Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
»Ich meine, dass hier manches nicht stimmt«, antwortete Torgon unglücklich. »Auch im Wald gab es Tote. Oder zumindest einen. Aber der war in einem ziemlich merkwürdigen Zustand, und außerdem war er noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Aber dann hat er nicht geschossen, sondern hat Lexz angesprungen. Ich konnte Lexz gerade noch da rausziehen!«
Das entsprach zwar nicht ganz dem, was Lexz in Erinnerung hatte - aber wenn er ehrlich war, klang es beinahe noch zu harmlos. Ob es nun ein Dämon gewesen war, der auf ihm gelandet war, und ob das ein willentlicher Angriff oder nur ein dummer Zufall gewesen sein mochte: Das Gefühl, unter diesem kribbelnden und krabbelnden Etwas begraben zu werden, war schlimmer als alles andere, was er je zuvor erlebt hatte.
Mal abgesehen davon, auf eine Sumpfleiche herabzublicken, die wie lebendig aussah und ihn angrinste.
»Also pass bloß auf, Ekarna«, fuhr Torgon in besorgtem Ton fort. »Der Kerl, den du für tot hältst, kann jederzeit wieder lebendig werden!«
Ja, das war genau der Satz, den Lexz jetzt gebraucht hatte. »Der ist nicht lebendig«, sagte er - nein, eigentlich stieß er es in dem kläglichen Tonfall eines Kindes aus, dem man zum ersten Mal einen toten Fisch in die Hand drückte und das man dann anwies, ihn nun auszunehmen. »Der ist mausetot. Und um ganz sicher zu gehen, könnten wir ihn ja mit einem Schwert durchbohren.«
Unwillkürlich fuhr Ekarnas Hand zu ihrer Waffe, zog sie aber nicht. »Du glaubst doch wirklich nicht, dass dies hier ein Dämon ist, oder? Und dass der dann so einfach wie tot hier rumliegt?«
»Doch, genau das glaube ich.« Torgon starrte zu ihr hinüber, ohne sich zu rühren, und irgendetwas lag in seinem Blick, das Lexz gar nicht gefiel. »Ein Dämon, genau das ist er. Ich habe schon von so etwas gehört. Von Leichen, die seit einer Ewigkeit im Moor liegen und doch nicht wirklich tot sind. Die dann plötzlich wieder die Augen aufreißen - und die Kehlen der Menschen zerfetzen, die ihnen zu nahe kommen.«
Ekarna machte nun doch zwei, drei schnelle Schritte rückwärts, und in der gleichen Bewegung zog sie ihre Waffe.
Doch es war die falsche Entscheidung. Der Tote dachte gar nicht daran, aufzuspringen und über sie herzufallen, und wenn etwas Dämonisches an ihm war, dann allenfalls das, dass er sie erschreckt hatte und sie dadurch dazu brachte, sich in einer Umgebung kopflos zu verhalten, die eher ihre besondere Umsicht verlangt hätte. Also kam es, wie es kommen musste: Ekarna gab einen erschrockenen Laut von sich, als sie mit dem rechten Fuß einzusinken begann und es ihr trotz aller sichtbaren Anstrengung nicht gelang, ihn sofort wieder herauszuziehen.
»Schnell zu mir«, rief Torgon besorgt. »Aber Vorsicht: Der Sumpf ist tückisch. Ein falscher Schritt, und du wirst von ihm verschlungen!«
Bevor Torgon seinen Satz beendet hatte, schrie Ekarna bereits auf, und Lexz glaubte schon, sie sei inzwischen so tief eingesunken, dass er ihr zur Hilfe eilen musste - aber dann gelang es ihr doch, sich mit einem entschlossenen Sprung von der trügerischen Stelle zu lösen. »Wenn das Dämonen sind«, keuchte sie, während sich der Morast von ihren Schuhen löste und sie auf den Waldrand zulief, »dann sollten wir sehen, dass wir ganz schnell von hier wegkommen. Da liegt nämlich noch einer!«
Lexz schüttelte ungläubig den Kopf. »Wo liegt einer?«
Ekarna machte sich nicht einmal die Mühe, den Kopf in seine Richtung zu drehen, als sie hervorstieß: »Da, wo ich beinahe eingesunken wäre. Und wo jetzt Bodennebel aufzieht - der hier gleich alles verdecken wird, sodass man bald gar nicht mehr sieht, wo man hintritt. Und dann kommen wir hier auch nicht mehr raus!«
Lexz starrt ihr fassungslos hinterher. Er hättte lieber zusehen sollen, dass er von hier wegkam und Ekarna folgte. Aber es war mehr als nur Neugier, die ihn in die entgegengesetzte Richtung zog, es war der unbedingte Wunsch herauszubekommen, was hier eigentlich geschah. Der Nebel ... ja, der Nebel kroch tatsächlich heran, von allen Seiten, und er war vor allem da besonders dicht, wo ihn eine reiche Feuchtigkeit von unten speiste. All das passte zusammen, es passte auch zu den Ranken, die sich wild verhalten hatten, und zu dem Toten mit der rosigen Gesichtsfarbe ...
Lexz stürzte los, dorthin, wo sie angeblich gerade einen zweiten Dämon entdeckt hatte. Es war nicht die erste feuchte Fläche dieser Art, die ihnen in letzter Zeit zu schaffen machte: Moor- und Sumpfgebiete zogen sich oft unüberschaubar weit ins Land hinein, und sie zu umgehen war mitunter schwierig, manchmal sogar unmöglich. Entsprechend hatte er allmählich einen Blick für gefährliche Stellen entwickelt. Aber hier war alles anders. Graubraune Pflanzen, gewöhnlicher Erdboden, spärliche Grasinseln, Moos, Sumpfdotterblumen und andere Pflanzen, die Lexz allenfalls von Ferne bekannt vorkamen, all das verschmolz zu einer Fläche, die vor seinen Augen verschwamm, und dies umso mehr, je dichter der Bodennebel wurde, der aus den feuchten Löchern emporwallte und nach seinen Füßen griff ...
Der Gedanke an die Gefahr, die ihm damit drohte, zerstob jedoch, als er etwas sah, das zur Hälfte aus den grauen Nebelschwaden herausragte. Es hätte ein Ast sein können, oder auch ein Arm. In jedem Fall blitzte es dort, wo die Hand gewesen wäre, metallisch auf ...
Es war eine Waffe. Vielleicht aus Kupfer, vielleicht auch aus Bronze, so genau ließ sich das in den Nebelschwaden nicht erkennen.
»Komm jetzt und beeil dich!«, rief ihm Ekarna vom Waldrand aus zu. »Du muss da weg!« Ihre Stimme kippte fast über. »Da ist etwas! Da im Nebel!«
Lexz fuhr herum, und sein wertvolles Schwert, das als eines der letzten seiner Art in der Schmiede in ihrer Heimat gefertigt worden war, sprang wie von selbst in seine Hand.
Ja, da war tatsächlich etwas.
Die Toten erhoben sich. Zuerst glaubte er das jedenfalls, und er musste an die Kapuzenmänner denken, mit denen sie vor ein paar Tagen aneinandergeraten waren. Doch dann erkannte er, dass er sich doch täuschte - es war nichts weiter als substanzloser Nebel, der heranwallte.
Obwohl, stand da hinten nicht jemand? Er kniff die Augen zusammen und starrte in die Richtung, und im nächsten Moment war er schon ganz sicher, dort eine dunkle Gestalt stehen zu sehen. Sie strahlte etwas Düsteres und Unheimliches aus. Er packte seine Waffe fester, ließ den Blick einmal in die Runde schweifen. Auch weiter hinten, schon fast an der Grenze seines Sichtbereichs, stand jemand, das war ganz klar zu sehen. Doch als er versuchte, Einzelheiten zu erkennen, zerstob die Gestalt plötzlich ... und auch die andere, die er zuerst entdeckt hatte, war nicht mehr da, als er in ihre Richtung starrte.
Das war unheimlich und höchst beunruhigend. Er sollte wirklich machen, dass er von hier wegkam. Die Gestalten, der Nebel, der unsichere Untergrund ... wenn er nicht aufpasste, konnte schon sein nächster Schritt der letzte sein.
Und obwohl das so war - oder vielleicht auch gerade, weil das so war - musste er noch zu der zweiten Leiche hinübergehen, die Ekarna entdeckt hatte. Er musste wissen, ob sie auch so unnatürlich aussah.
Mit aller Vorsicht setzte er also einen Fuß vor den anderen. Der Boden unter ihm war im besten Fall trügerisch, und wenn er nicht gut aufpasste, würde er im Morast versinken. Dabei musste er darauf achten, dass er die Richtung beibehielt, denn die grauen Schwaden erschwerten die Orientierung und ließen alles so unwirklich erscheinen, dass er schon Mühe hatte, nicht einfach herumzufahren und schreiend aus dem Sumpf zu laufen.
Dann hatte er die zweite Leiche erreicht. Der Nebel hatte die Stelle noch nicht vollständig zugedeckt, und trotzdem war nicht viel mehr als die Hand des Toten zu sehen. Die Finger hatten sich um das kurze, breite Schwert verkrampft und der Handrücken war mit etwas umwickelt, dessen Beschaffenheit inmitten der grauen Schwaden jedoch nicht zu erkennen war. Vielleicht war es ein Verband, vielleicht auch ein Lederschutz. Lexz hatte so etwas noch nie zuvor gesehen. Schon aus diesem Grund konnte er sich nicht vorstellen, dass dies einer der Raker war, die sich Dragosz angeschlossen hatten.