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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Rand war der festen Überzeugung gewesen, hier auf keine Diener zu stoßen, die etwas suchten oder sauber machten. Im obersten Stockwerk des Königlichen Palasts gab es mehrere solcher Abstellräume, in denen es wie auf den Dachkammern großer Bauernhöfe aussah und die genauso in Vergessenheit geraten waren. Davon abgesehen war er schließlich Ta'veren. Gut, dass niemand hier gewesen war, als sich das Wegetor geöffnet hatte. Die eine Seite hatte die Ecke einer leeren, mit brüchigem, verrottendem Leder verstärkten Kiste abgeschnitten, die andere hatte ein Stück von der Längsseite eines mit Intarsien versehenen Tisches abrasiert, auf dem sich Vasen und Holzkisten stapelten. Vielleicht hatte vor ein oder zwei Jahrhunderten eine Königin von Andor an diesem Tisch gespeist.

Vor ein oder zwei Jahrhunderten. Lews Therin lachte kehlig in seinem Kopf. Eine sehr lange Zeit. Um der Liebe zum Licht willen, lass los! Das hier ist der Pfuhl des Ver —derbens! Die Stimme verklang, als sich der Mann in die Abgründe von Rands Bewusstsein flüchtete.

Ausnahmsweise hatte er seine eigenen Gründe, auf Lews Therins Klagen zu hören. Er bedeutete Min, die auf der anderen Torseite auf der Waldlichtung stand, mit einem hastigen Wink, ihm zu folgen, und sobald sie hindurchgetreten war, gab er Saidin frei und ließ zu, dass sich das Tor zu einem vertikalen Lichtstreifen zusammenzog und verglühte. Glücklicherweise verschwand die Übelkeit mit ihm. In seinem Kopf drehte sich noch immer alles, aber er hatte nicht mehr das Gefühl, sich gleich übergeben zu müssen oder umzukippen oder beides. Das Gefühl, von Schmutz durchdrungen zu werden, blieb jedoch bestehen; der Makel des Dunklen Königs tropfte aus den Strängen der Macht, die er um sich herum geschlungen und verknotet hatte, in ihn hinein. Er wechselte den Riemen seiner Ledertasche von der einen Schulter zur anderen und versuchte durch die Bewegung zu verbergen, dass er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht wischte. Die Sorge, dass Min es schließlich doch bemerkte, war jedoch unnötig.

Ihre blauen Stiefel brachten mit dem ersten Schritt den Staub auf dem Boden in Bewegung und ließen ihn mit dem zweiten in die Höhe wallen. Sie konnte gerade noch rechtzeitig ein spitzenbesetztes Taschentuch aus dem Mantelärmel ziehen, um ein heftiges Niesen aufzufangen, dem ein zweites und drittes folgte, ein jedes noch heftiger als das vorherige. Rand wünschte sich, sie wäre bereit gewesen, das Kleid anzubehalten. Aufgestickte weiße Blumen zogen sich über die Ärmel und Aufschläge des blauen Mantels und die Hosen in einem helleren Blau lagen eng an und zeichneten die Konturen ihrer Beine nach. Mit den hellblauen, mit gelben Stickereien verzierten Reithandschuhen, die in ihrem Gürtel steckten, und dem mit gelben Verzierungen gesäumten und von einer goldenen Spange in Form einer Rose gehaltenen Umhang erweckte sie durchaus den Eindruck, dass sie auf konventionellere Weise eingetroffen war. Trotzdem würde sie jedermanns Blicke auf sich ziehen. Er trug braune Kleidung aus grobem Tuch wie sie jeder Tagelöhner hätte tragen können. An den meisten Orten, die sie im Verlauf der letzten Tage besucht hatten, hatte er alle Welt von seiner Anwesenheit Zeuge werden lassen, diesmal wollte er nicht nur wieder fort sein, bevor sich die Nachricht von seiner Anwesenheit verbreitete, es sollten überhaupt nur einige wenige Leute erfahren, dass er da gewesen war.

»Warum grinst du mich so an und ziehst wie ein einfältiger Dummkopf an deinem Ohr?«, wollte Min wissen und schob das Taschentuch zurück in den Ärmel. Ihre großen dunklen Augen waren voller Misstrauen.

»Ich dachte gerade darüber nach, wie schön du bist«, sagte er leise. Das war sie tatsächlich. Er konnte sie nicht ansehen, ohne dies zu denken. Oder ohne zu bedauern, dass er zu schwach war, sie fortzuschicken, damit sie in Sicherheit war.

Sie holte tief Luft und nieste, bevor sie die Hand vor den Mund halten konnte, dann starrte sie ihn an, als wäre dies irgendwie seine Schuld. »Rand al'Thor, deinetwegen habe ich mein Pferd zurückgelassen. Deinetwegen habe ich mir Locken gemacht. Ich habe für dich mein Leben aufgegeben! Aber ich werde nicht meinen Mantel und meine Hosen aufgeben! Davon abgesehen hat mich hier keiner jemals länger in einem Kleid gesehen, als es gedauert hat, mich umzuziehen. Du weißt genau, dass unser Plan misslingt, wenn man mich nicht erkennt. Mit diesem Gesicht kannst du niemanden davon überzeugen, dass du einfach von der Straße reingekommen bist.«

Unwillkürlich strich er mit der Hand über seinen Unterkiefer und berührte sein Gesicht, aber das war nicht das Gesicht, das Min sah. Jeder, der ihn ansah, würde einen Mann sehen, der Spannen kürzer und Jahre älter als Rand al'Thor war, der glattes schwarzes Haar, matte braune Augen und eine Warze auf der Knollennase hatte. Nur jemand, der ihn berührte, konnte die Maske der Spiegel durchdringen. Nicht mal ein Asha'man würde es bemerken, da das Geflecht aus Macht umgestülpt war. Allerdings hätte die Anwesenheit eines Asha'mans im Palast bedeutet, dass seine Pläne noch bedeutend umfassender gescheitert waren als vermutet. Dieser Besuch durfte nicht dazu führen, dass jemand getötet wurde. Aber davon abgesehen: sie hatte Recht. Es handelte sich nicht um ein Gesicht, dem man erlaubt hätte, den Palast von Andor ohne Eskorte zu betreten.

»Solange wir das schnell erledigen und wieder verschwinden können«, sagte er. »Bevor jemand genug Zeit hat, um auf den Gedanken zu kommen, dass wenn du hier bist, ich es vielleicht auch bin.«

»Rand«, sagte sie leise und er schaute sie misstrauisch an. Sie legte eine Hand auf seine Brust und blickte mit ernstem Gesichtsausdruck zu ihm hoch. »Rand, du musst mit Elayne sprechen. Und ich schätze, mit Aviendha auch; du weißt, dass sie vermutlich ebenfalls hier sein wird. Wenn du...«

Er schüttelte den Kopf und wünschte sich, er hätte es sein gelassen. Das Schwindelgefühl war noch immer nicht völlig verschwunden. »Nein!«, sagte er kurz angebunden. Beim Licht! Ganz egal, was Min auch sagte, er konnte einfach nicht glauben, dass sowohl Elayne als auch Aviendha ihn liebten. Oder dass die Tatsache, dass sie so empfanden — falls es wirklich eine Tatsache war —, Min nicht aufbrachte. So seltsam konnten Frauen nun auch wieder nicht sein! Elayne und Aviendha hatten genug Gründe, ihn zu hassen und nicht zu lieben, und zumindest Elayne hatte ihre Meinung deutlich zum Ausdruck gebracht. Was noch viel schlimmer war, er liebte sie beide, so wie er Min liebte! Er musste so hart wie Stahl sein, aber er würde bestimmt in tausend Stücke zerspringen, wenn er allen dreien gleichzeitig gegenübertreten musste. »Wir finden Nynaeve und Mat und verschwinden dann, so schnell wir können.« Sie wollte etwas erwidern, aber er gab ihr keine Gelegenheit dazu. »Streite nicht mit mir, Min. Dafür haben wir keine Zeit!«

Min legte den Kopf schief und setzte ein kleines, amüsiertes Lächeln auf. »Als ob ich jemals mit dir streiten würde! Tue ich nicht immer genau das, was du von mir verlangst?« Und als wäre diese Lüge nicht bereits schlimm genug, fügte sie hinzu: »Ich wollte sagen, wenn du es so eilig hast, warum stehen wir dann den ganzen Tag lang in dieser staubigen Abstellkammer herum?« Und um ihr Argument zu unterstreichen, nieste sie erneut.

Selbst mit ihrer Kleidung war es unwahrscheinlich, dass sie irgendwelches Aufsehen erregen würde, also steckte sie als Erste den Kopf durch die Tür. Anscheinend war der Abstellraum doch nicht völlig in Vergessenheit geraten; die schweren Türangeln gaben kaum ein Geräusch von sich. Ein schneller Blick nach beiden Seiten und sie eilte nach draußen und gab ihm das Zeichen, ihr zu folgen. Ta'veren oder nicht, er verspürte Erleichterung, dass der lange Korridor leer war. Selbst der einfältigste Diener hätte sich gewundert, sie aus einem Abstellraum im oberen Stockwerk des Palastes kommen zu sehen. Trotzdem würden sie bald Menschen begegnen. Der Königliche Palast beschäftigte nicht so viele Diener wie der Sonnenpalast oder der Stein von Tear, aber in einem Palast dieser Größe gab es stets mehrere Hundert von ihnen. Rand eilte an Mins Seite und bemühte sich um einen dahintrottenden Gang; er starrte die hellen Wandteppiche und mit Schnitzereien verzierten Wandtäfelungen und die auf Hochglanz polierten Kommoden staunend an. Zwar wies hier oben nichts davon die Qualität auf, die man in den unteren Stockwerken vorfinden würde, aber ein einfacher Tagelöhner würde alles anstarren.

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