Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
»Aber Krähen sind doch nicht vollkommen schwarz«, wandte Bakan ein. »Sie sind eher grau. Und schwarz. Und manchmal auch ein bisschen weiß, am Hals.«
»Ja.« Zakaan ließ den Stock wieder sinken und begann loszuhumpeln. »Manchmal sind sie auch ein bisschen weiß. Das kommt durch den Schnee - sagt man. Die Götter haben sie deswegen heller gemacht.«
»Und als der ewige Schnee fort war, haben sie sie wieder dunkler gemacht«, folgerte Bakan.
Der Schamane nickte knapp. »Möglicherweise. Dabei haben sie allerdings die Krähen, die hier geblieben sind, gleich dunkler gelassen. Und als Schnee und Eis dann wieder wichen und die Rentierherden weiterzogen und das Rotwild zurückkehrte - da gab es plötzlich sowohl die grau-schwarzen Krähen des Ostens als auch die nachtschwarzen Krähen des Westens. Irgendwann, noch bevor die große Wärme kam, sind sie sich dann wieder begegnet. Und für uns war das das Zeichen, dass wir in das Land unserer Vorväter zurückkehren konnten.«
»Weil es dort jetzt kälter ist als bei uns zu Hause«, Bakans kleine Hand stahl sich in Zakaans freie Hand, »und wir damit der großen, schlimmen Hitze entgehen können, die alles verbrennt.«
Die große, schlimme Hitze, dachte der Schamane. Ja, der Junge hatte recht. Es war eine große, schlimme Hitze, die Dragosz dazu gebracht hatte, den weiten Weg in den Westen auf sich zu nehmen und dort nach dem Land ihrer Ahnen zu suchen. Schlimm war aber nicht nur die Hitze gewesen, sondern auch, dass Dragosz zurückgekehrt war, um seinem Bruder die Frau wegzunehmen, und schon bald darauf auch einen Großteil seines Volkes. Es wäre so viel vernünftiger und besser gewesen, wenn sie alle gemeinsam unter Ragoks Führung nach Urutark aufgebrochen wären!
Warum nur hatte Dragosz diesen Wahnsinn begangen und sein eigenes Volk in der Zeit der größten Not gespalten? Er war doch so ein netter Junge gewesen - gar nicht mal so verschieden von dem kleinen Bakan jetzt.
Als wollte Bakan seine Gedanken Lügen strafen, zerrte er plötzlich so heftig an seiner Hand, dass Zakaan fast ins Stolpern geraten wäre. »Nicht ganz so schnell«, knurrte der Schamane missmutig.
»Entschuldige«, flüsterte Bakan, während er in lächerlich kleine Trippelschritte verfiel, um Zakaan nicht zu ungestüm mit sich zu ziehen. »Ich dachte nur, wir sollten nicht so langsam sein.«
»Und warum nicht?«
»Die Krähen machen mir Angst«, hauchte Bakan. »Es sind böse Vögel!«
Zakaan nickte. Ja. Der Junge hatte es also auch gespürt: Das waren keine gewöhnlichen Krähen. Irgendetwas war an ihnen gewesen, das sie beide gestreift hatte: wie der Schatten einer dunklen Wolke; etwas Böses und Finsteres, fast so wie das Versprechen, dass ihnen eine schreckliche Prüfung bevorstand. Und die, dachte der Schamane, während ihm ein eiskalter Schauer den Rücken herunterrann, hat etwas mit Urutark zu tun.
Und damit, dass der Kundschaftertrupp spurlos verschwunden war.
»Ja, ich glaube, du hast recht«, antwortete Zakaan. »Wir sollten keine Zeit mehr verlieren.«
Der Kleine nickte eifrig. »Dann sollten wir uns jetzt aber wirklich beeilen! Wir müssen ins Dorf, um die Frauen zu beschützen!«
Kapitel 15
Lexz’ Herz schlug so schnell und heftig, dass er das Gefühl hatte, es müsse sich sogleich überschlagen. Dieser Wald war schrecklich, eine finstere grüne Höhle mit wuchernden Schlingpflanzen, stachligen Ranken, ineinander verwachsenen Zweigen und einem ständigen Gesumme und Gebrumme unzähliger Insekten, die sich auf sie stürzten, um von ihrem Blut zu saugen, bis ihre Haut nach und nach mit Pusteln und eitrigen Wunden übersät war.
»Drei verfluchte Tage!«, keuchte Ekarna. »Drei verfluchte Tage irren wir schon durch diesen Dschungel - und das ohne vernünftige Rast ... und ohne richtige Nachtruhe ... da mache ich nicht mehr mit ... ich hock mich irgendwo hin und lass mich von dem Grünzeug einspinnen ... das ist doch besser, als hier weiter ziellos rumzustolpern!«
Lexz streckte die Hand nach seiner Weggefährtin aus. Er schämte sich für den Gedanken: Aber es wäre ihm wirklich lieber gewesen, es wäre Isana, die er mit einer zärtlichen Geste hätte berühren können. Wie sehr er sie vermisste!
Dabei konnte er sich doch glücklich schätzen, dass er wenigstens seine Gefährten so schnell wiedergefunden hatte. Und er konnte sich auch wirklich nicht über sie beklagen, schließlich hatten sie ihn bei der Verfolgung der Höhlenmenschen sofort unterstützt. Nicht dass es viel genutzt hätte. Die Verfolgung von Isana und ihren Entführern aufzunehmen, war angesichts der Schneise, die sie in den Wald geschlagen hatten, eine Kleinigkeit gewesen. Aber als sie dann in ein steiniges, hügeliges Gelände geraten waren, hatten sie verwirrende und widersprüchliche Spuren vorgefunden - und sich schließlich vollständig verlaufen.
Die ganze Zeit über hatte Ekarna seine Launen schon ertragen - und sein ständiges Gerede über Isana. Es war also kein Wunder, dass sie jetzt versuchte, sich seinem Zugriff zu entziehen. Aber er erwischte ihre Schulter und zog sie wegen ihrer Gegenwehr unsanfter an sich heran, als er es eigentlich vorgehabt hatte. Ekarna machte einen kleinen Stolperschritt auf ihn zu, versuchte sich in der gleichen Bewegung wieder von ihm zu lösen und verharrte dann keuchend. »Lass das. Erzähl mir jetzt nicht schon wieder etwas von Isana. Und auch nicht von Larkar und Sedak. Ich kann es einfach nicht mehr hören. Die sind doch längst tot, allesamt. Und das werden wir auch bald sein - wenn wir hier nicht endlich rauskommen.«
Lexz schüttelte den Kopf. Er hatte gar nicht vorgehabt, einmal mehr die Sprache auf Isana bringen, und dass sie sie unbedingt finden und aus den Klauen der Höhlenmenschen befreien mussten. Er hatte vielmehr irgendetwas Tröstliches sagen wollen. Oder vielleicht auch nur etwas Dummes. So groß war der Unterschied nicht, wenn man am Rande seiner Kraft stand und nicht mehr ein noch aus wusste.
Torgon war schon wieder mitten in einen seiner nicht enden wollenden Kämpfe mit dem Unterholz verstrickt, das seinen wuchtigen Hammerschlägen scheinbar nichts entgegenzusetzen hatte. Doch kaum setzte der Dicke einen Fuß in das soeben von ihm zusammengedroschene Grün, da wickelte sich bereits eine Ranke um seinen Fuß, da schnellte ein Zweig auf ihn zu, da waren plötzlich Dornen, wo sich eben scheinbar noch eine Lücke in dem Dickicht befunden hatte.
»Weg mit euch!«, schrie Torgon. »Aus dem Weg!« Er schwang den Hammer wie ein wütender Gott, und was er traf, wurde zerschmettert oder zerstob in faserige Einzelteile. Schritt für Schritt kämpfte er sich weiter, unaufhaltsam auf die lichte Stelle zuhaltend, die sie schon seit einem halben Tag narrte: Immer wenn sie ihr näher zu kommen schienen, war sie plötzlich nicht mehr da, wo sie sie kurz zuvor gesehen hatten, sondern ein Stück weiter hinten, verborgen von immergrünem Geranke und Gewuchere.
»Schnell«, stieß Ekarna hervor, die Lexz’ Blick gefolgt war. »Die Schneise schließt sich schon wieder! Wir müssen Torgon hinterher!«
Sie stieß sich ab und versetzte Lexz dabei einen fast spielerischen Schubser, der ihn niemals ihn Bedrängnis gebracht hätte, wäre er nicht vollkommen übermüdet und am Rande seiner Kräfte gewesen. Doch so kämpfte er mit wild rudernden Armen darum, nicht das Gleichgewicht zu verlieren und in das verlockend weiche Grün unter sich zu stürzen.
»Verdammt«, rief er Ekarna hinterher, »was soll das?«
Er bekam jedoch keine Antwort, natürlich nicht.
»Na dann ...«, murmelte er und wollte einen Ausweichschritt machen, um dann gleich Ekarna nachzusetzen und ihr klarzumachen, dass sie gefälligst etwas vorsichtiger sein sollte.
Aber das ging so gründlich schief, wie es nur schief gehen konnte. Er hatte lediglich für die Dauer von vielleicht zehn Atemzügen hier gestanden, und eigentlich hätte in dieser Zeit gar nichts passieren sollen. Doch das genaue Gegenteil war der Fall. Gierigen Raubtieren gleich hatten sich zwei grüne Triebe um seine Knöchel geschlängelt, und jetzt setzten sie alles daran, ihn zurückzuhalten.