Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Sie scheuchte den Wirt mit einer Handbewegung in die Küche und setzte sich zu Orlando an den Tisch, der ihr seinen Bierkrug entgegenstreckte.
»Hier trink, das kräftigt und vertreibt die Sorgen.«
»Wie kommt Ihr darauf, dass ich Sorgen hätte?«
Orlando hob die Handflächen zum Himmel und lächelte sanft.
»Jeder Mensch hat irgendwann Sorgen, und du siehst mir so aus, als hättest du sie heute.«
»Wenn ich es genau betrachte, ist heute eher ein Freudentag für mich, denn ich werde Euch endlich los.« Leas
Stimme klang herb, doch es schwang ein so erleichterter Unterton darin, dass Orlando sie konsterniert musterte.
»Das meinst du doch nicht im Ernst, mein lieber be-schn... Freund Samuel.«
»Ja, sagt es doch frei heraus. Gebt zu, dass ich für Euch doch nur ein verachtenswerter Jude bin«, forderte Lea ihn in scharfem Ton auf.
Orlando warf in einer verzweifelten Geste die Hände hoch und zuckte zusammen, weil die hastige Bewegung an seiner Wunde riss. »Du verkennst mich, Samuel. Ich verachte keine Juden - und ganz besonders dich nicht. Ganz im Gegenteil! Ich bewundere deinen Mut und deine Findigkeit, und ich bin überzeugt, dass sich nur wenige Menschen mit dir messen können.«
»Ich glaube, Ihr habt zu viel von dem Zeug da genommen.« Lea zeigte auf den Steinguttopf mit Gänseschmalz, der neben anderen Töpfen und Schüsseln vor Orlando stand.
Orlando seufzte tief und wandte sich dann Jochanan zu, der eben die Wirtsstube betrat. »Sag mir, wie kann ich deinen Herrn davon überzeugen, dass meine Absichten ihm gegenüber nur die besten sind?«
»Woher soll ich das wissen? Bitte lasst ihn in Ruhe, denn er hat eine sehr schlechte Nacht hinter sich.« Der Verrat des Mannes, den Jochanan für seinen Freund gehalten hatte, und die Scham, dass er seine Herrin nicht vor dem Strauchdieb hatte schützen können, ließen ihn die gewohnte Sanftmut und Zurückhaltung vergessen.
»Eurer Laune nach zu urteilen hattet ihr wohl beide schlechte Träume.« Orlando lachte kurz auf und wandte sich wieder seinem Frühstück zu. In seinen Gedanken aber wirbelten tausend Worte, die er Lea hätte sagen wollen. Doch bei jedem Satz hätte er ihr vorher beichten müssen, dass er ihr Geheimnis bereits seit fünf Jahren kannte. Er versuchte, sich ihre Reaktion darauf vorzustellen. Kratzbürstig und überempfindlich, wie sie war, würde das Geständnis in ihr nur Zorn, Hass und Verachtung auslösen. In diesem Augenblick verfluchte er sich, weil er ihr gegenüber nicht von Anfang an mit offenen Karten gespielt hatte. Aber zu Beginn ihrer Bekanntschaft hatte er sie nicht ernst genommen und sie zum Opfer jener Scherze gemacht, für die ihn sein Vater immer wieder tadelte, und jetzt war es zu spät. In seiner Überheblichkeit hatte er eine Mauer zwischen sich und ihr errichtet, die unüberwindlich hoch geworden war.
Nach einer Weile hob er den Kopf und blickte Lea seufzend an.
»Es ist wirklich besser, wenn unsere Wege sich trennen.«
Lea glaubte Verachtung in seinen Worten mitschwingen zu hören und kniff die Lippen noch fester zusammen. Wie hätte sie auch wissen können, dass der Widerwille, den sie bei ihrem Gegenüber spürte, diesem selbst galt.
»Sehr richtig! Juden sollen unter Juden bleiben und Christen unter Christen. Zwischen uns gibt es einfach keine Gemeinsamkeit.«
Orlando hob müde die Schultern. »Wir beten zum selben Gott und sollten die gleichen Gesetze beachten.«
Leas Gesicht wurde zu einer höhnischen Maske. »Das Wort >sollten< ist typisch für euch Christen. Ihr führt das eine im Munde und tut in Wahrheit genau das Gegenteil. Ihr mordet und schändet in Gottes Namen und wisst gar nicht, wie sehr ihr ihn damit erzürnt. Eure Werke und Taten sind ein Gräuel vor Seinen Augen.«
Orlando lachte bitter auf. »Da muss wohl doch eine ganz große Laus auf deiner Leber krabbeln. Komm, trink ein Bier, damit du dich wieder beruhigst.«
Lea wollte auffahren, doch Jochanans Hüsteln machte sie darauf aufmerksam, dass der Wirt in die Stube zurückgekehrt war. Er hätte ihr die flammenden Anklagen gegen die Christenheit, die ihr noch auf der Zunge lagen, mit Sicherheit sehr übel genommen. So drehte sie Orlando den Rücken zu, nahm ihr Frühstück entgegen und schlang es so rasch hinunter, als hätte sie seit Tagen gehungert.
»Los, lass uns aufbrechen!«, befahl sie Jochanan, als sie fertig war.
Der Knecht starrte entsagungsvoll auf seinen halb vollen Teller, stand aber widerspruchslos auf, denn er kannte Leas Stimmungen und wusste, wann es besser war, ihr nicht zu widersprechen. Hinter ihrem Rücken stopfte er sich noch schnell ein paar Brocken in den Mund und spülte sie mit einem letzten Schluck Milch herunter, ehe sie die Tür erreicht hatte.
»Verzeiht meinem Herrn. Er meint es nicht so«, raunte er Orlando im Vorübergehen zu.
Dieser blickte lächelnd zu ihm auf. »Samuel wird in mir immer einen guten Freund finden, das verspreche ich dir. Achte auf ihn und sorge dafür, dass er weder seine Kampfübungen noch die fremden Sprachen vernachlässigt.«
Jochanan nickte eifrig. »Das werde ich tun.«
Im selben Augenblick rief Lea ungeduldig nach ihm. Jochanan eilte hinaus und kam kurz darauf mit der Kiepe auf dem Rücken an der Türöffnung vorbei. Er winkte Orlando kurz zu, während Lea, die mit missmutigem Gesicht hinter ihrem Knecht herstapfte, dem Zurückbleibenden keinen Blick schenkte. Orlando trat ans Fenster, um den beiden hinterher zu sehen. Dabei wurde ihm klar, dass auch er nicht mehr lange verweilen durfte. Er musste Hannosweiler verlassen haben, bevor Sauls Leichnam gefunden wurde, denn es mochte Zeugen geben, die ihn mit blutverschmiertem Hemd aus der Hausruine hatten kommen sehen. Daher zahlte er seine Zeche und machte sich auf den Weg. Vor der Tür überlegte er, ob er seine Planungen nicht umstoßen und Lea folgen sollte. Schließlich schüttelte er den Kopf. Es gab Menschen, die auf ihn warteten und sich auf seine Hilfe verließen. Die durfte er nicht enttäuschen. Um sich abzulenken, ging er noch einmal die Pläne durch, die er für die nächsten Aktionen geschmiedet hatte, aber es gelang ihm nicht so recht, denn bald schon vermisste er Lea. Ihm fehlte sogar ihre tiefe, ihm gegenüber jedoch meist hell und keifend klingende Stimme, und so zweifelte er langsam an seinem Verstand. Was, fragte er sich, fand er eigentlich an diesem Weib, das ihn behandelte, als wäre er der schlechteste Mensch auf Gottes Erdboden? Aber wie er es auch drehte und wendete, er kam immer zu dem Schluss, dass er noch keiner Frau begegnet war, die ihr auch nur ansatzweise das Wasser reichen konnte.
8.
Die ersten Tage ihrer Reise legte Lea schweigend zurück. Jochanan versuchte zwar mehrmals, ein Gespräch anzuknüpfen, doch ihr abweisender Gesichtsausdruck ließ ihn jedes Mal wieder verstummen. Dabei hätte er sich gewünscht, sie würde ihm ihr Herz ausschütten, denn in ihren Augen lag so viel Schmerz und Zorn, dass er sich fragte, was sie so tief getroffen hatte. Allein der Verlust des Goldes, welches sie nach der Hochzeit des Markgrafen noch einmal unter großer Gefahr aus dem Fluss geholt hatte, konnte es nicht sein.