In den Klauen des Winters
- Автор: Джордан Роберт
- Серия: Das Rad der Zeit #9
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Decker
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «In den Klauen des Winters». Краткое содержание книги:
»Entschuldigt, Herrin«, sagte er in der heiseren Stimme, die er für Nuli bemühte, »wie viele Aes Sedai halten sich im Palast auf?«
»Das geht dich nichts an«, fauchte sie. Dann warf sie jedoch einen Blick über die Schulter, seufzte und lenkte ein. »Ich nehme an, es kann kernen Schaden anrichten, wenn du es weißt. Es sind fünf, Lady Elayne und Nynaeve Sedai mitgezählt.« Eine Spur Stolz schlich sich in ihre Stimme ein. »Es ist lange her, dass so viele Aes Sedai gleichzeitig das Gastrecht erbaten.«
Rand hätte am liebsten gelacht, aber nicht, weil er es lustig fand. Fünf? Nein, das schloss ja Nynaeve und Elayne mit ein. Drei echte Aes Sedai. Drei! Und es spielte keine Rolle, wer die restlichen waren. Die Gerüchte, denen zufolge Hunderte Aes Sedai mit einem Heer auf Caemlyn zumarschierten, hatten in ihm langsam den Glauben reifen lassen, dass so viele von ihnen bereit waren, dem Wiedergeborenen Drachen zu folgen. Stattdessen war sogar seine Hoffnung, dass es wenigstens zwei Hand voll waren, übertrieben optimistisch gewesen. Die Gerüchte waren bloß Gerüchte gewesen. Oder einer von Elaidas sorgfältig ausgeheckten Plänen. Licht, wo steckte bloß Mat? Vor seinem inneren Auge blitzte es farbig auf — einen Augenblick lang glaubte er, es wäre Mats Gesicht gewesen —, und er stolperte.
»Wenn du betrunken gekommen bist, Nuli«, sagte Frau Harfor entschieden, »wirst du es auf dem Nachhauseweg bitter bereuen. Dafür werde ich höchstpersönlich sorgen!«
»Ja, Herrin«, murmelte Rand und riss an der Locke. In seinem Kopf brach Lews Therin in ein gackerndes, verrücktes, schluchzendes Gelächter aus. Er hatte diesem Ort einen Besuch abstatten müssen — das war unumgänglich —, aber er bedauerte es schon jetzt.
Vom Licht Saidars umgeben standen sich Nynaeve und Talaan vier Schritte voneinander entfernt vor dem Kamin gegenüber, in dem ein munteres Feuer prasselte, das die Kälte aus der Luft vertrieben hatte. Vielleicht war es aber auch nur die Anstrengung, die sie erwärmt hatte, dachte Nynaeve mürrisch. Diese Unterrichtsstunde dauerte laut der verzierten Uhr auf dem Kaminsims nun schon über eine Stunde. Eine Stunde ununterbrochener Arbeit mit der Macht würde jeden zum Schwitzen bringen. Eigentlich hätte Sareitha hier sein sollen und nicht sie, aber die Braune war nicht im Palast. Sie hatte einen Zettel hinterlassen, dem zufolge sie eine dringende Besorgung in der Stadt zu erledigen hatte. Careane hatte sich nun schon den zweiten Tag hintereinander geweigert und Vandene weigerte sich noch immer grundsätzlich, und zwar mit der lächerlichen Begründung, dass Kirstians und Zaryas Unterricht ihr dazu keine Zeit mehr ließ.
»So geht das«, erklärte Nynaeve und band mit ihrem Strom aus Geist den Abwehrversuch der jungen Frau vom Meervolk mit der knabenhaften Figur. Sie verstärkte die Kraft ihres Stroms, stieß den des Mädchens noch weiter zur Seite und flocht gleichzeitig drei verschiedene Gewebe aus Luft. Eines davon kitzelte Talaans Rippen durch ihre blaue Leinenbluse hindurch. Ein simples Ablenkungsmanöver, aber das Mädchen keuchte überrascht auf, und einen Augenblick lang ließ ihr Zugriff auf die Quelle um eine winzige Kleinigkeit nach, flackerte die Macht, die sie erfüllte. Diesen Moment nutzte Nynaeve dazu, den Stoß, mit dem sie gerade den Strom der anderen Frau zur Seite schob, umzulenken und erneut auf ihr ursprüngliches Ziel zuschnellen zu lassen. Talaan die Abschirmung aufzuzwingen fühlte sich noch immer an, als würde man gegen eine Wand schlagen — nur dass ihre ganze Haut brannte statt nur ihre Handfläche, was man aber kaum als Fortschritt bezeichnen konnte —, aber der Schein von Saidar verschwand in genau dem Augenblick, in dem die beiden anderen Ströme aus Luft ihr die Arme an die Seiten fesselten und die Knie in den weiten, dunklen Hosen zusammenschnürten.
Das hatte sie sauber hinbekommen. Das Mädchen war sehr flink, sehr geschickt mit ihren Geweben. Davon abgesehen war der Versuch, jemanden abzuschirmen, der gerade die Macht lenkte, bestenfalls riskant und schlimmstenfalls nutzlos, es sei denn, man war bedeutend stärker als die betreffende Person, und Talaan kam ihr darin so nahe, dass es eigentlich keinen Unterschied machte. Das half, kein zufriedenes Lächeln auf ihrem Gesicht erscheinen zu lassen. Es schien noch gar nicht so lange her zu sein, dass Schwestern ihre Kraft mit Staunen betrachtet und geglaubt hatten, nur einige der Verlorenen würden über eine noch größere Stärke verfügen. Talaan war in ihrer Entwicklung noch nicht zum Stillstand gekommen, dabei war sie kaum mehr als ein Kind. Wie alt war sie? Fünfzehn? Vielleicht sogar noch jünger. Das Licht allein kannte ihr Potenzial. Keine der Windsucherinnen hatte ein Wort darüber verloren, und Nynaeve hatte nicht vor, danach zu fragen. Sie wollte gar nicht wissen, wie viel stärker das Meervolkmädchen noch werden würde. Nicht im mindesten.
Talaans nackte Fußsohlen schabten über den gemusterten grünen Teppich, als sie den vergeblichen Versuch unternahm, die von Nynaeve mühelos gehaltene Abschirmung zu durchbrechen, dann seufzte sie ergeben und senkte den Blick. Obwohl es ihr gelungen war, Nynaeves Anweisungen zu befolgen, benahm sie sich, als hätte sie versagt, und nun sackte sie so niedergeschlagen in sich zusammen, dass der Eindruck entstand, sie würde nur noch von den Geweben aus Luft auf den Beinen gehalten.
Nynaeve ließ die Ströme sich auflösen, rückte das Schultertuch zurecht und öffnete den Mund, um Talaan zu sagen, was sie falsch gemacht hatte. Und um —wieder einmal — zu betonen, dass der Versuch, sich losreißen zu wollen, keine Aussicht auf Erfolg hatte, falls man nicht bedeutend stärker als derjenige war, der einen abschirmte. Die Meervolkfrauen schienen nichts von dem, was sie ihnen erklärte, zu glauben, bis sie es ihnen zehnmal gesagt und zwanzigmal gezeigt hatte.
»Sie hat deine eigene Kraft gegen dich benutzt«, sagte Senine din Ryal barsch, bevor Nynaeve auch nur ein Wort hervorbringen konnte. »Und du hast dich wieder ablenken lassen. Es ist wie bei einem Ringkampf, Mädchen. Du kannst doch ringen.«
»Versuch es noch einmal«, befahl Zaida mit einer energischen Geste ihrer dunklen, tätowierten Hand.
Alle Stühle im Raum waren an eine Wand gestellt worden, obwohl es eigentlich unnötig gewesen war, Platz zu schaffen. Zaida saß da und verfolgte den Unterricht, flankiert von sechs Windsucherinnen, die ein buntes Durcheinander aus roter, gelber und blauer Seide und hell gefärbtem Leinen boten, eine Unbehagen erregende Zurschaustellung von Ohrringen und Nasenringen und medaillonbeladenen Ketten. So lief es immer ab; eine der beiden Schülerinnen wurde für den eigentlichen Unterricht benutzt — oder sie zwangen Merilille, wenn sie nicht den Unterricht leitete, die Rolle einer Schülerin zu übernehmen; zumindest hatte Nynaeve das gehört —, während Zaida und irgendeine Gruppe von Windsucherinnen zusah. Die Herrin der Wogen selbst konnte natürlich nicht die Macht lenken, obwohl sie immer dabei war, und natürlich ließ sich keine der Windsucherinnen dazu herab, selbst am Unterricht teilzunehmen. Daran war nicht einmal zu denken.
Angesichts der Besessenheit des Meervolks in Fragen der Rangordnung war die Zusammensetzung der heutigen Gruppe schon recht merkwürdig. Shielyn, Zaidas Windsucherin, saß zu ihrer Rechten; die schlanke, sehr reservierte Frau war fast so groß wie Aviendha und überragte Zaida um Längen. Soweit Nynaeve sich darin auskannte, hatte das seine Richtigkeit, aber zu Zaidas Linken saß Senine, die auf einem Schweber diente, einem der kleinen Schiffe des Meervolks, und ihrer gehörte wiederum zu den kleinsten von ihnen. Natürlich hatte die von den Elementen gezeichnete Frau mit ihrem faltigen Gesicht und dem mit Grau durchzogenen Haar in der Vergangenheit mehr als ihre jetzigen sechs Ohrringe getragen; das galt auch für die Medaillons an der Kette, die sich über ihre dunkle linke Wange spannte. Sie war die Windsucherin der Herrin der Schiffe gewesen, bevor Nesta din Reas auf diesen Posten gewählt wurde. Ihren Gesetzen zufolge musste die Windsucherin der Herrin der Schiffe oder einer jeweiligen Herrin der Wogen nach deren Tod jedoch wieder ganz unten anfangen. Aber Nynaeve war davon überzeugt, dass hier mehr als nur der Respekt für Senines frühere Stellung dahintersteckte.