Die Goldhändlerin
- Автор: Lorentz Iny
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Die Goldhändlerin». Краткое содержание книги:
Autorin
Iny Lorentz wurde in Köln geboren. Sie arbeitet heute als Programmiererin in einer Münchner Versicherung. Seit den frühen achtziger Jahren hat sie mehrere Kurzgeschichten veröffentlicht. Die Kastratin, ihr erster Roman, war ein großer Erfolg, ebenso wie ihre anderen Bücher.
Jochanan zögerte einen Moment, aber Leas Blick ließ ihn tun, was der untreue Knecht von ihm verlangte. In dem Moment, in dem er sich hinwarf, stieß Saul Lea zu Boden, so dass sie über Jochanan fiel, und stürzte aus der Laube. Obwohl sie sofort wieder auf die Beine kam und trotz ihrer Verletzungen wie ein Pfeil aus der Laube he-rausschoss, war Saul nirgends mehr zu sehen.
Jochanan lief schnüffelnd wie ein Hund die Gasse auf und ab, ohne eine Spur des Gesuchten zu finden, und kehrte dann mit hängendem Kopf zu Lea zurück. »Sollte ich den Kerl in die Hände bekommen, bringe ich ihn um.«
»Du wirst schneller sein müssen als ich.« Leas Stimme klang beinahe gleichmütig, doch ihre Miene verriet, wie ernst sie es mit dieser Drohung meinte. Einen Augenblick überlegte sie, ob sie Roland Fischkopf bitten sollte, ihr bei der Suche nach Saul zu helfen. Aber dazu hätte sie ihm erklären müssen, dass sie und Jochanan nach all den Kampfübungen nicht in der Lage gewesen waren, mit einen einzigen Straßenräuber fertig zu werden. Sie konnte sich Fischkopfs Gelächter lebhaft vorstellen. Nein, sie würde ihm nicht noch eine weitere Gelegenheit geben, sich über sie lustig zu machen. Lieber verzeichnete sie einen weiteren Verlust in dem Buch, in dem sie Einsatz und Ertrag ihrer Geschäfte eintrug.
Gleichzeitig wurde ihr klar, dass sie nichts gegen Saul unternehmen durfte, so schwer es ihr auch fiel. Natürlich konnte sie ihre Bekannten und Geschäftspartner in den jüdischen Gemeinden informieren und sie bitten, den Mann dingfest zu machen und als Dieb und Straßenräuber den Behörden zu übergeben. Doch wenn ihr ehemaliger Knecht sich in die Enge getrieben sah, würde er versuchen, sich mit dem Verrat ihres Geheimnisses aus der Schlinge zu ziehen.
Lea rieb sich die Hüfte, die bei dem Sturz erneut geprellt worden war, und drehte sich zu Jochanan um. »Kein Wort zu Fischkopf, ich bitte dich! Unser Ärger geht diesen arroganten Christen nichts an.«
Jochanan sah Lea verständnislos an. »Wäre es nicht besser ...?
Nein ...? Ich verstehe. Saul würde ihm sagen, wer du wirklich bist, und wer weiß, ob Herr Fischkopf dich dann nicht auch damit erpresst.«
»Ich hasse es, eine Frau zu sein.« Lea packte den Sack, in dem sich nur noch ein wenig weißes Mehl befand, und schleuderte ihn in eine Ecke der Laube. Dann humpelte sie zum Tor der Herberge, in der Hoffnung, sich in einer dunklen Ecke verkriechen zu können. Sie wollte niemanden mehr sehen und mit niemandem mehr sprechen, am wenigsten mit Roland Fischkopf.
6.
Im Gegensatz zu Lea hatte Orlando den »Blauen Karpfen« ohne Probleme erreicht und sich ein reichliches Mahl auftragen lassen. Während er aß, wanderte sein Blick immer wieder durch ein offen stehendes Fenster die Gasse entlang, und so bemerkte er den Mann, der Lea und Jochanan nachschlich, ohne ihn jedoch zu erkennen. Als er sah, wie der Fremde Lea mit sich zog, sprang er auf und lief ins Freie. Da die Hausecke die Laube seinem Blick entzog, wollte er schon in die falsche Richtung laufen, aber Leas Stimme und der Name Saul brachten ihn auf die richtige Spur. Er stürzte auf die Laube zu, um sie zu warnen und ihr vom Verrat ihres ehemaligen Knechts zu berichten. Doch als er den Efeu beiseite schob, sah er, wie Saul das Messer zog und es ihr an die Kehle setzte.
Um Lea nicht zu gefährden, blieb er stehen und lauschte. Ein-, zweimal überlegte er, ob er den Mann nicht mit einem schnellen Wurf seines Dolches außer Gefecht setzen sollte, doch zum einen war er sich seiner Kunst nicht so sicher, und zum anderen waren ihm die Folgen einer solchen Tat durchaus bewusst. So beobachtete er in sicherer Deckung, wie Saul Jochanan das Gold abpresste. Für einen Augenblick befand sich der Beutel fast in seiner Reichweite, doch ehe er zugreifen konnte, hatte Saul das Säckchen gepackt und rannte davon, als wäre der Teufel hinter ihm her. Orlando lief ihm nach, sah, wie Saul keine zehn Schritte weiter einen Haken schlug und durch eine Türöffnung in ein halb eingestürztes Haus sprang, und folgte ihm ohne zu zögern. So kam es, dass Lea weder ihn noch den räuberischen Knecht erblickte.
Saul schien das Gold blind und taub gemacht zu haben, denn er bemerkte seinen Verfolger nicht. Seine Beute fest an die Brust gedrückt verließ er das Haus auf der anderen Seite, schlug erneut einen Haken und rannte eine Gasse entlang, in der sich der Dreck kniehoch stapelte. Erst als er die Einmündung einer weiteren Gasse erreicht hatte, blieb er kurz stehen und sah sich um. Orlando verbarg sich rasch unter einem leeren Torbogen, lugte aber sofort wieder hinaus, um den Dieb nicht aus den Augen zu verlieren. Saul aber war so schnell verschwunden, als hätte ihn der Erdboden verschluckt.
Orlando unterdrückte den Ärger über seine zu große Vorsicht und ging angespannt weiter. Doch weder in dieser noch in der Quergasse war eine Spur von dem Mann zu finden, und er sah sich schon sämtliche Ruinen dieser Stadt durchsuchen. Da vernahm er Sauls Stimme, und ein frischer, schmutziger Fußabdruck vor einer schief in den Angeln hängenden Tür verriet ihm, welches Haus der Mann betreten hatte. Orlando schob des Türblatt vorsichtig beiseite, schlich durch einen mit Unrat bedeckten Flur und folgte Sauls Stimme zu einem Raum am anderen Ende.
Da Orlando annahm, der Knecht würde mit einer anderen Person reden, näherte er sich so lautlos wie möglich. Durch einen Riss in dem Sack, der die Tür ersetzte, konnte er in die schmuddelige Kammer sehen, in der Saul sich häuslich eingerichtet hatte. Eine einfache Schlafstelle, ein aus Ziegelsteinen aufgeschichteter Tisch, den eine zerbrochene Marmorplatte deckte, ein primitiv gefertigter Hocker und ein paar in die Wand geschlagene Haken bildeten die ganze Einrichtung. Während Orlando nach einer zweiten Person Ausschau hielt, wurde ihm klar, dass Saul in triumphierenden Selbstgesprächen schwelgte. Der Knecht pries die unerwartete Wendung seines Schicksals und spottete über Lea, die er auch weiterhin ausnehmen wollte wie einen Sabbatkarpfen. Als der Mann sich von dem kleinen Fenster entfernte, durch das er hätte fliehen können, riss Orlando den Vorhang beiseite und sprang in den Raum.
Saul trat schützend vor den Sack mit dem Gold, der halb ausgeleert auf seinem Bett lag, und brüllte den ungebetenen Besucher an. »Raus hier! Das ist meine Wohnung!«
Orlando grinste. »Oh, ich gehe wieder, sobald du mir den Beutel ausgehändigt hast, den du gerade zu verbergen suchst, und zwar mit jedem Stäubchen, das hineingehört.«
Saul richtete sich drohend auf. »Das hättest du wohl gern! Ich sagte: Verschwinde, sonst ...!«
»Möchtest du dem Richter erklären, wie du zu dem Gold gekommen bist?« Orlandos Stimme klang sanft und weckte gerade deswegen in Saul die Erinnerung an ihre Begegnung in der Augsburger Schenke.
»Du schon wieder!«
»Ja, ich«, antwortete Orlando mit einem Lächeln, das mehr einem Zähnefletschen glich. »Aber diesmal lasse ich dir die Beute nicht.«
»So, das tust du nicht? Wie willst du mich denn daran hindern?«, fragte Saul höhnisch, während seine Hand an seinem Rücken entlang zu der Messerscheide glitt, die in seinem Hosenbund verborgen war. Er lachte kurz auf, drehte sich leicht zur Seite, um seinen Gegner zu täuschen, und riss die Waffe heraus. Als die Klinge auf Orlando zufuhr, wich dieser mit gewohnter Schnelligkeit aus. Doch der Raum bot ihm nicht genug Platz, und so schrammte die Spitze des Messers über seine Rippen.