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Der Turm

Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:

Hausmusik, Lektüre, intellektueller Austausch: Das Dresdner Villenviertel, vom real existierenden Sozialismus längst mit Verfallsgrau überzogen, schottet sich ab. Resigniert, aber humorvoll kommentiert man den Niedergang eines Gesellschaftssystems, in dem Bildungsbürger eigentlich nicht vorgesehen sind. Anne und Richard Hoffmann, sie Krankenschwester, er Chirurg, stehen im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren: Kann man den Zumutungen des Systems in der Nische, der süßen Krankheit Gestern der Dresdner Nostalgie entfliehen wie Richards Cousin Niklas Tietze — oder ist der Zeitpunkt gekommen, die Ausreise zu wählen? Christian, ihr ältester Sohn, der Medizin studieren will, bekommt die Härte des Systems in der NVA zu spüren. Sein Weg scheint als Strafgefangener am Ofen eines Chemiewerks zu enden. Sein Onkel Meno Rohde steht zwischen den Welten: Als Kind der roten Aristokratie im Moskauer Exil hat er Zugang zum seltsamen Bezirk Ostrom, wo die Nomenklatura residiert, die Lebensläufe der Menschen verwaltet werden und deutsches demokratisches Recht gesprochen wird.
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«Corazon del noviembre?«versuchte Philipp.

«November-Herrzen«, versuchte Marisa.

TAGEBUCH:

Vor Abfahrt zur Messe Gespräch zwischen Schiffner, Schevola und mir. Über den Titel» Die Tiefe dieser Jahre «müssen wir uns noch unterhalten. Solche Titel behaupten etwas, dem der Text noch nicht gerecht wird, er möchte die Vorgabe einholen, und manchmal will das nicht gelingen, da das Buch über sich anders dachte als sein Autor. Ich weiß nicht, wer gesagt hat, daß ein Buch nach seinem» Helden «benannt werden sollte, alles andere sei Kolportage — je länger ich in diesem Beruf bin, desto mehr gewinnt mich dieser Satz, freilich hat auch seine Aussage Tücken, denn wer kann mit Bestimmtheit behaupten, daß dieses Verfahren die Kolportage umgeht und dort, wo» Anna Karenina «draufsteht, auch Anna Karenina drin ist. Schevolas Buch soll also bei uns veröffentlicht werden, das kam für mich selbst überraschend. Sonst, wenn Schiffner sich für ein Buch entschieden hat, legt er uns detaillierte Anweisungen ins Fach — und schweigt nicht, wie hier. Natürlich ist alles vage — wie immer bei Drucksachen im allgemeinen, bei Schiffner im besonderen und dem PLAN im ganz besonderen. Frau Zäpter, seine selbstbewußte Sekretärin — über unverlangt eingesandte Lyrik entscheidet sie — bereitete geräuschvoll Kaffee, während Schiffner gegenüber von Schevola Platz nahm und mich dazulud. Er betrachtete seine Fingernägel, vor sich das Manuskript, aus dem zwei Seiten herausstachen, die er, als der Wasserkessel zu pfeifen begann, in den Block zurückzustupfen versuchte. Madame Schevola schien ruhig und verschlossen, sie hatte die Finger aneinandergelegt, starrte auf den Tisch und war bleich.

«Also Sie haben da etwas geschrieben, und das wollen Sie nun veröffentlichen. Nun will ich Ihnen mal die Philosophie unseres Hauses erörtern, mein Kind. «Ich hasse diese Momente — und genieße sie zugleich, merkwürdigerweise, denn wie einem Autor zumute ist, der solches zur Begrüßung, als allerersten Satz, zu hören bekommt — nicht einmal Guten Tag, dafür sind die Vorzimmer zuständig, Schiffner steht nur auf, strafft sich und fährt sich knapp übers Haar, leimt den irrlichternden Autorenblick mit seinem väterlichen Verlegerblick fest, reicht die Rechte und weist mit unnachahmlich abtropfender Handbewegung stumm auf den Armesünderstuhl am Konferenztisch, seinem imperialen, mit münzgroßen, gelben Polsternägeln beschlagenen Chefsessel gegenüber —, wie also der beherrscht wirkenden Schevola zumute ist, kann ich nachfühlen.

«Wir machen Autoren, keine Bücher. Wir machen nicht nur mal so eben«, er hebt das Kinn und wedelt sanft mit der Linken,»ein Buch, mein Kind. Nein. «Wie er den Kopf schüttelt dabei. Wie er es sagt, dieses Nein: nicht mit Nachdruck, nicht mit abputzender Stimmhöhung, er senkt das Kinn und schüttelt nachsichtig den Kopf, als spräche er zu einem ungezogenen Haustier, die Hand wird flach fallengelassen — Robbenflosse — und teilt sacht die Luft, als gäbe es außer diesem milden» Nein «nichts mehr zu sagen, dabei rollt er die Lippen. Abschmecken des Effekts. Und wenn er dann die linke Braue lüpft, weiß Frau Zäpter, daß es Zeit ist, den Kaffee zu servieren, für ihn mit einem Sahnebällchen, das aus einem kraftvoll geschüttelten Siphon spotzt, und dann, wenn er, die Braue ein wenig weiter hebend, genippt hat, folgt:»Kommen Sie mal mit, mein Kind. «Jetzt zeigt er ihr die Grafiken und Gemälde an den Wänden zwischen den Regalen, Porträts von Schriftstellern, alle von renommierten Vertretern aus dem Verband Bildender Künstler geschaffen; er schnippt den rechten Zeigefinger aus, auf dem ein Ring mit grünem Stein sitzt, tupft in Richtung des ersten Bilds:»Wer ist das?«—»X. «Zweites Bild:»Wer ist das?«—»Y. «Drittes Bild:»Und das?«—»Z. «Er tätschelt ihr die Wange und sagt:»Sie irren sich, es ist A. «Dann greift er ins Regal, holt einen Spiegel hervor, hält ihn der verblüfften Schevola vors Gesicht:»Und wer ist das?«—»Ein anderer?«—»Das ist ein Autor, der nichts kann. «Er beobachtet sie scharf, lauernd, mit leicht zusammengekniffenen Augen, die Zunge sucht ihren Weg in die linke Zahnreihe; er wirbelt den Spiegel nach hinten und stoppt, als wäre er ein Revolverheld, der den Colt, noch rauchend, wieder ins Holster schiebt, dann legt er den Spiegel wie eine Kostbarkeit, behutsam und korrekt, ins Regal zurück.

«Wenn Sie dieser Meinung sind, warum bestellen Sie mich überhaupt her?«

«Ah, meine Liebe, es ist sehr gut, daß Sie wütend werden. Das Talent von Autoren, die wütend werden können, ist in der Regel entwicklungsfähig. «Er schaut auf die Fingernägel, dann zu mir:»Das wird Herr Rohde übernehmen, den Sie ja schon kennengelernt haben. Ein erfahrener Lektor mit viel Feingefühl. Noch eins. «Er zieht ein Buch aus dem Regaclass="underline" »Sie gebrauchen das Semikolon inflationär. Hier ist ein Werk von Gustav Regler. Kennen Sie Gustav Regler? — Sollten Sie aber. Sie setzen sich jetzt hin und studieren im Kapitel vier, wie Regler das Semikolon gebraucht. Es ist«, Zeigefinger, Aufblitzen des grünen Steins,»ein Punktersatz! Auch kann man sich über die Regel, es vor ›aber‹ und nachfolgendem Hauptsatz einzustellen, unterhalten. Studieren Sie die alten Grammatiker! Merken Sie sich: Die deutsche Sprache ist kompliziert und weist manche scheinbare Ungereimtheit auf, wenn Sie aber näher hinsehen, hat das alles seine guten Gründe. In einer Stunde melden Sie sich wieder bei mir.«

Das tut sie. Schiffner hat inzwischen telefoniert, in Grafikmappen geblättert, laut über die drei Regeln zur Kleinschreibung eines vollständigen Satzes nach einem Doppelpunkt sinniert, ein Eis aus dem Verlagskühlschrank verschmaust und sich die Schläfen mit Kölnisch Wasser erfrischt. Er nimmt ihr das Buch aus der Hand und stellt es ins Regal zurück. Er schaut auf ihre Brüste, schenkt ihr Bücher im Wert von tausend Mark und entläßt sie.

Auf die Leipziger Buchmesse bereitete man sich wochenlang vor. Man fuhr nicht hin, um ein paar Bücher in die Hand zu nehmen, auf- und wieder zuzuklappen; man fuhr hin, um durch ein Fenster ins Gelobte Land zu sehen. Das Fenster hatte Sedez-, Oktav-, Quart- und Folio-Format, am häufigsten aber maß es 19 x 12 cm, hatte keinen festen Rücken, dafür aber drei Fische auf der Vorderseite oder» rororo«, stand in einer regenbogenfarbenen Reihe, oder es war weiß und trug Pastellkreide-Zeichnungen: dann, sagte etwa Niklas, sind wir richtig; dann stammten diese Umschläge von einem Herrn namens Celestino Piatti, und die Bücher mit diesem Namensschnörkel wurden zum Ziel mancher Pläne. 19 x 12 cm: Taschenbuchformat. Dieses Maß war mit Linealen geprüft und vermessen, danach schnitt Barbara das Innenleben der Messe-Mäntel zu, denn wo Taschenbücher waren, mußten auch Taschen sein.

TAGEBUCH:

Heute habe ich, der Zoologe, gelernt: Die afrikanische Wüstenheuschrecke hat eine ostdeutsche Verwandte, die Bücherheuschrecke (Locusta bibliophila), eine species auf zwei Beinen, gekleidet in» Wisent«- oder» Boxer«-Jeans, selbstgestrickte Rollkragenpullover und olivgrüne oder erdbraune» Kutten«(Parkas), deren Säume bis über die Waden reichen (Sonderanfertigungen aus der Pelzschneiderei» Harmonie «an der Rißleite, vorgenommen in der Freizeit oder in Absprache mit dem Chef — auch er hat Lesevorlieben —, worauf Barbara und, je nach Anfrage, eine Kollegin für einen oder zwei Tage aus der sozialistischen in die individualistische Planerfüllung umgeleitet werden). Die Locusta bibliophila ernährt sich von Büchern, allerdings nur von solchen aus dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet. Der Angriff der Bücherheuschrecke wird Wochen vor dem Leipziger Schlaraffen-Ereignis generalstabsmäßig geplant, und ich, willkommener Vorposten im zyklisch wiederkehrenden Kometen aus Papier, wurde in die Pflicht genommen:»Wo sind sie. Wann kommen sie. Du mußt sie vorbereiten. Auf uns. Du mußt Schließfächer im Hauptbahnhof mieten. Wir müssen uns ein Signalsystem überlegen. Vielleicht ein Taschentuch, in das du schnaubst, wenn Gefahr droht. Wieso, es ist doch Erkältungszeit. Natürlich mußt du auch arbeiten — aber das kannst du doch tun, wenn wir wieder weg sind.«

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