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Die Elfenkönigin von Shannara

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Die Elfenkönigin von Shannara
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»Ein Leben lang, wenn du dich irrst, Stachel«, sagte Gavilan düster.

»Dann werden wir uns beeilen müssen«, erklärte Wren und rief Faun zurück auf ihre Schulter. Sie hielt den Ruhkstab vor sich, um ihre Gedanken zu sammeln. »Wir haben keine Wahl. Laßt uns gehen. Bleibt dicht beieinander. Seid vorsichtig.«

Sie gingen zielstrebig über die Ebenen, wanden sich hinunter in den Irrgarten der Landsenken und durch das Gewirr von Baumhüllen. Mit aufmerksamen Augen durchforsteten sie das verwüstete Land um sie herum. Stresa führte sie, so schnell er konnte, aber die Reise ging dennoch langsam voran, denn das Gebiet war zerklüftet und zerstört, von Windungen und Kurven durchsetzt, die ein schnelles Vorwärtskommen ohne Umwege verhinderten. Der Harrow verschluckte sie innerhalb von Augenblicken und schloß sich fast magisch um sie herum, bis in keiner Richtung mehr etwas zu sehen war. Nebel wirbelte und wand sich im Luftstrom, Dampf stieg aus Rissen in der Erde, die sich ihren Weg bis zum Kern von Killeshan gruben, und Vog schwebte vom Schlund des Vulkans herab. Nichts bewegte sich in dem Land. Überall um sie herum war es still und leer. Schatten umspielten sie, schwarze Linien, die von skelettartigen Bäumen auf den Boden projiziert wurden, eherne Blenden vor dem Licht. Und die ganze Zeit über rumpelte die Erde unter ihnen unheilvoll, und das Gefühl von etwas Gefährlichem regte sich in ihnen.

Schon in der ersten Stunde begannen Stimmen zu erklingen. Sie erhoben sich aus dem Nichts wie ein Flüstern in der Luft, das von überallher hätte kommen können. Die Rufe forderten sie heraus, und für jeden von ihnen hatten die Worte eine andere Bedeutung. Zuerst schaute jeder den anderen an und dachte, daß alle es gehört haben müßten und daß die Stimmen unmißverständlich seien. Sie fragten ängstlich und angespannt: Hast du das gehört? Hast du gehört? Aber natürlich hatte niemand es gehört – nur derjenige, der persönlich angerufen worden war, absichtlich, angezogen von einer Art Spiegel des Selbst, von einer Spiegelung von Verstand und Gefühl.

Die Bilder kamen ganz nahe, Gesichter aus der Luft, Gestalten, die sich schnell bildeten und genauso schnell wieder in den wabernden Dunst verschwanden, Visionen von Wesen, die jedem von ihnen seltsam erschienen – die Personifizierungen von Sehnsüchten, Bedürfnissen und Hoffnungen. Für Wren nahmen sie die Gestalt ihrer Eltern an. Für Triss und Eowen waren sie die Königin. Für die anderen waren sie etwas anderes. Die Bilder machten sich am Rand ihres Bewußtseins breit und kämpften darum, die Barrieren zu durchbrechen, die sie errichtet hatten, um sie in Schach zu halten. Sie versuchten, die Gefährten von ihrem Weg abzubringen und in die Irre zu führen.

So ging es unaufhörlich weiter. Die Stimmen waren niemals laut, die Bilder niemals klar und die Erfahrung auch nicht unangenehm, nicht bedrohlich, nicht einmal real – eine fehlerhafte Erinnerung an etwas, was niemals gewesen war. Stresa, der mit der Gefahr vertraut war, brachte sie dazu, daß sie miteinander sprachen, um den Angriff abzuwehren – denn es gab keinen Zweifel darüber, was es war. Die Drakuls pirschten sich, da sie die Beute ahnten, der sie nach dem Erwachen folgen wollten, sogar im Schlaf an sie heran, und versuchten, sie zögern zu lassen oder sie zurückzuhalten, sie vom Weg ab in die Irre zu führen, damit sie beim Einbruch der Nacht noch innerhalb des Harrow waren.

Die Zeit verstrich langsam, so behutsam und gleichmäßig wie der Dunst, durch den sie gingen, so freudlos wie die Landschaft, die sich vor ihnen erstreckte. Die Einschnitte in der Landschaft vertieften sich, und an manchen Stellen bildeten die leblosen Bäume Barrieren, die sie nicht überwinden konnten, sondern umgehen mußten. Wren sprach ständig mit den anderen, während sie sich mühsam vorwärts schleppte, sich an den Stimmen vorbeidrängte, sich durch die Gesichter hindurchwarf und sich bemühte, sie alle zusammen und in Bewegung zu halten. Die Mittagszeit näherte sich, und der Tag wurde dunkler. Schwere Regenwolken verdichteten sich über ihnen, es begann zu tröpfeln und dann zu regnen. Der Wind frischte auf, und der Regen peitschte in Strömen auf sie ein. Er fegte als Vorhang über sie hinweg und nahm wieder ab bis zu einem Nieseln, um den Kreislauf dann wieder zu beginnen. Das hielt eine Weile an und war dann vorbei. Die Hitze der Erde kehrte zurück, und der Nebel begann sich zu verdichten. Er schloß sich um sie herum, und bald war über ein Dutzend Fuß hinaus nichts mehr sichtbar. Sie blieben dicht beieinander, so nah, daß sie übereinander stolperten und ineinander stießen, als seien sie blind, denn sie mußten sich ihren Weg durch die Dunkelheit erspüren.

»Stresa! Wie weit noch?« rief Wren durch das Schrillen der Stimmen, die um ihre Ohren wirbelten.

»Sppt! Jetzt ist es nicht mehr weit«, kam Stresas Antwort. »Es ist direkt vor uns.«

Sie stiegen in eine besonders tiefe Schlucht hinab, die aussah, als habe ein gezacktes Messer die Oberfläche des Lavagesteins durchschnitten. Sie war voller Schatten und waberndem Dunst. Wren wußte, daß es gefährlich war, und hätte die anderen beinahe zurückgerufen, doch sie sah auch, daß dies der direkte Weg nach draußen war, daß es der einzige Weg war, den sie nehmen konnten. Sie stieg in die Dunkelheit hinab und hielt den Ruhkstab vor sich wie einen Schild. Faun schnatterte wild auf ihrer Schulter. Das war ein weiteres Geräusch, das sich mit den anderen, den unsichtbaren Stimmen vermischte, die dröhnten und tobten und sie immer mehr dahin trieben, daß sie das Bedürfnis hatte, laut zu schreien. Sie sah Triss vor sich und Stresa als schwachen, dunklen Fleck dahinter. Sie hörte Schritte hinter sich, jemanden, der folgte, die anderen...

Und dann ergriffen sie plötzlich Hände, erschreckend und so hart wie Eisen. Sie kamen aus dem Nichts, wurden auf einmal im Nebel sichtbar, schlössen sich um ihre Beine und Knöchel und rissen sie vom Weg fort. Sie schrie entsetzt auf und schlug mit dem Ende des Ruhkstabes nach unten. Weißes Feuer brach aus der Erde hervor und loderte in alle Richtungen, und die Magie des Elfensteins reagierte. Es erschreckte und bestürzte sie, daß die Magie so leicht hervorkommen konnte. Sie hörte die Rufe der anderen, ihre Warnschreie. Wren wirbelte wild herum, und die Hände, die sich an sie geklammert hatten, fielen ab. Etwas bewegte sich im Nebel – Dutzende, gesichtslos und gestaltlos und Wesen. Die Drakuls waren aus irgendeinem Grunde wach, erkannte sie. Obwohl sie es nicht sein sollten. Vielleicht war es hier in diesem Einschnitt verhangen und düster genug, um als Nacht zu gelten. Sie warnte die anderen, rief sie zu sich und führte sie auf den fernen Abhang der Schlucht zu. Die Gestalten wirbelten überall um sie herum, griffen nach ihnen und suchten sie zu berühren. Es waren Nichtwesen, und doch waren sie irgendwie real. Sie sah des Lebens beraubte Gesichter, die blasse Abbildungen waren ihres eigenen, leere und blinde Augen, Zähne, die wie die Fänge von Tieren aussahen, eingesunkene Wangen und Schläfen und Körper, die zu nichts dahingesiecht waren. Sie kämpfte sich durch sie hindurch, denn sie schienen es alle auf sie abgesehen zu haben, als würden sie von ihr angezogen, als sei sie diejenige, die ihnen am wichtigsten war. Es war die Magie, erkannte sie. Wie bei allen Schattenwesen war es die Magie, die sie zuerst anzog.

Drakulgeister materialisierten sich vor ihr, und Garth ging entschlossen voran und schlug mit dem Kurzschwert zu. Die Bilder lösten sich auf, blieben aber unversehrt und bildeten sich rasch neu. Wren wirbelte herum, als sie den Grund der Schlucht erreichten. Einer, zwei... Sie zählte hastig. Sie waren noch sechs. Stresa kletterte bereits weiter, und sie wandte sich um und folgte ihm. Sie stiegen hastig den jenseitigen Abhang hinauf und bahnten sich ihren Weg über regenglattes Lavagestein und an Gestrüpp und umgestürzten Bäumen vorbei. Die Bilder folgten ihnen, die Stimmen der aus dem Schlaf emporgestiegenen Phantome, der untoten Monster, die sie verfolgten. Wren schlug sie mit Zorn und Abscheu zurück, mit heftigen Bewegungen, wobei ihr bewußt war, daß Faun an ihrem Hals hing, als sei er ein Teil von ihr geworden. Sie spürte die Hitze des Ruhkstabes in ihren Händen, dessen Magie erneut ausbrechen wollte. Es war Magie, die alles tun konnte, dachte sie düster, die alles erschaffen konnte – sogar Monster wie diese. Sie schrak bei dieser Vorstellung innerlich zurück. Der Schrecken einer Wahrheit, von der sie wünschte, daß sie niemals gewesen wäre, ergriff sie, einer Wahrheit, von der sie fürchtete, sie würde sich erheben und sie verfolgen, wenn sie ihr Versprechen, die Elfen zu retten, halten sollte.

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