El Silbador
- Автор: Guben Berndt
- Серия: der pfeifer #1
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «El Silbador». Краткое содержание книги:
In buntbewegten Szenen wird die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts gegenwärtig.
»Warnschuß vor den Bug!« kam ein weiterer Befehl von der Kommandobrücke. »Feuer!« Die Kugel fiel wenige Meter vor dem Schoner klatschend ins Wasser. Aber es zeigte sich keine Reaktion.
Marina ließ signalisieren:
»Streicht die Flagge! — Bleibt auf Kurs!«
Keine Antwort. Weder wurde die Flagge gestrichen, noch blieb der Gegner auf seiner Position. Man hatte vielmehr den Eindruck, daß er nach Osten zu entkommen versuchte; denn er hatte alle Segel gesetzt. Die »Trueno« folgte.
Der andere schien nach einer Weile einzusehen, daß es kein Entkommen gab. Er drehte plötzlich bei, und Sekunden später krachten seine Kanonen. Die Geschosse lagen zu kurz.»Buggeschütze — Feuer!« rief die Gräfin mit leuchtenden Augen. Jetzt war es so weit. Irgendwie hatte sie noch gehofft, die Sache würde ohne Kampf abgehen. Die Passagiere interessierten sie nicht. Die Piraten hatten es nur auf die Ladung und auf das Eigentum der Seeleute und Fahrgäste abgesehen. Nun, wenn man sich dort drüben diese Dinge nicht friedlich nehmen lassen wollte, so bestand auch keine Veranlassung, schonend mit den Menschen umzugehen. Das war Piratenbrauch.
Die Kugeln der »Trueno« rissen einige Segel nieder.
»Haltet direkt auf Deck. Aber schießt das Schiff nicht leck, sonst haben wir das Nachsehen. Feuer!«
Jetzt hatten auch die drüben ihre Geschütze wieder geladen. Aber entweder hatten sie schlechte Kanoniere oder schlechtes Pulver. Kein einziger Schuß traf den Piraten. Außerdem waren die Leute auf dem Kauffahrer überrascht, als sie sahen, daß der Pirat mit soviel Geschützen vom Bug her schoß und ihnen nicht die Breitseite bot.
Bug- und Heckgeschütze kannte man in diesen Zeiten noch kaum. Die ballistischen Wissenschaftler lehnten diese Montierung für die Schiffsartillerie ab, weil sie der Meinung waren, daß man in voller Fahrt niemals mit Sicherheit ein Ziel anpeilen könnte. Auch der Fachmann kann sich irren. Die Piraten hatten Übung, mehr Übung als die meisten Schiffsartilleristen der verschiedenen christlichen Flotteneinheiten. Sie schossen in und aus jeder Position und — trafen.
Auf dem Kauffahrteischiff wirbelten die Aufbauten splitternd auseinander.
Die »Trueno« war jetzt dicht heran, m einem engen Bogen setzte sie sich neben den Angegriffenen.
»Enterbrücken hinüber!«
Die Piraten warfen mit Haken versehene Stricke und Strickleitern über die kurze Distanz, wo sich die Enterhaken im Tauwerk, an der Reling oder in den Spillen verfingen. Unter Geschrei und rhythmischem Johlen zogen sie den Schoner immer näher, bis er Bord an Bord mit der »Trueno« lag.
An langen Seilen hängend schwangen sich die ersten Angreifer hinüber, den Entersäbel in der Faust, das Messer zwischen den Zähnen.
»He!« rief einer der ersten seinem Kameraden zu, der neben ihm das Seil gepackt hielt. »He, Hernan, dort stehen die Gegner am dichtesten. Da will ich hin!« Hernan nickte eifrig und schrie zurück:
»Ich auch, hombre, das ist eine Gelegenheit, sich mal ein wenig zerhacken zu lassen!« »Muy bien, nur aufpassen müssen wir, daß sie uns nicht gänzlich totschlagen. Sonst haben wir von unseren Verwundungen nichts mehr!«
»Trotzdem, eine einigermaßen tiefe Schmarre müssen wir uns schon holen, sonst verbindet uns unsere Senorita nicht selbst!«
»Por diablo!« schrie der andere begeistert, »wie lange hab ich auf eine solche Gelegenheit gewartet!«
Sie stießen sich ab. In hohem Bogen sausten sie mitten in eine Ansammlung von Seeleuten hinein und blieben verblüfft stehen.
Niemand machte Anstalten, sich zu verteidigen.
Bestürzt sahen sich die beiden an, denen eine Verwundung als herrlichster Genuß auf Erden erschienen war. Überall standen die Matrosen des gekaperten Schiffes mit gesenkten Waffen und dachten nicht an Gegenwehr.Die Spanier fluchten. »So verteidigt euch doch, ihr feigen Hunde!« Nichts.
»He! Hört ihr nicht? Sollen wir euch ohne Gegenwehr abschlachten?«
Hernan kamen fast die Tränen über dieses Mißgeschick. Da konnte er sich auf einmal nicht mehr beherrschen. Er hob den Säbel und drang auf den ihm am nächsten Stehenden ein. Diesem blieb natürlich nun keine andere Wahl, als sich zu verteidigen.
»Adelante!« feuerte ihn Hernan an; denn der Engländer schien nicht die geringste Neigung zu verspüren, seinerseits zum Angriff vorzugehen. Er wehrte lediglich mit geschickten Paraden ab, ohne seinen Gegner zu verletzen. Bei Gott, der lange, blonde Kerl mußte das Fechten schon in der Wiege gelernt haben.
Ein paar schrille Signalpfiffe tönten an Hernans Ohren. Das hieß soviel wie »Kampf einstellen«. »Maldito!« fluchte der Pirat, machte einen Schritt rückwärts, stolperte über eine Plante und fiel seinem Genossen direkt in den Säbel, der ihm tief in den rechten Oberarm drang. Hernan war für einige Sekunden erstarrt über das unerwartete Glück. »Punte!« jauchzte er. »Jetzt hab ich, was ich wollte!«
Punte verzog das Gesicht. Blanker Neid stand ihm in den Augen geschrieben. »Und ich geh leer aus. Hau mir ins Bein, Hernan!«
Man warf einen scheuen Blick um sich und überzeugte sich, daß niemand zusah außer dem langen, blonden Engländer, der sich so meisterhaft verteidigt hatte. Hernan schlug zu, und Punte konnte einen Ausruf
des Schmerzes nicht unterdrücken. Eine tiefe Schlagwunde klaffte in seinem Oberschenkel. Das Blut schoß wie ein Springbrunnen empor.
Der Engländer machte den Mund auf und vergaß, ihn wieder zu schließen.
»The deuce, I've never seen happen somethin' like that — zum Teufel, sowas ist mir denn doch noch nicht vorgekommen«, murmelte er verblüfft.
»Que hay?« fragte Hernan, der die englischen Worte nicht verstanden hatte.
Der Lange zuckte die Schultern und grinste.
Hernan trat dicht an ihn heran und zischte in spanischer Sprache:
»Daß du das Maul hältst, Bursche, verstanden?«
Schulterzucken.
»Maul sollst du halten«. Hernan preßte sich den linken Zeigefinger auf den Mund. »Maul-- Mund--Schnauze--Schnau--«.
Unvermittelt sank er auf die Planken nieder. Der Blutverlust hatte ihn ohnmächtig werden lassen. Auch Punte fiel stöhnend um, wahrscheinlich aus dem gleichen Grunde.
Marina stand vor dem Kapitän, dessen Lippen vor Angst bebten, und verhandelte mit ihm über die Herausgabe der Ladung, die — zum allgemeinen Jubel der eigenen Leute — aus hochwertigen Waffen bestand, die dieser Kauffahrteifahrer an Lord Howes Kolonialarmee zu liefern hatte. Man hatte dieses Schiff ausgesucht, um den Waffentransport möglichst unauffällig zu bewerkstelligen.