Der Turm
- Автор: Tellkamp Uwe
- Год: 2008
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Der Turm». Краткое содержание книги:
«Mann, guckst du entsetzt«, registrierte sie und strich sich herausfordernd das Haar zurück,»sieht man selten bei dir. Ich muß richtig gut gewesen sein!«
«Krischan, die steht auch auf dich!«nölte Jens, wobei er Falk die Hand zum Abklatschen hinhielt.
«Zieh doch Leine, du Blödmann!«blaffte Reina zurück und warf jähzornig den Arm hoch.»Ich will mir doch keine Pickelvergiftung holen.«
Ein Stich mit einer Ahle, Siegbert und Jens musterten Christian, er hatte das Gefühl, daß sein Gesicht angezündet worden war, versuchte ein Lächeln.
«Meine Muskeln laß mal aus dem Spiel«, sagte Falk.»Ich werde mich nicht verpflichten. Drei Jahre … Da komm’ ich ja mit grauen Haaren raus. Und dann … Diese ganzen Panzer und Knarren … Ich schieß’ auf niemanden.«
«Laß das mal Häuptling Roter Adler hören«, sagte Reina leise, und Christian begriff, daß sie es zu ihm gesagt hatte, als eine Art Angebot im still gewordenen Kreis, das er ausschlug, weil er nicht einsah, warum er die Anstrengung aufbringen sollte, die Stille zu durchbrechen; er starrte auf die Bucht unter ihnen und überlegte, ob es sich lohnte, mit Ezzo und Meno hier einmal angeln zu gehen, er würde dafür Mitglied in der hiesigen Ortsgruppe des» Deutschen Anglerverbands «werden müssen; komisch, diese Spitznamen.»Roter Adler«, wie sie den Staatsbürgerkundelehrer und Direktor des Schulteils EOS, Herrn Engelmann, nannten, hatten sie von längst abgegangenen Schülergenerationen geerbt und widerspruchslos übernommen. Sprach das gegen ihre Phantasie oder für die Treffsicherheit des Namens — Christian entschied sich für letzteres. Es war nun einmal so, daß Engelmann, wenn er die Arme breitete und mit begeisterungsnassen Lippen, über denen flammendrot die Krugnase leuchtete, von der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erzählte, an der sein Vater im Gefolge von Trotzki beteiligt gewesen war, wenn er mit den Händen zu wedeln begann, die Augenlider hinter der dicken Brille tiefer sanken, um den Blick in vergangene große Zeiten schwimmen zu lassen, daß Engelmann dann einem schwerfällig gewordenen Adler glich, der durch die Klasse rauschte und Aprilthesen diktierte, wobei die Worte aus seiner fahl brodelnden Kettenraucherstimme zu fallen schienen und wie frühe Pflaumen auf die tief eingezogenen Schülerköpfe klopften.
«Erst quetscht dich Roter Adler aus, dann Fahner … Ich wandere sowieso für vier Jahre ab.«
Verena starrte erschrocken auf Siegbert, der Steinchen sammelte und ungerührt in den hellblauen Himmel schnippte.
«Vier Jahre … Bist du bekloppt?«Jens taxierte Siegbert, als hätte der die ganze Zeit eine Maske getragen, unter der nun das Gesicht eines Monsters zum Vorschein kam. Siegbert lächelte kühl.
«Nur realistisch. Ich will nautischer Offizier werden. Ich war letzten Sommer in Rostock. Die nehmen keinen, der nicht als Offizier auf Zeit bei der Volksmarine gewesen ist.«
«Ich denke, du willst zur Handelsflotte?«
«Das macht leider keinen Unterschied, Montechristo.«
«Der Graf von Montechristo«, Verena ahmte mit affektiert gespitzten Lippen Christian nach, wie er sich die zu lange Haartolle aus der Stirn strich, sie legte den Kopf schief, leierte die Augen nach oben und legte dann mit tuntig übertriebener Bewegung die imaginäre Tolle zurück, eine Geste, die er tic-artig oft machte und die er sich sofort abgewöhnen mußte, wenn sie für andere so aussah, wie Verena vorführte.»Was für ein passender Titel für Seine Dresdner Hoheit — «
«Klappe«, knurrte Christian. Die beiden Mädchen prusteten los.
«Sieh’s gelassen, Alter«, beschwichtigte Jens,»die Weiber sind in der Pubertät, und dieser Spitzname hält sich sowieso nicht. Viel zu lang und umständlich zu sprechen. — Aber, Siggi, Mensch: vier Jahre!«
Siegbert zuckte die Schultern.»Ich will zur See. Die wollen vier Jahre Marine. Also gehe ich vier Jahre zur Marine.«
«Na spitze«, sagte Verena. Ein wenig Verachtung, so schien es Christian, lag in ihrer Stimme, ein wenig Zorn. Er dachte über Siegberts Antwort nach, und auch die anderen schienen es zu tun, sie waren still geworden. Er stellte sich Fahner vor, der die Jungen einzeln zu sich zitierte, ins Direktorenbüro drüben in der Polytechnischen Oberschule, das von seiner Frau an einer schweren» Optima«-Schreibmaschine bewacht wurde; gewiß würde Fahner, wie er es immer tat, wenn man auf das gebellte» Ja!«hin die Klinke gedrückt hatte, am Schreibtisch sitzen und schreiben, ohne aufzublicken, so daß man das von Jalousien in Streifen geschnittene Licht auf dem glänzend gebohnerten PVC-Fußboden, die verschatteten und strengen Gesichter von Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und der Ministerin für Volksbildung an der Wand über Fahners Kopf betrachten konnte, verlegen darum, was zu tun sei, denn Fahner sagte nicht» Treten Sie näher «oder» Setzen Sie sich«; Fahner sagte überhaupt nichts, saß da und schrieb, trug Ärmelschoner aus FDJ-blauer Seide über dem eleganten Anzug, die er irgendwann mit gemessenen, von widerstreitenden Überlegungen kündenden Fingerspitzen abziehen und auf den Tisch neben die akkurat nach Länge geordneten und nadelscharf gespitzten Bleistifte legen würde. Im Musikunterricht bei Herrn Uhl hatten sie neulich über den englischen Komponisten Benjamin Britten gesprochen, und Christian war verblüfft gewesen über die Ähnlichkeit von Brittens und Fahners Kopf: die gleiche, raupig wirkende Lockenpracht, die gleichen jungenhaft weichen Züge; die Ähnlichkeit war so ausgeprägt, daß Christian Nachforschungen angestellt hatte, ob Britten einen Sohn im Erzgebirge gehabt habe … Seine Nachforschungen waren ergebnislos geblieben.
«Genausogut könntest du sagen: Ich will zur See, die verlangen, daß ich einen Menschen töte — also töte ich einen Menschen«, unterbrach Verena das Schweigen.
«Meine Herrn«, sagte Jens.
«Moment mal«, erwiderte Siegbert.»Immerhin bin ich der Mensch, um den es geht. Die vier Jahre lade ich auf meinen eigenen Buckel. Außerdem hast du leicht reden, Verena, für dich stellt sich das Problem nicht, auf dich wartet kein Wehrkreiskommando.«
«Menschen töten … Das kann bei der Fahne blühen … An der Grenze sollen die NVA-Regimenter immer noch erhöhte Bereitschaft haben, und wenn’s dich dorthin verschlägt … Heute eingezogen, morgen mit der Knarre in der Hand in Polen einmarschiert … Oder in Angola. Mein Vater sagt, dort sollen Castros Soldaten sein, und die Russen auch … Ich mach’ das nicht mit«, sagte Falk.
«So standhaft? Und wenn sie dich rausschmeißen?«
«Mach’ mal bißchen halblang, Verena«, sagte Jens in ziemlich scharfem Ton,»War ja nicht schlecht neulich, als du ein leeres Blatt abgegeben hast, aber gekniffen hast du ja dann doch — «
«Ansorge, bei dir piept’s wohl!«Reina tippte sich an die Stirn.»Komm, Verena, was wollen wir eigentlich hier.«
«Du hast recht«, sagte Verena nach einer Weile. Überraschte Blicke wanderten hin und her, denn sie hatte es zu Jens Ansorge gesagt.
Drei Jahre Nationale Volksarmee. Christian wußte, daß er diese Stunde nicht vergessen würde, diesen fünfundzwanzigsten April neunzehndreiundachtzig; vorgestern. Sie hatten zu dritt vor Fahners Sekretariat gewartet, Jens Ansorge hatte die Situation mit Witzen zu überspielen versucht, dann war Falk herausgekommen, eine Spur blasser als sonst, die rechte Hand umklammerte die abgeschabte kunstlederne Aktentasche mit dem Schriftzug VEB GISAG Schmiedeberg, die er von seinem Vater bekommen hatte; er nickte und lächelte an ihnen vorbei in den hellgrauen Flur der Polytechnischen Oberschule, der mit Fahnen und Wimpeln zum» Karl-Marx-Jahr 1983«dekoriert war. Jens schwieg, Christian mied Siegberts Blick, der seinen suchte, keiner von ihnen rief Falk hinterher, bat ihn stehenzubleiben, fragte, was gewesen war; sie sahen ihm nur nach, wie er ging: Er schlenkerte etwas weniger als sonst, hielt sich nahe am Geländer, plötzlich schien es einen Riß zu geben zwischen Falk und ihnen, sein Handballen, der gegen den gummierten Geländerlauf schlug, das brummende Geräusch widerhallend im Treppenhaus, seine zu weiten Hosen mit dem grünen Plastkamm in der Gesäßtasche, dessen tropfenförmig aufgebogener Griff vorwitzig über den Gürtel ragte, die eckigen Schultern unter dem FDJ-Hemd: da war etwas, das sie losgelassen hatten, alle drei, nur jeder wahrscheinlich auf seine Weise, und der Riß, den Christian spürte, kam daher, daß er kein Mitleid empfand. Es war nicht nur das Gespräch, weswegen er diesen Tag nicht vergessen würde.