Oblomow
- Автор: Гончаров Иван Александрович
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Oblomow». Краткое содержание книги:
»Oljga! Das ist nicht edelmütig,« sagte er, »nachdem ich mich selbst mit dem Bewußtsein gefoltert habe ...«
»Ja, in Worten foltern Sie sich, stürzen Sie sich in Abgründe, wollen Ihr halbes Leben hergeben, und dann kommt ein Zweifel, eine schlaflose Nacht. Wie zärtlich und besorgt werden Sie dann sich selbst gegenüber, wie weitsichtig sind Sie dann! ...«
Wie wahr und wie einfach das ist! dachte Oblomow, schämte sich aber, es laut zu sagen. Warum hatte er sich das nicht selbst klargemacht, warum mußte das eine Frau, die erst zu leben begann, tun? Und wie schnell sie gereift ist; sie hat noch vor kurzem ganz wie ein Kind ausgesehen!
»Wir haben uns nichts mehr zu sagen,« schloß sie aufstehend, »leben Sie wohl, Ilja Iljitsch, und seien Sie ... ruhig; darin besteht ja Ihr Glück.«
»Oljga, nein, um Gottes willen, nein! Jagen Sie mich jetzt, da alles klar geworden ist, nicht fort ...« sagte er, ihre Hand ergreifend.
»Was wollen Sie denn von mir? Sie zweifeln, ob meine Liebe zu Ihnen nicht ein Irrtum ist; ich kann Ihren Zweifel nicht verscheuchen; vielleicht ist sie ein Irrtum ... ich weiß es nicht ...«
Er ließ ihre Hand los. Wieder war der Dolch auf ihn gezückt.
»Wieso wissen Sie das nicht? Fühlen Sie es denn nicht?« fragte er wieder mit dem Ausdruck von Zweifel im Gesicht - »glauben Sie denn? ...«
»Ich glaube nichts; ich habe Ihnen gestern gesagt, was ich fühle, ich weiß aber nicht, was in einem Jahre sein wird. Gibt es denn nach dem einen Glück ein zweites, dann ein drittes ebensolches?« fragte sie, ihn mit weit offenen Augen anblickend. »Sprechen Sie, Sie sind erfahrener als ich.«
Doch er wollte sie in dieser Meinung nicht mehr bekräftigen und schwieg, mit der Hand einen Akazienbaum wiegend.
»Nein, man liebt nur einmal,« wiederholte er wie ein Schulknabe den auswendig gelernten Satz.
»Sehen Sie; auch ich glaube daran,« fügte sie hinzu. »Wenn es aber nicht so ist, werde ich Sie vielleicht einmal nicht mehr lieben, und mein Irrtum wird sowohl mir als Ihnen weh tun; wir werden uns dann vielleicht trennen! ... Zwei-, dreimal lieben ... nein, nein ... Ich will daran nicht glauben!«
Er seufzte. Dieses »vielleicht« schnitt ihm ins Herz, und er schlich ihr sinnend nach. Doch es wurde ihm mit jedem Schritt leichter ums Herz; aller Irrtum, den er sich in der Nacht ausgedacht hatte, lag in so ferner Zukunft ... Nicht die Liebe allein, sondern das ganze Leben ist ja so ... fiel es ihm plötzlich ein; und wenn man jeden Zufall als einen Irrtum von sich stößt, wo bleibt dann das Wahre? Was ist denn mit mir? Bin ich denn blind ...
»Oljga,« sagte er, ihre Taille leicht mit zwei Fingern berührend (sie blieb stehen), »Sie sind klüger als ich.«
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, einfacher und dreister. Wovor fürchten Sie sich? Glauben Sie denn ernstlich daran, daß man zu lieben aufhören kann?« fragte sie mit stolzer Gewißheit.
»Jetzt fürchte ich mich auch nicht!« sagte er mutig. »Mit Ihnen ist für mich kein Schicksal schrecklich!«
»Diese Worte habe ich unlängst irgendwo gelesen ... ich glaube bei Sue,« sagte sie ironisch, sich zu ihm umwendend, »aber dort sagt sie eine Frau zu ihrem Mann ...«
Oblomow stieg das Blut ins Gesicht.
»Oljga! Lassen Sie alles wieder wie gestern sein,« flehte er, »ich werde mich vor keinen ›Irrtümern‹ mehr fürchten.«
Sie schwieg.
»Ja?« fragte er schüchtern.
Sie schwieg.
»Nun, wenn Sie nicht sprechen wollen, dann geben Sie mir irgendein Zeichen ... einen Fliederzweig ...«
»Der Flieder ist schon vorüber und verblüht,« antwortete sie. »Schauen Sie, wie er jetzt ist; ganz welk.«
»Welk, verblüht!« wiederholte er, den Flieder anblickend. »Auch der Brief ist vorüber!« sagte er plötzlich.
Sie schüttelte verneinend den Kopf. Er folgte ihr und grübelte über den Brief, über das gestrige Glück und den verwelkten Flieder.
Der Flieder welkt wirklich hin! dachte er. Wozu war dieser Brief? Warum habe ich die ganze Nacht nicht geschlafen und des Morgens geschrieben? Wie ruhig es mir jetzt wieder ums Herz ist ... (er gähnte) ... ich bin furchtbar schläfrig. Und wenn der Brief nicht wäre, wäre auch das alles nicht so gekommen; sie hätte nicht geweint und alles wäre wie gestern; wir würden hier still in der Allee sitzen, einander anblicken und von Glück sprechen. Und heute wäre es ebenso und auch morgen ... Er gähnte mit weit offenem Mund.
Dann fiel es ihm ein, was wohl geschehen wäre, wenn der Brief sein Ziel erreicht hätte, wenn sie seinen Gedanken teilen und sich wie vor Irrtümern und entfernten künftigen Gewittern fürchten würde; wenn sie auf seine sogenannte Erfahrenheit und Vernunft gehört und eingewilligt hätte, sich von ihm zu trennen und ihn zu vergessen? O Gott! Er müßte dann Abschied nehmen und in die Stadt, in die neue Wohnung fahren! Dann würde auf diesen Tag eine lange Nacht, ein langweiliger Morgen, ein unerträgliches Übermorgen und eine Reihe immer farbloserer Tage folgen. Wie wäre das möglich? Das ist ja der Tod! Und es wäre so gekommen! Er wäre krank geworden. Er wollte ja gar keine Trennung, er hätte sie nicht ertragen, er wäre zu ihr gekommen und hätte sie angefleht zu bleiben. Warum habe ich denn den Brief geschrieben? fragte er sich.
»Oljga Sjergejewna!« sagte er.
»Was denn!«
»Ich muß zu allen meinen Geständnissen noch eines hinzufügen ...«
»Was für eins?«
»Der Brief war ja ganz unnötig ...«
»Das ist nicht wahr, er war unumgänglich notwendig.«
Sie schaute sich um und lachte, als sie sah, was für ein Gesicht er machte, wie seine Schläfrigkeit plötzlich vorüberging und wie seine Augen sich vor Verwunderung öffneten.
»Notwendig?« wiederholte er langsam, seinen erstaunten Blick auf ihren Rücken richtend. Doch er sah darauf nur die beiden Quasten ihrer Mantille.
Was bedeuten dann diese Tränen und Vorwürfe? Ist denn das eine List? Aber Oljga war nicht listig; das sah er deutlich. Nur mehr oder weniger beschränkte Frauen wenden solche Mittel an. Sie arbeiten in Ermangelung eines geraden Verstandes mit den Triebfedern des alltäglichen, kleinlichen Lebens, sie häkeln mit Zuhilfenahme von List ihre häusliche Politik wie Spitzen, ohne zu bemerken, welche Richtung um sie herum die Hauptlinien des Lebens verfolgen, wohin sie sich wenden und wo sie sich kreuzen. Die List ist dasselbe wie kleine Münze, für die man sich nicht viel kaufen kann. Ebenso wie diese ausreicht, um eine oder zwei Stunden zu leben, so kann man auch mit der List hier etwas vertuschen, dort betrügen und ändern; sie reicht aber nicht aus, um einen ganzen Horizont zu überblicken und den Anfang und das Ende der großen Hauptereignisse zu verbinden. Die List ist kurzsichtig; sie sieht nur das gut, was dicht vor ihrer Nase ist, sie schaut aber nicht in die Ferne und kommt dadurch oft in dieselbe Falle, die sie anderen aufgestellt hat. Oljga ist einfach klug; zum Beispiel wie einfach und leicht sie die heutige Frage gelöst hat, und sie hätte auch jede andere gelöst! Sie sieht gleich den Sinn des verborgenen Ereignisses und schreitet auf geradem Wege darauf zu. Und die List ist wie eine Maus; sie läuft ringsherum und versteckt sich ... Auch ist Oljgas Charakter ganz anders. Was ist denn das? Was hat sie?
»Warum ist denn dieser Brief notwendig?« fragte er.
»Warum?« wiederholte sie und wandte ihm rasch ihr fröhliches Gesicht zu, sich darüber freuend, daß sie ihn auf jedem Schritt stutzig zu machen verstand. »Darum,« begann sie dann langsam, »weil Sie die ganze Nacht nicht geschlafen haben und nur für mich geschrieben haben - ich bin auch eine Egoistin. Das erstens ...«
»Warum haben Sie mir soeben Vorwürfe gemacht, wenn Sie jetzt selbst mit mir einverstanden sind?« unterbrach Oblomow sie.
»Weil Sie das Quälen ersonnen haben. Ich hab' es nicht ausgedacht, es ist über mich gekommen, und ich freue mich darüber, daß es vorüber ist. Sie haben es aber vorbereitet und im vorhinein genossen. Sie sind boshaft, deswegen habe ich Ihnen Vorwürfe gemacht. Dann ... ist Ihr Brief von Gedanken und Gefühlen durchdrungen ... Sie haben diese Nacht nicht auf Ihre gewohnte Art, sondern so, wie Ihr Freund und ich es gewünscht hätten, verlebt - das ist zweitens; und endlich drittens ...«