Erniedrigte und Beleidigte
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Erniedrigte und Beleidigte». Краткое содержание книги:
»Davon bin ich überzeugt gewesen. Nun aber, wenn sie so ist, wie hat sie denn Aljoscha, einen solchen Knaben, liebgewinnen können? Das erklären Sie mir! Ich denke oft darüber nach.«
»Das läßt sich nicht erklären, Katerina Fjodorowna; es ist schwer, zu verstehen, warum und wie jemand einen anderen liebgewinnen kann. Ja, er ist ein Kind. Aber wissen Sie wohl, daß man auch ein Kind liebgewinnen kann?« (Das Herz wurde mir ganz weich, während ich sie so ansah und ihr in die Augen blickte, die unverwandt mit tiefer, ernster, ungeduldiger Aufmerksamkeit auf mich gerichtet waren.) »Und je weniger Ähnlichkeit Natascha selbst mit einem Kind hat«, fuhr ich fort, »je ernster sie ist, um so eher konnte sie ihn liebgewinnen. Er ist wahrheitsliebend, aufrichtig, schrecklich naiv und manchmal in seiner Naivität allerliebst. Vielleicht hat sie ihn... wie soll ich mich ausdrücken?... vielleicht hat sie ihn sozusagen aus Mitleid liebgewonnen. Ein hochgesinntes Herz kann jemanden aus Mitleid liebgewinnen... Ich fühle jedoch, daß ich nicht imstande bin, Ihnen in dieser Hinsicht etwas zu erklären; statt dessen möchte ich an Sie selbst die Frage richten: Sie lieben ihn ja doch?« Ich stellte ihr kühn diese Frage und fühlte, daß ich durch die Eilfertigkeit derselben die völlige, kindliche Reinheit ihrer klaren Seele nicht trüben konnte. »Ich weiß es wirklich noch nicht«, antwortete sie mir leise, indem sie mir mit hellem Blick in die Augen sah; »aber ich glaube, ich liebe ihn sehr...« »Nun, also sehen Sie! Können Sie aber auseinandersetzen, warum Sie ihn lieben?«
»Er ist ohne Falsch«, antwortete sie nach einigem Nachdenken. »Und wenn er mir gerade in die Augen blickt und dabei redet, so gefällt mir das... Hören Sie, Iwan Petrowitsch, da rede ich nun mit Ihnen davon, und ich bin ein Mädchen und Sie ein Mann: ist das nun gut von mir gehandelt oder schlecht?«
»Was kann denn daran schlecht sein?«
»Das meine ich auch. Gewiß, was kann daran schlecht sein? Aber die da« (sie deutete mit den Augen nach der Gruppe hin, die um den Samowar saß), »die würden gewiß sagen, es sei schlecht. Haben sie nun recht oder unrecht?«
»Unrecht! Da Sie in Ihrem Herzen nicht das Gefühl haben, schlecht zu handeln, so...«
»Ja, so mache ich es immer«, unterbrach sie mich; sie hatte es offenbar eilig, da sie noch recht vieles mit mir besprechen wollte. »Sobald ich über irgend etwas im unklaren bin, befrage ich sogleich mein Herz, und wenn das ruhig ist, dann bin ich auch selbst ruhig. So muß man es immer machen. Und mit Ihnen rede ich deshalb so ganz offen, als ob ich mit mir selbst spräche, weil Sie erstens ein prächtiger Mensch sind und ich von Ihren früheren Beziehungen zu Natasche weiß, vor dem Verhältnis mit Aljoscha, und ich habe geweint, als ich es hörte.«
»Wer hat Ihnen denn das erzählt?«
»Natürlich Aljoscha, und er weinte selbst dabei: das war sehr gut von ihm und gefiel mir sehr. Mir scheint, daß er Sie mehr liebt als Sie ihn, Iwan Petrowitsch. Sehen Sie, durch solche Züge hat er mir eben gefallen. Nun, und zweitens rede ich mit Ihnen deshalb so aufrichtig wie mit mir selbst, weil Sie ein sehr kluger Mensch sind und mir viele gute Ratschläge geben und mich belehren können.«
»Woher wissen Sie denn, daß ich so klug bin, Sie belehren zu können?«
»Ach, was ist das für eine Frage!«
Sie dachte nach.
»Ich habe ja davon nur so nebenbei angefangen zu reden; lassen Sie uns nun von der Hauptsache sprechen! Belehren Sie mich, Iwan Petrowitsch: Sehen Sie, ich fühle jetzt, daß ich Nataschas Nebenbuhlerin bin; ich weiß das; wie soll ich nun handeln? Aus diesem Grund habe ich Sie auch gefragt, ob die beiden miteinander glücklich sein werden. Ich denke darüber Tag und Nacht nach. Nataschas Lage ist schrecklich, ganz schrecklich! Er hat ja ganz aufgehört, sie zu lieben, und mich liebt er von Tag zu Tag mehr. Es ist doch so ?«
»Es scheint allerdings so.«
»Und dabei betrügt er sie nicht. Er weiß selbst nicht, daß er aufhört, sie zu Heben; sie aber weiß es sicherlich. Welche Qualen mag sie da ausstehen!«
»Was wollen Sie nun tun, Katerina Fjodorowna?«
»Ich habe eine ganze Menge Pläne«, antwortete sie ernst, »bin aber in großer Verwirrung. Eben deswegen habe ich Sie mit solcher Ungeduld erwartet, damit Sie mir alle diese Zweifel lösen. Sie kennen die ganze Angelegenheit weit besser als ich. Sie sind für mich jetzt sozusagen ein Gott. Hören Sie, am Anfang hatte ich so gedacht: ›Wenn sie einander lieben, so ist es recht und billig, daß sie glücklich werden, und daher muß ich mich zum Opfer bringen und ihnen helfen.‹ So ist es doch?«
»Ich weiß, daß Sie sich zum Opfer gebracht haben.«
»Ja, ich habe mich zum Opfer gebracht; aber dann später, als er anfing, häufiger zu mir zu kommen und mich immer mehr zu lieben, da wurde ich nachdenklich und denke nun immer: »Soll ich mich zum Opfer bringen oder nicht?« Das ist doch sehr schlecht von mir, nicht wahr?«
»Es ist nur natürlich«, erwiderte ich; »es muß so sein... und Sie tragen keine Schuld.«
»Ich bin doch anderer Ansicht; Sie sagen das nur, weil Sie so gut sind. Ich meine aber, daß mein Herz nicht ganz rein ist. Wäre mein Herz rein, so würde ich wissen, wofür ich mich zu entscheiden habe. Aber lassen wir das! Darauf habe ich etwas mehr über ihre gegenseitigen Beziehungen gehört, vom Fürsten, von Mama, von Aljoscha selbst, und habe herausgefühlt, daß sie nicht zueinander passen; und Sie bestätigen mir das jetzt. Da habe ich nun weiter überlegt: »Wie soll ich mich jetzt verhalten?« Denn wenn zu erwarten ist, daß sie miteinander unglücklich sein werden, so ist es für sie das beste, sich zu trennen; und darauf habe ich mir vorgenommen, Sie recht genau nach allem zu befragen und selbst zu Natascha zu fahren und mit ihr die ganze Sache zu erledigen.«
»Aber wie zu erledigen, das ist die Frage.«
»Ich will zu ihr sagen: »Sie lieben ihn ja über alles; daher müssen Sie auch sein Glück höherstellen als das Ihrige; folglich müssen Sie sich von ihm trennen.«
»Ja, aber was meinen Sie, wie sie das aufnehmen wird? Und wenn sie Ihnen zustimmt, wird sie imstande sein, es auszuführen?«
»Das ist's gerade, worüber ich Tag und Nacht nachdenke, und... und...«
Sie brach plötzlich in Tränen aus.
»Sie glauben gar nicht, wie leid mir Natascha tut«, flüsterte sie mit zuckenden Lippen.
Ich hatte nichts weiter hinzuzufügen. Ich schwieg und hätte, wie ich sie so ansah, am liebsten selbst losgeweint, nicht aus Schmerz, sondern aus einer Art von Liebe. Was war sie für ein liebes, liebes Kind! Ich fragte sie nicht, weshalb sie denn sich selbst für fähig halte, Aljoscha glücklich zu machen.
»Lieben Sie Musik?« fragte sie, nachdem sie sich einigermaßen beruhigt hatte, aber noch wehmütig von den soeben vergossenen Tränen.
»O ja«, antwortete ich etwas verwundert.
»Wenn wir Zeit hätten, würde ich Ihnen das dritte Konzert von Beethoven vorspielen. Ich spiele es jetzt. Darin sind alle diese Gefühle ausgedrückt... ganz genau so, wie ich sie jetzt empfinde. So scheint es mir wenigstens. Aber das müssen wir auf ein andermal verschieben; jetzt haben wir noch miteinander zu reden.«
Wir berieten nun darüber, wie ihre geplante Begegnung mit Natascha ins Werk zu setzen sei. Sie teilte mir mit, daß sie streng gehalten werde; wiewohl ihre Stiefmutter gut sei und sie hebe, werde sie ihr doch unter keinen Umständen erlauben, Natalja Nikolajewnas Bekanntschaft zu machen; daher habe sie sich zur Anwendung einer List entschlossen. Vormittags fahre sie manchmal spazieren, aber fast immer mit der Gräfin zusammen. Mitunter jedoch fahre die Gräfin nicht mit, sondern lasse sie mit der Französin allein fahren, die jetzt krank sei. Das geschehe, wenn die Gräfin Kopfschmerzen habe, und daher müsse man abwarten, bis die Kopfschmerzen sich wieder einmal einstellten. Bis dahin aber werde es ihr schon gelingen, ihre Französin (eine alte Dame, so eine Art von Gesellschafterin) auf ihre Seite zu bringen; denn diese Französin sei eine herzensgute Person. Als Resultat ergab sich, daß es schlechterdings unmöglich sei, im voraus den Tag zu bestimmen, an dem der Besuch bei Natascha stattfinden solle.