Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Tote müssen sein«, entgegnete Eschschloraque kühl.»Tun Sie doch nicht so, als ob bei Ihnen nicht gestorben würde. Die Feinde gehören ausgemerzt, das ist sinnvoller, bewährter Brauch von Zeitaltern, die Großes vollbringen. Und es ist allemal besser, für eine große Sache zu sterben, als für eine mittelmäßige zu leben. Die echten Demokraten unter Ihnen sollten vor dem Hauptgang protestieren; Scharfsinn meidet die Verdauung.«
«Reden wir doch über Fußball!«Redlich blinzelte in Richtung des Frankfurter Pressechefs, aber der versteifte den Rücken.
«Lieber Redlich, Sie wollen höflich sein und uns Peinlichkeiten ersparen. Sehen Sie, mit den Feinden verhält es sich beispielsweise so: Herr Rohde, den ich schätze, ist ein subtiler Spaßvogel und hat sich jüngst einen, sagen wir, Angestellten-Scherz erlaubt. Als Lektor, der weiß, was sich gehört, korrigiert er mit Bleistift, an einer Stelle jedoch, die man zweideutig lesen kann, setzt er ein rotes Komma. — Sie haben«, lächelte Eschschloraque,»ein rotes Komma hinter den Sozialismus gesetzt. Sollte das etwas zu bedeuten haben? Etwa, daß der Sozialismus nicht das letzte Wort ist?«Eschschloraque hielt einen kleinen Vortrag über Klostermönche, die ihre Kommentare zu den abzuschreibenden Texten auf ebenso subtile Weise gegeben hätten, durch Hervorhebung bestimmter Buchstaben nämlich, über mehrere Seiten und Kapitel, so daß in einer hehren Minneliedsammlung das lateinische Troubadour du bist ein Rohrkrepierer verborgen, für die geübten Augen der Philologen aber sichtbar gewesen sei.
Schiffner zog seinen Kamm aus echtem Büffelhorn aus der Jackett-Innentasche und strählte die weiße Haartolle über seinem markanten, in Krim-Urlauben gebräunten Gesicht.»Deshalb klangst du so furchtbar ruhig am Telefon.«
«Rossi war großartig! Der hat doch die Blauen quasi allein zur Weltmeisterschaft geschossen«, rief Josef Redlich.
«Sie können schreiben?«Munderloh beugte sich zu Judith Schevola.
«Ich versuche es«, erwiderte sie mit abweisend vorgerecktem Kinn.
«Sie versucht es!«Der Verleger hieb mit der Hand auf den Tisch.»Könnten Sie einen Delphin töten?«Die Gespräche am Tisch verstummten erneut.
«Das käme auf die Situation an, Herr … Wie war Ihr Name?«Munderloh starrte erst sie, dann Schiffner an, der sich amüsierte. Eschschloraque faltete die Hände unter dem Kinn zusammen, beobachtete witternd, sein Gesicht hatte den Ausdruck eines Wissenschaftlers, der auf das Ergebnis eines interessanten Experiments wartet, das unmoralisch ist, aber unvermeidlich.
«Mein Name ist Munderloh. Sie gefallen mir. Allerdings ist Ihre Antwort, daß es auf die Situation ankomme, allzu erwartbar. Auf die Situation kommt es nämlich immer an.«
«Ich hasse Delphine«, sagte Schevola kalt.»Sie sind immer so lieb und nett, sie retten Schiffbrüchige und stehen dem Dichter Arion bei, umtanzen Bacchus’ Kahn, sonnen am neuen Lichte den Rücken … aber ich traue ihnen nicht.«
«Es gibt eine Schule der bösen Delphine«, murmelte Redlich.»Schwarze Delphine, die uns nicht wohlgesonnen sind — «
«Josef, was redest du. «Der Frankfurter Pressechef bewegte unmutig die Hand.
«Ich würde schon deshalb gerne mal einen Delphin töten, um zu sehen, was die anderen Delphine machen. Ob sie so lieb und nett bleiben, ob das Klischee stimmt — oder ob sie dann ihren wahren Charakter zeigen«, sagte Schevola, wobei sie Munderlohs Blick — hart, aus Augen, die wie hellblaue Steine wirkten, ein Blick wie ein Stab, wie eine Präpariersonde, dachte Meno — nicht auswich.
«Ich werde Ihr Manuskript lesen«, sagte Munderloh nach einer Weile, in der am Tisch Schweigen geherrscht hatte und nur die Geräusche aus dem vorderen Teil der» Jägerschänke «zu hören gewesen waren.»Ich werde es lesen, wenn Haus Hermes es mir überläßt.«»Schwimmen Sie gern?«Er nahm eine Visitenkarte, kritzelte etwas auf die Rückseite, schob die Karte über den Tisch zu Schevola.
«Nicht in Vertragsverhandlungen«, antwortete sie, nachdem sie die Karte gelesen und Munderloh lange Sekunden in die Augen gestarrt hatte.
«Schön. — Wachsen also nicht nur Knechte in diesem Land.«
«Nicht so, Herr Munderloh, bitte … nicht so!«Redlich hatte sich nach vorn gereckt.»Sie treiben Finsternishandel, Lichtenberg, Heft L. Und fühlen den Druck der Regierung sowenig als den Druck der Luft, Heft J.«
Munderloh nickte.»Vielleicht haben Sie falsche Vorstellungen von den Verhältnissen bei uns. Vielleicht ich von den Verhältnissen bei Ihnen. Trinken wir doch auf das, was uns eint. «Er hob sein Glas, das er mit Wein gefüllt hatte, trank Redlich zu.
«Wir, die wir wissen, was für ein kostbares Gut Wahrheit ist … Und es ist auch eine Wahrheit, Sprache in ihrer Reinheit darzustellen …«Redlich sank zurück, sein rundliches, schnurrbärtiges Gesicht mit den verquollenen Augen, das Meno an Joseph Roths Gesicht erinnerte, geriet wieder in den Schatten. Schiffner legte ihm die Hand auf den Arm.
«Auf jeden Fall sind Sie, seid ihr«, Redlich wies mit großzügiger Geste über die Frankfurter Reihe,»viel besser gekleidet als wir!«Er lachte, hielt sich die Hand vor den Mund.
«Sie schwimmen nicht gern, stimmt’s?«Munderloh beugte sich vor, verschränkte die Hände. Es waren starke, bäurisch grobe Hände mit behaarten Fingerrücken, Meno war sich sicher, daß Munderloh in der Lage war, Walnüsse zwischen Daumen und Zeigefinger zu knacken. Der würde das Lager überstehen — diesen kantigen Kopf, die wie mit dem Beil gehauene Nase, stark wie ein Tukanschnabel, diesen Holzfällerrücken würden die Befreier sehen, die das Tor öffneten; er ist einer, der überlebt, dachte Meno und runzelte die Stirn, weil es ihn irritierte, daß er Munderlohs äußere Erscheinung mit dem Lager in Verbindung brachte; der Gedanke erschien ihm perfide. Redlich antwortete nicht auf Munderlohs Frage. Sie brachen auf. Vor der» Jägerschänke «wartete Philipp Londoner, der Eschschloraque und Schiffner vertraut begrüßte. Schevola war verschwunden.
Bei Philipp war es warm, Marisa hatte stark eingeheizt; Meno und Eschschloraque zogen bald die Jacketts aus. Philipp schien zu frieren, er lief unruhig auf und ab, rieb sich die Hände, machte hin und wieder eine Kniebeuge, wenn er neben dem aserbaidschanischen Kupfertischchen vor der Wand mit den Tausenden hellbraunen, blauen, weißen und rotrückigen Reclam-Bänden hielt. Eschschloraque wußte um Menos Verhältnis zur Londoner-Familie, hatte sich aber dennoch gewundert, daß er bei Philipp übernachtete. Meno hatte geschwiegen und sich seinerseits Gedanken gemacht, warum Eschschloraque hier war. Jochen Londoner kannte ihn, Meno wußte auch, daß er im Haus am Zetkinweg in Ostrom öfters zu Gast gewesen war, aber das vertraute Verhältnis zwischen Philipp und Eschschloraque überraschte ihn.
«Dieser Nachtwächter«, sagte Eschschloraque, wobei er das Teeglas, das ihm Marisa gebracht hatte, langsam drehte und sinnend den Schwebeteilchen in der roten Flüssigkeit zusah,»dieser Nachtwächter in der ›Jägerschänke‹, Sie haben ihn natürlich bemerkt, Herr Rohde? Selbstverständlich. Wer so über Spinnen zu schreiben versteht, bemerkt auch einen Nachtwächter. Was meinst du, Philipp, braucht der Kommunismus Nachtwächter? Freund Rohde hier würde die Frage sicherlich bejahen, er vertraut auf die Unveränderlichkeit gewisser Angelegenheiten, menschlicher zumal — aber wer weiß.«
«Nachtwächter? Blödsinn. Wir haben andere Sorgen.«
«Aber es wäre doch mal eine lohnende Frage für euer Institut. So humoristisch, wie du glaubst, ist sie gar nicht.«
Philipp zuckte die Achseln, setzte sein Auf- und Ablaufen fort. Marisa kam herein, machte es sich auf der Couch neben Eschschloraque bequem, zündete sich einen von Philipps Zigarillos an.
«Sag mir lieber, wie das Treffen vorhin war, mit den Frankfurter Leuten.«
«Eine ziemlich gemischtkapitalistische Soirée. Sie schauen uns mitleidig und neidisch zugleich an. Mitleidig, weil wir so furchtbar naiv sind und uns partout den Glauben nicht nehmen lassen wollen, daß das geschriebene Wort die Welt verändert. Neidisch: Weil wir damit, wenigstens in diesem Teil des Vaterlands, durchaus recht haben. Wut ist übrigens auch dabei. Sie mögen es nicht, wenn wir sie beim Nachlassen ertappen. Sie haben eben keine staatlichen Produktionsbedingungen. Daß sie daraufhin immer wieder auf unser in der Regel mäßiges Papier zurückkommen, bestätigt deine These, daß der Geist unter den Bedingungen des Marktes kuhartig Oberflächen abgrast. Wie geht’s übrigens am Institut?«Philipp arbeitete als Dozent an einer Leipziger Außenstelle des Instituts für Gesellschaftswissenschaften.