Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Ketura zog die Schultern hoch, als fröstelte sie. »Trotz dieser bösen Erfahrung ist Lea wieder zum Schloss hochgegangen und hat uns davor bewahrt, vertrieben zu werden.«
»Ich glaube, nicht einmal Samuel wäre gelungen, was sie vollbracht hat«, stimmte Sarah ihrer Tochter zu und drehte sich weg, um die Tränen zu trocknen, die ihr bei der Erinnerung an jene Ereignisse in die Augen gestiegen waren.
Dann dachte sie an das, was sie über Merab erfahren hatte, und beschloss, sofort mit der Magd zu reden. Sie fand sie jedoch weder in der Küche, in der sie um diese Zeit hätte sein müssen, noch in den anderen Wirtschaftsräumen. So stieg sie die Treppe empor, um in den Wohnräumen nach ihr zu suchen. Aus Eliesers Zimmer drangen keuchende Laute, gefolgt von einem Stöhnen, das sich zu immer größeren Höhen aufschwang.
Sarah öffnete vorsichtig die Tür, die sich erstaunlich lautlos in ihren Angeln bewegte. Zuerst bemerkte sie nur zwei Schatten an der Wand, von denen einer still lag, während der andere sich hastig auf und ab bewegte. Als sie näher trat, stellte sie fest, dass Elieser und Merab sich nackt ausgezogen hatten und sich dem ältesten Spiel der Menschheit hingaben, bei dem die junge Magd den Part übernommen hatte, der eigentlich den Männern zukam.
Sarah stampfte auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Sagt mal, schämt ihr beiden euch denn nicht? Wenn ich Lea davon berichte, wird sie außer sich sein.«
Merab sprang mit einem quiekenden Laut aus dem Bett und griff nach ihren Kleidern. Elieser packte sie jedoch am Arm und hielt sie zurück. »Du bleibst hier, und du alte Hexe verschwindest aus meinem Zimmer. Was hier geschieht, geht dich überhaupt nichts an.«
Sarah hob den Zeigefinger. »Lea wird das nicht dulden.«
Elieser lachte höhnisch auf. »Meine Schwester ist auch nur ein Weib, und sie darf mir keine Vorschriften machen. Ich bin das Familienoberhaupt, falls du das vergessen haben solltest. Ich warne dich, Alte! Wenn du nur ein Wort zu Lea sagst, stehen du und deine beiden Kinder am nächsten Tag auf der Straße. Hast du mich verstanden?«
Sarah starrte Elieser mit offenem Mund an. So hatte er noch nie mit ihr gesprochen. Dann wurde ihr klar, was er gesagt hatte. Tatsächlich war er der eigentliche Hausherr und hatte die Macht, sie, Ketura und Jochanan fortzuschicken. Lea würde zwar versuchen, es zu verhindern, aber dann würde sich Elieser bei der nächsten Reise seiner Schwester bitter an ihr und Ketura rächen.
»Gott gefällt nicht, was ihr beide tut«, mahnte sie niedergeschlagen.
Elieser schenkte ihr nur einen verächtlichen Blick. Zutiefst verletzt drehte Sarah den beiden den Rücken zu und schlurfte mit hängenden Schultern hinaus. So mutlos wie heute hatte sie sich noch nicht einmal bei der Rückkehr der Überlebenden aus Sarningen gefühlt. Mehr denn je wünschte sie, Lea wäre da und sie könnte ihr ihr Herz ausschütten. Doch selbst das durfte sie nicht mehr, wenn sie sich selbst und ihrer Tochter die Heimat bewahren wollte.
Elieser genoss den soeben errungenen Sieg und gönnte Merab ein sehr selbstzufriedenes Lächeln. »Komm her, wir sind noch nicht fertig.«
Der Magd saß der Schreck noch in den Gliedern, so dass sie am ganzen Leib zitterte und abwehrend die Hände hob. Doch ein paar bissige Bemerkungen von Elieser brachten sie zum Lachen, und so überließ sie sich wieder ganz der Lust.
Nachdem beide zur Erfüllung gekommen waren und Merab das Zimmer wieder verlassen hatte, lag Elieser still auf seinem Bett und dachte nach. So mutig und souverän, wie er sich Sarah gegenüber gegeben hatte, fühlte er sich bei weitem nicht. Lea war nicht mehr das Mädchen, das er mit einem Fausthieb von seinem Platz am Fenster hatte vertreiben können. Sie würde niemals zulassen, dass er Sarah und ihre Kinder davonjagte, und so blieb ihm nur zu hoffen, dass er der Alten genug Angst eingejagt hatte und sie den Mund hielt.
Dann aber fragte er sich, was Lea mit ihm machen würde, wenn sie auf andere Weise erfuhr, was Merab und er trieben. Für einen Augenblick überlegte er, ihr in diesem Fall wortreiche Vorwürfe zu machen, weil sie ihm noch keine Ehefrau verschafft hatte. Er brauchte von Zeit zu Zeit einen weichen, willigen Leib, der sich ihm öffnete, aber er konnte sich kaum vorstellen, dass Lea ihn ernst nehmen würde, denn sie gab ihm jedes Mal, wenn sie ihn ansah, das Gefühl, immer noch der dreizehnjährige Knabe zu sein, den sie in Sarningen gerettet hatte. Bevor sie merkte, was er mit Merab trieb, musste er ihr beweisen, dass er ein erwachsener Mann war.
Jetzt erinnerte Elieser sich wieder daran, wie oft Lea ihn gebeten hatte, sich in die Geschäfte einzuarbeiten. Bisher hatte er sich vor dieser Aufgabe gedrückt, doch das musste sich nun ändern. Es ärgerte ihn zwar, dass er als der eigentliche Erbe seines Vaters bei seiner älteren Schwester gut Wetter machen musste, aber es war die einzige Chance für ihn, ihren Zorn im Zaum zu halten. Kurz entschlossen stand er auf, kleidete sich an und ging in Leas Kammer. Mit dem bitteren Gedanken, dass das eigentlich sein Zimmer sein müsste, setzte er sich auf den Sessel und nahm den ersten Brief von dem Stapel, den Sarah für Lea bereitgelegt hatte. Schon nach den ersten Zeilen ließ er ihn sinken. Das hölzerne, mit Worten anderer Sprachen und vielen Abkürzungen durchsetzte Handelslatein wirkte auf ihn wie sinnloses Gebrabbel. Er legte den Brief beiseite, erbrach das Siegel des nächsten und faltete ihn auseinander. Doch mit dem Inhalt dieses Schreibens erging es ihm nicht besser. Schließlich warf er das Blatt wütend beiseite und fragte sich, was seine Schwester sich dabei gedacht hatte, sich solche Briefe schicken zu lassen. Für einen Moment war es ihm, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. Er würde seine Schwester niemals davon überzeugen können, dass er fähig war, seinen Teil zum Familienunterhalt beizutragen. Da fiel ihm ein, dass sie ihn vor ihrer Abreise gebeten hatte, sich um die Steuerlisten von Hartenburg zu kümmern. Er entdeckte die Papiere in Griffweite auf einem Bord, auf dem Lea sie für ihn bereitgelegt hatte, nahm sie herunter und las sie aufmerksam durch.
Diese Arbeit ging ihm leichter von der Hand, denn er kannte die meisten Hartenburger Familien und wusste sie einzuschätzen. Auch half ihm die Steuerliste des letzten Jahres, die Lea hinzugelegt hatte. Während er die beiden Listen miteinander verglich, erinnerte er sich daran, dass Lea und Jochanan im letzten Jahr mehr als zwei Monate damit beschäftigt gewesen waren, die Steuern einzutreiben. Schon damals hatte er ihre lange Anwesenheit als einengend empfunden, doch heuer wäre es ihm mehr als lästig, wenn sie sich länger zu Hause aufhielt. Er konnte es nicht wagen, Merab zu benutzen, wenn seine Schwester hier alles kontrollierte, aber er war nicht bereit, monatelang auf die körperlichen Dienste der Magd zu verzichten. Während Elieser die einzutreibende Summe unter den Hartenburger Familien aufteilte, erschien ein Lächeln auf seine Lippen. Jetzt wusste er, wie er sich gleichzeitig bei Lea beliebt machen und sie schnell wieder loswerden konnte: In diesem Jahr würde er die Steuern einziehen. Da der Markgraf ihm einige Soldaten als Schutz zur Verfügung stellen würde, hatte er keine Übergriffe verärgerter Bürger zu fürchten, und Merabs willige Schenkel würden ihn für diese Arbeit belohnen. Jetzt musste er sich nur etwas einfallen lassen, um Lea öfter als bisher auf Reisen zu schicken.