Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Sie irren sich, Fürst; wenn ich mich von Ihren sogenannten höheren Kreisen fernhalte, so tue ich das deswegen, weil es erstens dort langweilig ist und ich zweitens da nichts zu suchen habe! Indessen verkehre ich doch...«
»Ich weiß, bei dem Fürsten R., einmal im Jahr; da habe ich Sie ja auch getroffen. Die übrige Zeit hindurch aber versteifen Sie sich auf Ihren demokratischen Stolz und führen ein kümmerliches Dasein in Ihrer Dachstube. Allerdings handeln nicht alle Ihre Kollegen so; es gibt darunter Liebhaber von solchen Abenteuern, daß selbst mir davon übel wird...«
»Ich möchte Sie bitten, Fürst, dieses Thema zu verlassen und nicht wieder auf unsere Dachstuben zurückzukommen.«
»Ach, mein Gott, sehen Sie, da fühlen Sie sich schon beleidigt. Übrigens hatten Sie mir doch selbst erlaubt, mit Ihnen freundschaftlich zu reden. Aber Pardon, ich habe Ihre Freundschaft noch durch nichts verdient. Der Wein ist recht trinkbar. Versuchen Sie ihn doch!«
Er goß mir ein halbes Glas aus seiner Flasche ein.
»Sehen Sie wohl, mein lieber Iwan Petrowitsch, ich begreife ja sehr wohl, daß es unschicklich ist, jemandem seine Freundschaft aufzudrängen; wir sind ja nicht alte dreist und unverschämt gegen Sie, wie Sie das von uns glauben. Na, ich begreife ferner sehr wohl, daß Sie hier mit mir zusammen sitzen, nicht weil ich Ihnen sympathisch wäre, sondern weil ich versprochen habe, mich mit Ihnen auszusprechen. Nicht wahr?«
Er lachte.
»Und da Sie die Interessen einer gewissen Person wahrnehmen, so möchten Sie gern hören, was ich Ihnen sagen will. Ist es nicht so?« fügte er mit einem boshaften Lächeln hinzu.
»Sie haben sich nicht geirrt«, unterbrach ich ihn ungeduldig. (Ich merkte, daß er zur Kategorie derjenigen gehörte, die, wenn sie einen Menschen auch nur ein wenig in ihrer Gewalt haben, ihn dies sofort fühlen lassen. Ich aber befand mich in seiner Gewalt; ich konnte nicht weggehen, ehe ich nicht alles gehört hatte, was er mir zu sagen beabsichtigte, und er wußte das recht gut. Sein Ton hatte sich rasch geändert und war immer dreister, familiärer und spöttischer geworden.) »Sie haben sich nicht geirrt, Fürst; eben deswegen bin ich mitgekommen; sonst säße ich wahrhaftig hier nicht... noch so spät.«
Ich hatte sagen wollen: »Sonst säße ich wahrhaftig hier nicht mit Ihnen zusammen«; aber ich sagte es nicht und gab dem Satz eine andere Wendung, nicht aus Furcht, sondern infolge meiner verdammten Schwäche und meines nichtswürdigen Zartgefühls. In der Tat, ich bringe es nicht fertig, jemandem eine Grobheit gerade ins Gesicht zu sagen, wenn er es auch verdient und wenn ich auch faktisch beabsichtigt habe, ihm eine Grobheit zu sagen. Ich glaube, der Fürst merkte das am Ausdruck meiner Augen und blickte mich während meiner ganzen letzten Antwort spöttisch an, wie wenn er sich über meine Schwachmütigkeit freute und mich mit seinem Blick reizen wollte: »Siehst du wohl, du hast es nicht gewagt; du hast es mit der Angst bekommen, ja, ja, Freundchen!« So war es sicherlich; denn als ich schloß, fing er an zu kichern und klopfte mir mit gönnerhafter Freundlichkeit auf das Knie.
»Ich muß über dich lachen, Freundchen!« las ich in seinem Blick. − »Warte nur!« dachte ich im stillen.
»Ich bin heute sehr vergnügt!« rief er; »und wirklich, ich weiß nicht, warum. Ja, ja, mein Freund, ja! Gerade über diese Person wollte ich mit Ihnen reden. Man muß sich doch einmal gründlich aussprechen und zu einem Resultat gelangen, und ich hoffe, daß Sie mich diesmal vollständig verstehen werden. Ich begann vorhin, mit Ihnen von diesem Geld und dieser Schlafmütze von Vater, dem sechzigjährigen Säugling, zu reden... Na, es ist nicht der Mühe wert, noch einmal davon zu sprechen. Ich habe es ja nur im Scherz gesagt! Hahaha, Sie als Schriftsteller mußten das doch merken...«
Ich sah ihn erstaunt an. Betrunken schien er noch nicht zu sein.
»Nun, aber was dieses Mädchen anbelangt, so habe ich wirklich vor ihr, alle Hochachtung; ich liebe sie sogar, versichere ich Sie. Sie ist ein bißchen launisch; aber »keine Rose ohne Dornen«, wie man vor fünfzig Jahren zu sagen pflegte, und das ist ein schöner Spruch: die Dornen stechen zwar, aber gerade das ist das Reizvolle; und obgleich mein Aljoscha ein Dummkopf ist, habe ich ihm doch schon teilweise verziehen − wegen seines guten Geschmacks. Kurz, solche Mädchen gefallen mir, und ich habe« (er kniff vielsagend die Lippen zusammen) »sogar meine besonderen Absichten...Nun, davon später!...«
»Fürst, hören Sie, Fürst!« rief ich. »Ich verstehe diesen raschen Wechsel Ihrer Anschauungen nicht; aber... verlassen Sie dieses Thema; ich bitte Sie darum.«
»Sie werden wieder hitzig! Nun gut... ich werde dieses Thema verlassen! Nur eins möchte ich Sie fragen, mein lieber Freund: schätzen Sie sie sehr hoch?«
»Selbstverständlich!« antwortete ich in grobem, ungeduldigem Ton.
»Na, und lieben Sie sie auch?« fuhr er fort; er fletschte in widerwärtiger Weise die Zähne und kniff die Augen zusammen.
»Sie vergessen sich!« rief ich.
»Nun, nun, ich werde es nicht wieder tun! Beruhigen Sie sich! Ich bin heute in wunderbar guter Laune. Ich bin so vergnügt wie lange nicht. Wollen wir nicht Champagner trinken? Wie denken Sie darüber, mein lieber Poet?«
»Ich werde nicht mittrinken; ich will nicht!«
»Ach was, reden Sie nicht! Sie müssen mir heute unbedingt Gesellschaft leisten. Ich fühle mich sehr wohl, und da ich ein bis zur Sentimentalität gutherziger Mensch bin, so kann ich nicht allein glücklich sein. Wer weiß, wir kommen vielleicht noch dahin, miteinander Brüderschaft zu trinken, hahaha! Nein, mein junger Freund, Sie kennen mich noch nicht! Ich bin davon überzeugt, daß Sie mich liebgewinnen werden. Ich will, daß Sie heute Leid und Freude, Frohsinn und Tränen mit mir teilen, wiewohl ich hoffe, daß wenigstens ich für meine Person nicht weinen werde. Nun, wie ist's, Iwan Petrowitsch? Bedenken Sie nur, daß, wenn Sie mir nicht den Willen tun, meine ganze gehobene Stimmung vergeht, verschwindet, verfliegt und Sie nichts zu hören bekommen; na, und Sie sind doch einzig und allein zu dem Zweck hier, um etwas zu hören. Nicht wahr?« fügte er hinzu und blinzelte mir dabei wieder unverschämt zu. »Nun, dann wählen Sie also!«
Die Drohung war schwerwiegend. Ich willigte ein. »Ob er mich betrunken machen will?« dachte ich. Hier dürfte es am Platze sein, ein Gerücht über den Fürsten zu erwähnen, das mir schon vor längerer Zeit zu Ohren gekommen war. Es hieß von ihm, er, der in Gesellschaft immer so sein und elegant auftrat, liebe es, sich manchmal nachts zu betrinken, sich stierartig zu betrinken und dann geheime Orgien zu feiern, garstige geheime Orgien... Ich hatte schändliche Dinge über ihn gehört. Aljoscha wußte, wie man sagte, davon, daß sein Vater manchmal trinke, bemühte sich aber, dies vor allen und namentlich vor Natascha geheimzuhalten. Einmal verplapperte er sich im Gespräch mit mir, brach aber sofort ab und gab auf meine Fragen keine Antwort. Übrigens hatte ich vorher das, was ich von anderen gehört hatte, offen gestanden, nicht geglaubt. Jetzt nun wartete ich, was da kommen werde.
Der Wein wurde gebracht; der Fürst goß zwei Gläser ein, für sich und für mich.
»Ein reizendes, ganz reizendes Mädchen, wenn sie mich auch ausgescholten hat!« fuhr er fort und kostete mit Genuß den Wein; »aber gerade dann, in solchen Augenblicken, sind diese reizenden Geschöpfe besonders reizend... Sie hat gewiß gedacht, sie hätte mich dazu gebracht, mich zu schämen, Sie erinnern sich, an jenem Abend, und sie hätte mich in Grund und Boden geschmettert. Hahaha! Und wie gut ihr das Erröten steht! Sind Sie Weiberkenner? Manchmal steht ein plötzliches Erröten blassen Wangen ausgezeichnet; haben Sie das schon bemerkt? Ach, mein Gott! Es scheint, Sie ärgern sich schon wieder?«