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Die Kriegerin der Himmelsscheibe

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Die Kriegerin der Himmelsscheibe
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Lexz wurde schwarz vor Augen, er bekam kaum noch Luft - aber dann rutschte der Bogenschütze endgültig von ihm herunter, und das Nächste, was er sah, war Torgons rundes Gesicht, das verschwitzt und vor Anstrengung gerötet schien, und so besorgt wirkte, als habe er befürchtet, Lexz sterbend vorzufinden.

So fürchterlich Torgon auch aussah, als er da auf ihn herabstarrte, erschien er Lexz dennoch wie eine Erlösung. »Endlich«, keuchte er. »Wo warst du bloß so lange? Ich hätte das keinen Augenblick länger ausgehalten.«

Torgon warf einen Blick zu der Stelle hinüber, auf der die Leiche des Bogenschützens aufgeplatzt war. Er schluckte hart - und sein Gesicht nahm mit einem Mal eine bläuliche Färbung an. »Nur weg hier«, stieß er hervor. Er zerrte jetzt so heftig an Lexz herum, als wolle er ihn auseinanderreißen.

»Wir haben es geschafft«, stieß er hervor, während er ihn endlich richtig zu packen bekam und mit brutaler Kraft hochzog. »Wir sind raus aus dem Wald!«

Lexz hätte beinahe laut aufgelacht. Sie waren doch noch mitten im Wald, in dem schlimmsten Teil sogar, dort, wo alles so schnell wucherte, als wollte es sie für ihre Flehgesänge verhöhnen, mit denen sie in letzter Zeit so häufig üppig wucherndes Grün herbeigesehnt hatten.

»Gleich haben wir die Lichtung erreicht«, fuhr Torgon fort. »Jetzt sieh bloß zu, dass du bei Bewusstsein bleibst. Es sind bloß noch ein paar Schritte, dann sind wir bei Ekarna. Sie ist schon dort.«

»Und das ... dieser ... der Bogenschütze da?«, würgte Lexz hervor.

Torgon warf einen gehetzten Blick nach hinten. »Armer Kerl. Den haben sich schon die Würmer vorgenommen.«

Dies wusste keiner besser als Lexz, aber das meinte er auch nicht. »Wie kommt der hierher? Und was ... war mit ihm?«

»Ist doch gleich«, stieß Torgon gehetzt hervor. »Alles ganz gleich.« Als er aber merkte, dass Lexz keine Ruhe geben würde, plapperte er während des Laufens etwas vor sich hin, das so ähnlich klang wie: »Der ist eben irgendwie hier reingeraten und hatte nicht das Glück, rechtzeitig aus diesem fürchterlichen Wald wieder herauszufinden. Vorher haben ihn schon die Ranken erwischt.«

»Aber der wollte doch auf irgendjemanden schießen! Aber auf was, frage ich dich? Auf wen hat der Kerl mit seinem Pfeil angelegt?« Lexz torkelte neben Torgon weiter, knickte ein, bekam den Arm des Dicken zu packen und riss sich an ihm wieder empor, ohne dass Torgon deshalb auch nur ein Stück langsamer wurde.

»Keine Ahnung, auf wen er angelegt haben mag«, schnappte Torgon. »Das muss uns auch nicht kümmern!«

»Eine Ranke wollte er bestimmt nicht erschießen.« Lexz schaffte es endlich, mit Torgon Schritt zu halten. »Und bestimmt auch keine Made und keinen Wurm - oder was auch immer da rumgekrabbelt ist. Der hat doch im Hinterhalt gelegen! Der wollte bestimmt jemanden aus dem Hinterhalt niederschießen.«

»Ist mir vollkommen egal. Ich will an den Kerl nicht mehr denken. Und schon gar nicht, was mit ihm passiert ist.« Torgon beschleunigte abermals seine Schritte, jetzt lag Wut sowohl in seinen Bewegungen als auch in seiner Stimme. »Wir haben die Lichtung gefunden, verstehst du! Und nur darauf kommt es an. Endlich raus! Endlich eine Ruhepause! Endlich in Ruhe Wasser trinken, die Augen schließen! Alles andere zählt nicht.«

Lexz hatte dem Ausbruch nichts entgegenzusetzen, schließlich hatte er Mühe genug, mit Torgon Schritt zu halten. Ein Gefühl von Unwirklichkeit hatte ihn ergriffen. Er war auf dem Weg aus dem fürchterlichen Wald heraus, zerriss gerade die letzten grünen Bande, die ihn hier für immer hatten festhalten wollen, und er atmete die Luft, die nach feuchter Erde und Verwesung roch. Er war doch weit entfernt - irgendwo in der Vergangenheit, in der er ein festes Dach über dem Kopf und meist so viel zu essen gehabt hatte, dass längere Zeiten des Hungers auf die Wochen nach der Sonnenwende beschränkt waren, wenn die eingelagerten Lebensmitteln auszugehen begannen.

Das war in einer Zeit gewesen, als er und Isana sich als Kinder das erste Mal gefunden hatten, noch ganz scheu und vom Zauber des Unwirklichen umhüllt.

»Wir müssen schnellstens weiter, damit wir Isana endlich suchen können«, stammelte er. »Aber wo ist Ekarna?«

»Sie ist gleich vor uns«, beschied ihm Torgon ungeduldig, »und sie war es auch, die die Lichtung gefunden hat. Da gibt es keine Rankengewächse. Oder jedenfalls nicht viele. Und wenn nicht noch irgendetwas dazwischenkommt, können wir endlich wieder in Ruhe schlafen!«

Die Aussicht auf Schlaf war tatsächlich verlockend, und am liebsten hätte Lexz seiner Müdigkeit auf der Stelle nachgegeben. Aber das hätte er niemals gewagt. Seine Schritte wurden sicherer, als ihm nichts mehr zwischen die Füße kam, das mit gierigen Rankenfingern nach ihm griff, und dann durchbrachen sie auch den letzten, von Torgons Hammerschlägen beiseite gefegten, grünen Vorhang, der ihnen vielleicht noch hätte gefährlich werden können, und stolperten auf etwas hinaus, was nur eine sehr entfernte Ähnlichkeit mit dem hatte, was Lexz für gewöhnlich als Lichtung bezeichnet hätte.

In Wirklichkeit war es eher der schmale Streifen eines Moors, der sich vor ihnen auftat, und der in weiterer Entfernung in etwas Graues, Nebelverhangenes überging, das eine Hügelkette -, aber auch schon wieder dichter Wald mit hochgewachsenen Bäumen und ineinander wuchernden Ranken - hätte sein können. Lexz musste sich eingestehen, dass sie sich endgültig verirrt hatten. Sie hatten in den letzten Tagen weder eine Spur von Larkar und Sedak gefunden, noch irgendeinen anderen Menschen zu Gesicht bekommen - von dem widerlichen Bogenschützen einmal abgesehen. Dabei hatte Lexz durchaus das Gefühl, dass sie ganz in der Nähe Urutarks waren.

Nein, das stimmte nicht. Es war schon mehr als ein Gefühl. Er glaubte die Anwesenheit von Menschen zu spüren, und die eines Wasserlaufes oder eines Sees. Vielleicht hatte Dragosz seine neue Siedlung dort gegründet. Aber vielleicht redete er sich das auch nur ein.

Sein Blick schweifte zu den teils üppig wuchernden, teils verdorrt wirkenden Büschen hinüber, die der schlüpfrig feuchten Erde Schatten spendete. Dazwischen aber war purer Sumpf, der allenfalls von kleinen Grasinseln und Steinansammlungen unterbrochen wurde - es gab jedoch keine grünen Ranken, die ihnen entgegenwucherten und sie umschlingen und mit sich in die feuchte Erde ziehen wollten, wie Lexz erleichtert feststellte.

Auf den zweiten Blick erkannte er allerdings, dass nicht der geringste Anlass zum Aufatmen bestand. Ganz im Gegenteil. Ekarna war nicht allein. Sie hatte gerade einen Mann an den Schultern gepackt - einen Krieger oder zumindest einen Jäger, in schmutziger Kleidung, von der kaum allerdings etwas zu erkennen war, weil sie mit einer Schlammschicht bedeckt war - und zog ihn an sich heran.

Lexz durchfuhr ein jäher Schreck. Was tat dieser Mann hier? Hörte der Wahnsinn denn überhaupt nicht mehr auf?

Torgon blieb gleich neben ihm stehen, riss seinen Hammer drohend empor und stieß ein Knurren aus. Wie er so dastand, sah er aus, als hätte er es allein mit einer ganzen Horde aufnehmen können. »Als hätte Dragosz einen magischen Schutzkreis um Urutark errichtet«, stieß er hervor. »Ein Drudenwald. Und Dämonen. Und nun das hier. Ekarna sollte das nicht tun.«

»Allerdings. Was soll das?«

Lexz wusste nicht, was Ekarna von diesem Mann wollte, den sie da in den Armen hielt. Aber als sie keine Anstalten machte, sich von ihm zu lösen, sondern ihn ganz im Gegensatz noch näher an sich heranzog, hielt es ihn nicht länger.

»Nicht«, brüllte er und stürmte auf seine Weggefährtin und den Fremden zu. »Wie kannst du nur allein ...«

Als er bis auf drei Schritte herangekommen war, brach er ab, blieb stehen und griff nach seiner Waffe. »Ekarna! Was ist mit dem Kerl los?«

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