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Im Anfang war der Mord

Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:

Ein exklusiver Cocktail aus dem Besten, was weibliche Kriminalliteratur zu bieten hat!
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In ihrem Zimmer mit Ausblick aufs Meer warf sich Miss Izzy in dem großen Himmelbett, in dem sie vor über achtzig Jahren geboren worden war, hin und her. Wie Jemima Shore schlief sie recht unruhig. Nach einer Weile stand sie auf und trat an eines der hohen Fenster. Ihre Nachtbekleidung hätte Jemima wie vorher ihr Schwimmkostüm recht bizarr gefunden, denn Miss Izzy trug nicht das formelle viktorianische Nachtkleid, das zum Hause vielleicht ganz gut gepasst hätte. Stattdessen wollte sie den uralten burgunderroten Seidenpyjama ihres Vaters «auftragen«, wie sie es neckisch nannte, den dieser vor ewigen Zeiten bei einem eleganten Herrenausstatter nicht weit vom Piccadilly Circus erstanden hatte. Und da der letzte John Archer, seines Zeichens Baronet, um einiges größer gewesen war als seine stämmige kleine Tochter, schleiften die langen Hosenbeine hinter ihr auf dem Fußboden.

Miss Izzy starrte weiter aus dem Fenster. Ihr Blick ging in Richtung Terrasse, die in einer stufenförmigen Abfolge von einst üppig bepflanzten, nun wild überwucherten Zierbeeten zu den Felsen und zum Meer hinunterführte.

Obwohl das Wasser eine überwiegend schwarze Fläche bildete, herrschte in dieser karibischen Nacht keine völlige Finsternis. Außerdem ergoss sich das Licht aus den Salonfenstern auf die nahe gelegenste Terrasse. Miss Izzy rieb sich die Augen und wandte sich wieder in ihr Schlafzimmer um, wo das berühmte Ölgemälde von Sir Valentine, aufgehängt über dem Kamin, den Raum beherrschte. Ziemlich verwirrt — sie musste viel zu viel von diesem Punsch getrunken haben — redete sie sich ein, ihr Ahnherr wolle sie ermutigen, im Angesicht der Gefahr zum ersten Mal in ihrem Leben tapfer und mutig zu sein.

Sie, die kleine Isabella Archer, die verwöhnte, verhätschelte Izzy, sein letzter ehelicher Abkömmling – nein, nicht sein letzter ehelicher Abkömmling, doch es war schwer, eine lebenslange Gewohnheit abzulegen — wurde vom Adlerblick des wilden alten Autokraten zum Heldenmut getrieben.

Ich bin doch so alt, dachte Miss Izzy. Dann: Aber nicht zu alt. Wenn man die Leute erst mal wissen lässt, dass man doch kein Feigling ist …

Sie sah noch einmal zum Fenster hinaus. Die Wirkung des Punsches verflog allmählich. Mittlerweile war sie sich ziemlich sicher, was sie da sah. Etwas Dunkles, dunkel Gekleidetes, Dunkelhäutiges — was auch immer, jemand Dunkles war dem Meer entstiegen und näherte sich nun stumm dem Haus.

Ich muss tapfer und mutig sein, dachte Miss Izzy. Laut sagte sie:»Dann wird er stolz auf mich sein. Auf sein tapferes Mädchen.« Wessen tapferes Mädchen? Nein, nicht das von Sir Valentine — Daddys tapferes Mädchen. Ihre Gedanken begannen wieder in die Vergangenheit zu driften. Ob Daddy mich wohl zur Feier des Tages zum Schwimmen mitnimmt?

Miss Izzy begann, die Treppe hinunterzugehen. Sie hatte gerade die Tür zum Salon erreicht und blickte in den vom brüchigen roten Samt beherrschten, immer noch hell erleuchteten Innenraum, als der schwarz gekleidete Eindringling durch das offene Fenster ins Zimmer trat.

Noch bevor der Eindringling begann — die dunkel behandschuhten Hände ausgestreckt —, sich lautlos auf sie zuzubewegen, wusste Miss Izzy Archer ohne jeden Zweifel in ihrem rasch pochenden alten Herzen, dass das Archer Plantation House, das Haus, in dem sie geboren war, auch das Haus war, in dem sie nun sterben sollte.

«Miss Izzy Archer ist tot. Jemand hat sie gestern Nacht umgebracht. Ein Einbrecher vielleicht. «Joseph Archer war es, der Jemima die Neuigkeit am nächsten Morgen mitteilte.

Er sprach quer über den breiten Schreibtisch in seinem offiziellen Büro in Bowtown. Seine Stimme klang hohl und distanziert, nur durch den Bo’länder Singsang ließ er sich mit Jemimas attraktivem Tanzpartner vom vorigen Abend in Verbindung bringen. In seinem kurzärmligen, aber amtlich wirkenden weißen Hemd und den dunklen langen Hosen sah er wieder völlig anders aus als der fröhliche, etwas abgerissene Fischer, als den Jemima ihn zunächst kennen gelernt hatte. Hier hatte sie tatsächlich den aufsteigenden jungen Bo’länder Politiker vor sich: ein Mitglied der neu gebildeten Regierung von Bow Island.

Selbst der tragische Tod — die Ermordung, wie es schien – einer alten Dame entlockte ihm offenbar keine emotionale Regung.

Als Jemima aber genauer hinsah, entdeckte sie etwas in Joseph Archers Augen, was verdächtig nach Tränen aussah.

«Ich habe es selbst gerade erst gehört, wissen Sie. Der Polizeichef Sandy Marlow ist mein Cousin. «Er machte sich nicht die Mühe, die Tränen wegzuwischen. Wenn es denn welche waren. Doch waren seine Worte vermutlich als Erklärung gemeint. Wofür? Für den Schock? Für Trauer? Einen Schock hatte es ihm sicherlich versetzt, aber ob er auch Trauer empfand? Jemima entschied, sie könne sich jetzt zumindest behutsam nach seinem genauen Verhältnis zu Miss Izzy erkundigen.

Ihr fiel wieder ein, dass er die alte Dame ja in der vergangenen Woche besucht hatte, falls Miss Izzys ziemlich vager Bemerkung über» Klein Joseph «zu trauen war. Sie dachte weniger an eine mögliche Blutsverwandtschaft als an irgendeine andere Verbindung.

Ersteres hatte Joseph Archer auf dem Friedhof schließlich selbst abgestritten. Seine Bemerkung über Sir Valentine und dessen zahlreiche Nachkommenschaft kamen ihr in den Sinn:»Schenken Sie den Geschichten nicht allzu viel Aufmerksamkeit. Wie könnte es sonst sein, dass wir nicht alle in dem schönen alten Plantagenhaus wohnen?« Worauf Greg Harrison dann so zornig bemerkt hatte:

«Statt bloß meine Exfrau. «Jetzt, wo sie die Stellung von Tina Harrison, heute Tina Archer, in Miss Izzy Testament kannte, ergab der Wortwechsel für sie natürlich viel mehr Sinn.

Das Testament! Jetzt würde Tina erben! Und zwar gemäß eines Testaments, das am Morgen von Miss Izzys Todestag unterzeichnet worden war. Joseph hatte offensichtlich Recht gehabt, als er den Anspruch vieler Bo’länder namens Archer abgetan hatte, in irgendeiner bedeutsamen Weise von Sir Valentine abzustammen.

Zwischen Tina, außer Miss Izzy angeblich der einzige eheliche Abkömmling, und den übrigen Bo’länder Archers bestand bereits ein beträchtlicher Unterschied. Wenn Tina ihr Erbe erst mal angetreten hätte, würde sich die Kluft sogar noch verbreitern.

Es war unheimlich heiß in Josephs Büro, was weniger daran lag, dass Bow Island kein kultivierter Ort war, als vielmehr daran, dass Klimaanlagen bei der ständigen Brise in der Regel unnötig waren. Die nordamerikanischen Touristen, überlegte Jemima, die in den Hotels inzwischen Klimaanlagen verlangten, würden bloß dafür sorgen, dass diese perfekteste Art natürlicher Ventilation am Ende zerstört wurde. Ein Regierungsbüro in Bowtown war jedoch etwas anderes. Ein riesiger Deckenventilator ließ die Papiere auf Josephs Schreibtisch unruhig zittern.

Jemima fühlte, wie eine schmale Schweißspur unter ihrem langen, lockeren weißen T-Shirt nach unten tröpfelte, das sie zu einem Kleid gegürtet hatte, um für den Besuch bei einem Bo’länder Minister zu Geschäftszeiten angemessen gekleidet zu sein.

Allmählich wich Jemimas benommene Fassungslosigkeit über Miss Izzys Ermordung. Sie staunte über die ahnungsvolle Wehmut, von der jene letzte Begegnung in der verfallenden Pracht des Archer Plantation House geprägt gewesen war. Schlimmer noch – inzwischen verfolgte sie der Gedanke an die jämmerliche Angst, welche die alte Dame vor der Einsamkeit gehabt hatte. Miss Izzy war so leidenschaftlich entschlossen gewesen, nicht allein gelassen zu werden.»Schon als Kind habe ich das Alleinsein gehasst. Jeder weiß das. Hier am Meer ist es so einsam. Was passiert, wenn jemand einbricht?« Nun, jemand war eingebrochen. Nahm man jedenfalls an. Joseph Archers Worte:»Ein Einbrecher vielleicht.« Und dieser Einbrecher hatte — vielleicht — die alte Dame dabei umgebracht.

Zögernd begann Jemima:»Es tut mir so Leid, Joseph.

Was für eine entsetzliche Tragödie! Kannten Sie sie? Na ja, ich nehme an, jeder hier muss sie gekannt haben — « «Seit jeher, seit ich ein kleiner Junge war. Meine Mama war eins ihrer Dienstmädchen. War selber nur ein kleines Ding, und dann ist sie gestorben. Sie liegt dort auf dem Friedhof, wissen Sie, in einem Eckchen. Miss Izzy war sehr gut zu mir, als meine Mama gestorben ist, o ja. Sie war nett zu mir. Nun sollte man meinen, die Unabhängigkeit, unsere Unabhängigkeit wäre für eine alte Dame wie sie schwer zu ertragen, aber Miss Izzy, der gefiel sie wirklich gut. ›England ist nichts mehr für mich, Joseph‹ sagte sie, ›ich bin eine Bo’länderin, so wie ihr alle.‹« «Sie haben sie letzte Woche besucht, glaube ich. Miss Izzy hat es mir selbst erzählt.« Joseph blickte Jemima unverwandt an — die Emotion war verflogen.»Ich bin hingegangen, um mit ihr zu reden, ja.

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