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Die Kriegerin der Himmelsscheibe

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe
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Als ob das irgendetwas besser machen konnte.

Isana legte den Kopf schief. »Hat es dir jetzt endgültig die Sprache verschlagen?«

Wenn Arri ehrlich gewesen wäre, hätte sie nur sagen können: »Ja, das hat es. Und zwar an dem Tag, an dem Dragosz in meinen Armen gestorben ist.«

Stattdessen raffte sie sich dazu auf, den Kopf zu schütteln. »Nein. Ich bin nur ... etwas müde.«

»Und hungrig?«

Wieder schüttelte Arri den Kopf. Das ist nicht Surkija, hämmerte es dabei in ihren Gedanken, das ist Isana.

Es half. Arri zwang sich dazu, Isana als das zu betrachten, was sie wirklich war: die Tochter des Schmieds und die Nichte der Heilerin Surkija - nicht aber ihr Ebenbild.

Trotzdem war es keineswegs einfach. Die Ähnlichkeit zwischen Isana und Surkija wurde durch Isanas aufwendig gefertigte Kleidung noch unterstrichen, die der von Arri und Surkija bis in die Einzelheiten glich: Es war die traditionelle Kleidung der Heilerinnen, eine aus leichtem Stoff gewebte Bluse, die mit den ineinander verwobenen Schlangensymbolen verziert war, und ein dunkler Wickelrock, den ihre Trägerin gekürzt und umgenäht hatte, nachdem er an mehreren Stellen eingerissen war. Das Auffälligste an ihr war aber der Ring aus Feuerstein, den Isana wie auch Arri um den Hals trugen, nur dass der ihre ein Stück kleiner war. Jetzt nahm sie ihn in die Hand und drehte ihn - das war eine Angewohnheit, die ihr Gelegenheit gab, in Ruhe nachzudenken - was oft auch besser war, denn manchmal sprudelten aus dem zarten Mädchen so grobe oder unbedachte Worte heraus, dass es deswegen schon mehr als einmal fast zu Handgreiflichkeiten zwischen ihr und Taru gekommen wäre.

»Ich mache mir langsam wirklich Sorgen.« Isana sah auf und seufzte leise. »So kann es doch nicht weitergehen!«

Arri versuchte ihre düsteren Gedanken weiter zurückzudrängen und sich ganz auf das Mädchen zu konzentrieren, das ihr da gegenübersaß. »Was weißt du nicht?«, fragte sie zwar leise, aber immerhin so freundlich, wie sie es im Augenblick vermochte.

»Du willst doch nur nichts essen, weil du glaubst, dass sie dich gleich holen, um dich zu ersäufen!« Isana schüttelte entschieden den Kopf, und wieder stoben unzählige winzige Wassertropfen von ihrem Haar auf. »Aber das lasse ich nicht zu!«

»Das ist zwar lieb von dir«, antwortete Arri leise. »Aber ich glaube kaum, dass du das verhindern kannst.«

»Und ob!« Der Ring ins Isanas Fingern drehte sich immer schneller. »Und wenn ich diesem aufgeblasenen Taru die Augen auskratzen muss!«

Ja, natürlich. Isana und Taru hatten sich noch nie leiden können. Und ihr Verhältnis hatte sich in den letzten Tagen mit Sicherheit nicht verbessert.

»Taru hält mich für eine Giftmischerin«, sagte Arri ruhig. »Und außerdem glaubt er, ich hätte ihm den Vater genommen. Da ist es doch nur ganz verständlich, dass er sich an mir rächen will!«

»Wie kannst du so etwas auch nur sagen!« Isanas Augen blitzten empört auf. »Schließlich ist es Taru, der sich die Hände schmutzig gemacht hat, und nicht du! Wie konnte er sich zusammen mit diesem Tölpel Rar nur dazu hinreißen lassen, dich zu entführen?«

»Weil er glaubt, ich hätte Dragosz umgebracht«, antwortete Arri leise.

»Nein«, Isanas Augen blitzten, »weil er ein brutaler Kerl ist und ein Hornochse dazu. Du bist doch unschuldig!«

»Ja. Aber das weiß Taru doch nicht.« Arri beugte sich so weit vor, dass sie fast das Gleichgewicht verloren und nach vorn gekippt wäre. »Glaubst du etwa, mir geht es anders als diesem Großmaul? Was meinst du, was ich mit dem mache, der mir das angetan hat? Glaubst du vielleicht, ich würde Dragosz’ Mörder so einfach davonkommen lassen?« Sie ließ sich wieder zurücksinken. »Ich werde alle, die daran beteiligt sind, umbringen«, schwor sie. Und es erschrak sie fast selbst, wie leblos ihre Stimme klang - so, als sei jedes Gefühl in ihr erstorben.

»Nun übertreib mal nicht so«, sagte Isana. »Vielleicht ist ja überhaupt niemand daran schuld. Vielleicht war es auch nur ein Unfall.«

»Ein Unfall.« Jetzt begann das Leben in Arri zurückzukehren, wenn auch nur in Form schmerzhafter Wellen der Empörung. »Du bist ja nicht ganz bei Trost! Irgendjemand muss den Opfertrank vergiftet haben. Ich könnte mir vorstellen, dass es Pilze waren, vielleicht ein Raukopf oder eine Lorchel. Das würde auch erklären, warum nicht alle von dem Gift gleich schwer betroffen waren. Die Sommerlorchel wird von vielen Menschen vertragen, während sich andere in Krämpfen winden ...«

»Oder sterben.« Isana nickte. »Das hast du mir schon ein paar Mal gesagt. Du solltest aufhören, so viel über etwas nachzudenken, das sich doch nicht mehr ungeschehen machen lässt.«

»Ich lasse mir doch meine Gedanken nicht nehmen«, widersprach Arri heftig. »Schließlich will ich wissen, wer mir - wer uns! - das angetan hat. Ist dir denn am Tag des Festes wirklich gar nichts aufgefallen?«

»Die Götter stehen mir bei: Nein!« Vor lauter Erregung hüpfte Isana auf dem Boden herum. »Das habe ich dir auch schon öfter erzählt, als mich Mücken in der letzten Nacht gebissen haben. Also lass es endlich gut sein.«

»Ich kann es aber nicht gut sein lassen«, murmelte Arri grimmig. »Ich werde die Schuldigen finden und töten. Oder besser gesagt: zu Tode quälen. Vielleicht mit siedendem Öl übergießen. Und ihnen dann bei lebendigem Leib die Haut abziehen. Steinigen oder unter Wasser drücken ist doch viel zu schade für sie ...«

Isana sah jetzt ein wenig erschrocken aus. »Ja, ich weiß schon, was du meinst«, sagte sie hastig. »Aber ich fürchte, Taru wird dir dazu kaum die Gelegenheit geben - selbst dann nicht, wenn du ihm einen Schuldigen auf dem Bronzeschwert präsentierst. Er wird dich töten, noch bevor der neue Hohepriester von Goseg auch nur auf die Idee kommt, einen Prozesstermin anzusetzen!«

»Das bliebe noch abzuwarten«, antwortete Arri. »Außerdem ist da auch noch Abdurezak.«

»Na, ich weiß nicht«, sagte Isana düster. »Taru ist jung und kräftig. Und Abdurezak ... nun ja, doch schon ziemlich alt. Irgendwie habe ich das Gefühl, es gab ihn schon immer.«

»Ja ... also, in deinem Alter ...«

»Du bist doch kaum älter als ich!«, fiel ihr Isana ins Wort. »Gerade mal zwei Sonnenwenden!«

»Ja, zwei Sonnenwenden.« Arri erschauerte, als ihr bewusst wurde, welch wilden Verlauf ihr Leben genommen hatte. In Isanas Alter hatte sie noch glücklich und behütet in ihrem Heimatdorf gelebt. Inzwischen aber hatte man ihre Mutter erschlagen, ihren Mann vergiftet und ihr den Sohn weggenommen. »Ich vertraue Abdurezak«, sagte sie und hoffte, dass Isana das leichte Zittern in ihrer Stimme nicht auffiel. »Er wird Taru in seine Grenzen verweisen, wenn das nötig ist.«

»Und ob das nötig sein wird«, schimpfte Isana auf, »Taru hat schon einmal versucht, dich umzubringen. Das wird er auch wieder tun!«

»Du meinst, weil er öffentlich gedroht hat, mich unter zu Wasser drücken, bis ich ersticke, falls Amar mir nicht ganz schnell den Prozess macht?« Arri schüttelte den Kopf. »Nein. Das kann ich ihm nicht verübeln. Ganz im Gegenteiclass="underline" Ich verstehe ihn sogar. An seiner Stelle würde ich vielleicht genauso toben.«

»Das ist doch verrückt«, entfuhr es Isana. »Wie können denn er und all die anderen Schwachköpfe nur glauben, dass du das dem Dorf hättest antun können? Seitdem du bei unserem Volk bist, hast du nur Gutes getan! Haben sie etwa vergessen, dass du immer für sie da warst, ihre Wunden versorgt und die Kranken geheilt hast?«

»Was hat denn das eine mit dem anderen zu tun?«, fragte Arri heftig.

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