ist das wieder eine deiner Verteidigungen der Klassik gegen die Romantik?«

«Warum sollte ich die Klassik gegen etwas verteidigen, das der englische Geheimdienst ausgeheckt hat? Leider aber scheint die Dummheit … das Gleichnis der Unsterblichkeit zu sein.«

Philipp lachte auf.»Führst du immer noch Dossiers über deine Feinde?«

«Das geht Freund Rohde nichts an«, erwiderte Eschschloraque.»Danke für den Tee, gnädige Frau. «Er stand auf und verbeugte sich vor Marisa.

26. Wolken im April

«Glaubst du, daß es die Wahrheit gibt?«Verena zupfte den Pullover zurecht, dessen Ärmel sie über der Brust verknotet hatte. Siegbert ließ sich Zeit mit einer Antwort. Es war warm, der April schien Kredit beim Mai aufgenommen zu haben. Sie lagen im Gras eines Abhangs über dem Kaltwasser, Christian beobachtete die wechselnden, von Strömungen und Wind getuschten Schriften auf dem Apfelgrün der Talsperre. Am anderen Ufer tuckerte die Erzgebirgsbahn, klein wie ein Märklin-Spielzeug, setzte die Fichten an der Trasse unter Dampf.

«He, Verena, ich glaub’ an Pink Floyd«, versetzte Jens Ansorge gelangweilt, zog eine Hand unter dem Kopf vor, nahm den Grashalm, an dem er gekaut hatte, aus dem Mund, betrachtete ihn mißtrauisch.»Krischan, du weißt doch immer alles, kannst du mir sagen, was das ist? Schmeckt bitter wie Fiebertabletten, bäh. «Er verzog das Gesicht und spuckte aus.

«Du Ferkel, benimm dich mal ’n bißchen! Fast hätte mich deine Aule getroffen!«Reina Kossmann warf angewidert den Kopf zurück, Jens grinste hämisch, zerstach imaginäre Luftballons mit dem Zeigefinger. Falk Truschler ließ sich nach hinten fallen und lachte sein heiser-leises, schulterruckendes Lachen. Christian hatte das Gefühl, als hätte sich Falk in seinen Körper nur hineingeborgt, so schlotterig waren seine Bewegungen, Christian sann nach dem rechten Wort: ungelenk, fiel ihm ein, und dann erinnerte er sich an Sportstunden bei Herrn Schanzler, der mit preußisch exakten Dirigiergeometrien einen weißgrün gekleideten Pulk in der Turnhalle umhertrieb; Falks eckige Ausholbewegung beim Werfen der Keulen-Handgranaten, der Laufsticlass="underline" zur Seite schlenkernde Beine wie bei einem Mädchen, seinen im Moment des Wurfs zwischen Verzweiflung und Selbstspott pendelnden Gesichtsausdruck, die flatternden Hände und Finger auch jetzt bei Jens Ansorges kleinem Jux. Linkisch, dachte er, das trifft es eigentlich noch besser als ungelenk. Aber wie sagt Meno:»Eigentlich «ist ein zu vermeidendes Wort.

«Die Wahrheit«, antwortete Siegbert gedehnt,»ich weiß nicht. Paß mal auf, daß du kein Blaustrumpf wirst. Intellektuelle Frauen kriegen erst keine Männer und dann keine Kinder, sacht meine Mudder, un’ dann sinnse unglücklich. Da haste ’ne Wahrheit.«»Du eingebildeter Chauvi«, empörte sich Verena,»meine Mutter hat schon recht: Was dieses Land braucht, ist eine Frauenbewegung — «

«Ooch, niemand hat was gegen Frauenbewegungen«, warf Jens Ansorge lässig ein,»wenn sie nur schön rhythmisch sind.«

Falk und Siegbert grunzten vor Lachen.

«Bleibt doch mal bei der Sache«, Christian spürte, daß er rot wurde, als Verena aufsah, sofort zog er den Blick zurück und starrte auf seine Schuhe,»— was verstehst du denn unter Wahrheit?«

«Bestimmt nicht den Klassenstandpunkt von Schmidtchen Schleicher — «So nannten sie Schnürchel, nach einer Figur aus einem Schlager, Schmidtchen Schleicher mit den ä-lastischen Bajnen …

«Ansorge läßt mal wieder den Zyniker raushängen«, spottete Reina Kossmann,»alles bloß Balzverhalten, Verena. Was hat uns Doktor Frank über radschlagende Pfauen erzählt?«

Jens Ansorge beugte sich hoch, musterte Reina besorgt, spitzte die Lippen zum Kuß. Sie schlug sich an die Stirn und küßte zurück.

«Na also«, sagte Jens befriedigt.

«Habt ihr schon gehört? Bald geht der Verpflichtungszirkus los. Vor dem ersten Mai will Fahner das über die Bühne haben. Dann gibt’s einen dicken Appell — «

«Und schön saubere, bescheuerte Statistiken«, schnitt Jens Siegbert das Wort ab. Er runzelte die Stirn, warf den Grashalm weg; plötzlich ernst.»Drei Jahre Asche … Leute, das kann was werden. ›Jeder männliche Absolvent unserer Schule verpflichtet sich zum freiwilligen Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee‹«, äffte er Fahner nach.

«Ich nicht«, sagte Falk.

«Täte aber deinen Muskeln gut.«

Christian wunderte sich, wie kühl und gnadenlos Frauen sein konnten, zumal Reina Falk auch noch in den Oberarm kniff. Frauen, für die man schließlich alles tat, oh Helden in den Büchern, in den Filmen! die einen beweinten, wenn man auf dem Feld der Ehre fiel, die auch schon vorher, am berühmten, vom Dampf der abfahrbereiten Lok überzischten Bahnsteig, taschentuchweise Tränen um den geliebten Mann vergossen — und dann diese Kaltschnäuzigkeit bei Reina, deren blasses, zartes Gesicht mit dem leicht nach links schiefen Mund er gern ansah –

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