Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
»Es wird dir kaum gelingen, Elieser zu verheiraten, denn er wird nicht auf dich hören, und bei Rachel wirst du ebenfalls kein Glück haben, denn sie wird sich hinter Elieser stecken, wie sie es auch sonst immer tut.«
Lea schlug mit der geballten Faust in die offene Hand. »Noch geschieht in unserem Haus das, was ich bestimme!«
Trotz ihres scharfen Tonfalls lächelte sie. Das Gespräch mit Jochanan hatte die Schatten aus ihrem Gemüt vertrieben und ihren Kampfgeist wieder geweckt. Als sie weitergingen, kreisten ihre Gedanken um die Zukunft ihrer Geschwister und all die Dinge, die sie tun musste, um ihnen eine bessere Heimat zu verschaffen und ihren Lebensunterhalt zu sichern. Elieser würde die Geschäfte noch einige Jahre lang nicht alleine führen können, also musste sie die Zügel in der Hand halten, bis er in einer anderen Stadt die Hilfe von Glaubensgenossen in Ans-pruch nehmen konnte. Für sie galt es jetzt, neue Kräfte zu sammeln, um ihrem Bruder einen neuen Anfang zu verschaffen und Rachel eine Mitgift, mit der sie jedem frommen und wohlhabenden Juden als Schwiegertochter willkommen war.
9.
Kurz nach diesem Gespräch erreichten Lea und Jochanan ein Stück oberhalb Straßburgs den Rhein. Eine Weile überlegte sie, ob sie nicht ihre Geschäftspartner in der elsässischen Metropole besuchen sollte, entschied sich jedoch dagegen. Sie wollte auf dem kürzesten Weg nach Hause, um dort nach dem Rechten zu sehen. So beschloss sie, die Fähre bei Dietheim zu nehmen.
Das Haus der Fährleute lag auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel etwas abseits des Ufers und hatte seinem verwitterten Aussehen zufolge wohl schon etlichen Rheinhochwassern getrotzt.
Als Lea und Jochanan sich dem Ufer näherten, sahen sie den Prahm hoch auf einer Kiesbank liegen. Er wirkte wie eine übergroße, beinahe quadratische Schachtel mit flach über das Wasser ragendem Bug und Heck. Der Fährmann stand in seinem Gefährt und trieb Wergschnüre in eine Fuge zwischen den Planken, während seine Knechte angeschwemmte Äste zu Brennholz hackten und vor dem Haus aufstapelten. Als Lea die Fähre erreichte, unterbrach der Fährmann seine Arbeit und musterte sie und Jochanan mit zusammengekniffenen Augenbrauen. »Wollt ihr hinüber?«
»Wenn es genehm ist.« Lea strich über ihren Geldbeutel und ließ die Münzen klirren.
Der Fährmann spuckte den Grashalm aus, auf dem er gerade kaute, und rief nach seinen Knechten. »Küni, Urs, kommt her!
Arbeit gibt's.«
Die beiden Burschen ließen ihr Holz liegen, stemmten sich gegen den Kahn, und schoben ihn wieder ins Wasser. Während sie die Ruder ergriffen, beugte der Fährmann sich über die Befestigungskette. Doch bevor er sie löste, streckte er fordernd die Hand aus.
»Zwei Juden, das macht für die Überfahrt vier Groschen, im Voraus zu bezahlen.«
Lea reichte ihm die verlangten Münzen. Es war ein unverschämt hoher Preis, doch sie war froh, dass der Fährmann sich überhaupt herabließ, die Überfahrt zu machen. An anderen Fähren hatte sie schon stundenlang warten müssen, bis christliche Reisende auftauchten, und einige Male hatte man sie nur mitgenommen, nachdem sie sich bereit erklärt hatte, den Fährpreis für alle zu bezahlen.
Der Fährmann löste die Kette, packte dann eine lange Stange und stieß die Fähre vom Ufer ab. Während seine Knechte sich gegen ihre Ruder stemmten, lenkte er den Prahm auf den Rhein hinaus. Jochanan, der schaukelnden Booten wenig abzugewinnen mochte, setzte sich auf den Boden, während Lea stehen blieb. Die Fährleute arbeiteten gut. Die Strömung des Flusses trug den Prahm nur unwesentlich ab, und sie näherten sich rasch dem gegenüberliegenden Ufer. Lea sah bereits die Landestelle vor sich, als der Fährmann mit einem Mal das Steuer herumriss und das Boot der Strömung preisgab, »Die restlichen zehn Schritte könnt ihr schwimmen, Judenpack«, rief er höhnisch.
Jochanan zog erschrocken den Kopf ein. Lea hingegen zuckte nur lächelnd mit den Schultern. »Dann werde ich den Tiroler Silbergroschen, den ich dir als Trinkgeld geben wollte, wohl wieder einstecken müssen.«
Die Augen des Fährmannes flammten begehrlich auf. »Wenn du ihn nicht zahlst, schlage ich dir den Schädel ein«, drohte er und schnauzte seine Männer an, den Kahn ans Ufer zu bringen. Innerhalb kürzester Zeit scharrte der
Bug des Prahms über den Kies. Jochanan sah die Stange, die der Fährmann drohend schwang, sprang vor Schreck über Bord und landete in knöcheltiefem Wasser. Lea zog den Tiroler Groschen hervor und ließ ihn in ihrer Hand aufblitzen, doch sie hielt ihn fest, bis sie auf trockenem Boden stand. Dann legte sie die Münze auf die Bordwand. Fluchend bückte der Fährmann sich danach. Anscheinend hatte er die Fähre in dem Augenblick, in dem Lea ausstieg, vom Ufer abstoßen wollen, um wenigstens einen der beiden Juden zu Fall zu bringen. Da auch keine weiteren Reisenden auf dieser Uferseite in Sicht kamen, schickte er Lea einen weiteren Fluch hinterher und befahl seinen Knechten, wieder abzustoßen.
Lea seufzte und schob die Kiepe zurecht. »Noch so ein Zwischenfall, und ich werde Roland Fischkopfs Ratschlag annehmen und in Zukunft als Christ verkleidet reisen.«
Jochanan, der ihr half, die steile Uferböschung hoch-zuklettern, sah sie erschrocken an. »Aber Herrin, das kannst du nicht tun, denn wenn du erkannt wirst, wird man dich töten. Außerdem müsstest du deine Schläfenlocken abschneiden, und dann kannst du dich bei keinem frommen Juden mehr sehen lassen.«
»Deine Mutter hat sie mir schon einmal angeklebt«, gab Lea übermütig zurück. Dann sah sie Jochanans gequältes Gesicht und klopfte ihm auf die Schulter. »Jetzt beruhige dich wieder. Ich habe ja nicht gesagt, dass ich es tue.«
Jochanan nickte zwar, doch in seinen Augen lagen Zweifel. Er kannte seine Herrin gut genug, um zu wissen, dass sie ihre Worte früher oder später in die Tat umsetzen würde.
10.
Während Leas Abwesenheit verlief das Leben in Hartenburg in seinen altgewohnten Bahnen. Der Markgraf war nun seit zwei Jahren verheiratet und seit kurzem wieder Vater eines Sohnes. Doch man munkelte allenthalben, dass er seiner bigotten Gemahlin überdrüssig war und unter den Schönen seines Ländchens Ausschau hielt, um eine zu finden, die ihn über seine liebesleere Ehe hinwegtröstete. Dabei fasste er die jüngere Schwester des Juden Samuel Goldstaub ins Auge, die ihm ausnehmend gut gefiel.
Ausgerechnet bei der schönsten Frau, die er je gesehen hatte, überfielen Ernst Ludwig von Hartenburg jedoch Skrupel. Normalerweise interessierte er sich nicht für seinen Schutzjuden, außer wenn dieser ihm wieder einmal Geld beschaffen musste, aber man hatte ihm berichtet, dass diese Leute nach heidnischen Regeln lebten und engstirnige Ansichten hatten. Trotzdem hätte er vor seiner zweiten Vermählung die junge Jüdin wie jedes andere Bauern- oder Bürgermädchen, das ihm gefiel, auf seine Burg mitgenommen und benutzt. Jetzt aber regierte dort seine Frau und hatte seinen Besitz mit Dutzenden ihr hündisch ergebenen Höflingen bevölkert, die ihr alles zutrugen, was im Land geschah. Die einzige Zuflucht, die ihm noch geblieben war, bot ein altes Jagdhaus, das sein Großvater erbaut hatte und das von einer ihm treu gebliebenen Dienerschaft versorgt wurde. Wenn er die schöne Jüdin dorthin entführte, würde er sich jedoch Ärger mit seiner Gemahlin einhandeln und sich gleichzeitig seinen Hoffaktor zum Feind machen, und das konnte er sich finanziell immer weniger leisten. Er hatte den Juden schon einige Male bis zur Schmerzgrenze geschröpft und gedachte es auch weiter zu tun, denn der junge Goldstaub war noch ein größeres Genie im Geldbeschaffen als sein Vater. Aber wenn er die Familienehre des mickrigen Kerlchens angriff, riskierte er, dass sein Goldesel auf Nimmerwiedersehen verschwand und auch kein anderer seine Stelle einnahm. Wie man so hörte, verfügte das Judenpack über ein besseres Nachrichtensystem als der Kaiser, und wenn es unter den Söhnen Judas hieß, der Markgraf von Hartenburg stelle ihren Töchtern und Schwestern nach, würde er keinen Hoffaktor mehr finden, der seine Kasse in Ordnung hielt. Trotz dieser Überlegungen ritt er so oft wie möglich an der Stelle vorbei, an der die Jüdin in der Sonne saß.