Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Natürlich war das nicht Lexz. Die Schritte klangen noch leichter als die von Ragoks Sohn, es waren womöglich die eines Kindes. Und damit wusste der Schamane auch, wer es denn war, der da zu ihm kam. Und warum.
Es gab nur noch einen überlebenden Jungen in ihrer Mitte, der klein genug war, um so leicht wie eine Feder auszuschreiten. Und es konnte auch nur einen Grund geben, warum er den Weg vom Lager zu ihm nach oben auf sich genommen hatte.
Wie zur Antwort auf diesen Gedanken knurrte Zakaans Magen, und er tat das auf eine ganz eigene Weise. Es klang wie ein fernes Donnergrollen, das näher kam, um dann plötzlich zu verstummen. Das Knurren der Ahnen nannten es die Schamanen, wenn sie mit Hilfe getrockneter Rauschpilze fasteten und ihr Magen daraufhin absonderliche Laute von sich gab.
Der blasse Junge mit den strubbligen Haaren, der ihm im Auftrag der Frauen frisches Wasser bringen sollte, hatte offensichtlich noch nie etwas vom Knurren der Ahnen gehört. Er blieb am Rand des mit Reisig sorgfältig frei geharkten Bereichs stehen und sah sich unsicher um. Vor Zakaan stand der Behälter mit dem Fleisch der Göttin, wie man die geheime Pilzmischung nannte, mit deren Hilfe Schamanen schon seit jeher die Fesseln ihres Geistes hinter sich lassen konnten, wann immer das nötig war. Der Junge schien sie für die Quelle der Geräusche zu halten. Doch dann blieb sein Blick am größten der gedrungenen Steine hängen, die der Schamane mit seinen Helfern in aller Eile zu einem bislang unvollständigen Kreis angeordnet hatte. Und er zuckte merklich zurück.
Zakaan lächelte sanft. »Keine Sorge. Dahinter kann sich kein wildes Tier verbergen, dazu ist der Stein viel zu klein. Das Knurren, das war ich, Bakan.«
Der Junge blinzelte und blickte dann wieder mit der Mischung aus Neugier und Scheu zu ihm herüber, wie sie bei Fünfjährigen ganz üblich ist. Zakaan wäre froh gewesen, hätte er noch andere Kinder in seinem Alter mit zu sich nach oben nehmen können, ganz so wie es in den alten Zeiten gang und gäbe gewesen war. Aber das war leider nicht möglich. Die wenigen kleinen Jungen und Mädchen, die zu Beginn der Dürre das Licht der Welt erblickt hatten, hatten die Strapazen der großen Wanderung nicht überlebt - und wenn sie hier nicht endlich einmal zur Ruhe kamen, würde auch Bakan ihnen spätestens im nächsten Winter ins dunkle Reich des Vergessens folgen.
Aber nicht, wenn ich es irgendwie verhindern kann, dachte Zakaan. Und nicht, nachdem wir jetzt trotz aller Widrigkeiten so weit gekommen sind. Das Sterben muss ein Ende haben!
»Du hast geknurrt?« Der Junge umklammerte den mit Wasser gefüllten Tonkrug so fest, als fürchte er, der Schamane könnte ihn ihm entreißen. »Aber ...«
Zakaan brauchte eine Weile, um in die Wirklichkeit zurückzufinden. Dann strich er sich mit beiden Händen über den eingefallenen Bauch. »Dort unten haben wir Menschen eine zweite Stimme«, sagte er bedächtig. »Sie spricht zu uns, wenn wir Hunger haben. Das kennst du doch gewiss?«
Bakan beeilte sich zu nicken. Natürlich wusste er nur allzu gut, was der Hunger mit ihnen anstellen konnte. Das wusste jeder von ihnen. »Ja. Aber bei mir und den anderen klingt es ...«, er legte den Kopf schief und dachte angestrengt nach, »anders.«
»Ja«, Zakaan nickte ernsthaft, »es klingt darum anders, weil sie eine andere Stimme haben. Meine Stimme nennt man das Knurren der Ahnen.«
Bakan zuckte ein bisschen zusammen. Er stellte den Tonkrug am Boden ab und trat einen Schritt zurück. Seine Augenlider flackerten jetzt regelrecht. Zakaan rief sich in Gedanken zur Ordnung. Er erinnerte sich daran, wie vor einer Ewigkeit Lexz - und viele, viele Sommer zuvor auch Dragosz - inmitten einer Kindergruppe in den Steinkreis getreten war, um ihm und seinem Bruder Wasser zu bringen. Das immer gleiche Ritual des Wasserbringens, das sich so lange wiederholt hatte, wie es Wasser im Dorf gegeben hatte. Und natürlich hatte er damals auch nicht in einem so armseligen und unvollständigen Steinkreis mit ein paar hastig zusammengesuchten Steinen gesessen, von denen der größte nicht einmal die Schulterhöhe des Jungen erreichte. Er hatte sich vielmehr in einem uralten, besonders beeindruckenden Ort der Begegnung zwischen Schamanen und Ahnen aufgehalten: Das Ritual hatte inmitten mannshoher, verwitterter Steine stattgefunden, die seit Ewigkeiten unverrückbar an der gleichen Stelle standen und dort auch noch in Jahrtausenden so stehen würden, wenn es den Göttern gefiel.
Lexz hatte seinerzeit geradezu vor Angst gezittert, und Dragosz hatte viele Sommer zuvor vor lauter Aufgeregtheit kaum ein Wort hervorgebracht. Obwohl sie doch beide als Abkömmlinge der Herrscherfamilie eine besondere Stellung unter den Gleichaltrigen eingenommen hatten, hatten auch sie die Schamanen bis dahin nur bei den großen Zeremonien zu Gesicht bekommen, und wie alle Raker hatten sie großen Respekt vor ihnen. Aber Kinder empfanden mehr als nur Respekt vor den weisen Männern, von deren Entscheidungen oft Wohl und Wehe der ganzen Gemeinschaft abhing: Es war schon fast so etwas wie Ehrfurcht. Und diese Ehrfurcht war so kostbar, dass man sie auf keinen Fall durch eine unbedachte Handlung oder ein vorschnelles Wort zerstören durfte.
»Komm her.« Zakaan machte eine einladende Handbewegung zu dem Jungen hin, dem Letzten seiner Generation, der noch die alten Traditionen würde weitergeben können. »Dann erzähle ich dir ein bisschen von dem, was es mit den Ahnen auf sich hat. Und warum es so wichtig ist, darauf zu hören, wenn sie mit uns sprechen.«
Der Junge trat wieder einen Schritt vor, aber dann zögerte er: »Die Ahnen sprechen«, er strich sich über seinen eigenen mageren Bauch, der von seinem zerschlissenen Gewand nur unvollständig verdeckt wurde, »darüber?«
Zakaan lachte, gleichzeitig aber erschrak er über den Klang seiner eigenen Stimme. Er hatte sein eigenes Lachen schon viel zu lange nicht mehr gehört, es klang in seinen Ohren fremd und rau.
Doch dann begriff er auch schon, dass er sich getäuscht hatte. Es war nicht allein sein Lachen, das er hörte: es war auch ein Krächzen, und als er den Kopf erschrocken nach oben riss, sah er einen Schwarm Krähen, der über den Baumwipfeln auftauchte. Zakaan hätte bei diesem Anblick gar nicht verwirrter sein können. Es gab doch keinerlei Grund, warum er Krähen fürchten sollte, außerdem gab es erst recht keinen Grund, sie hier nicht zu vermuten, wo Wälder und Wiesen auch für sie voller Nahrung waren.
Und doch: Irgendetwas schien ihm hier ... falsch zu sein. Sein Blick blieb wie gebannt an dem Schwarm hängen, wie der eines Jägers, der den geeigneten Augenblick abwartet, um seinen Pfeil abzuschießen. Das hatte er natürlich nicht vor, und er hätte es auch gar nicht gekonnt. Bis auf den von seinen Ahnen vermachten Faustkeil aus wertvollem Jaspachat trug er nämlich keine Waffe bei sich - und auch die hatte lediglich eine zeremonielle Bedeutung.
Es waren weit mehr als zehn Tiere, die sich mit kräftigen Flügelschlägen in Richtung Norden entfernten. Es dauerte eine Weile, bis Zakaan begriff, was ihn an diesem Anblick störte. Tief im Land der aufgehenden Sonne, wo sie ihre Wanderung begonnen hatten, hatte es Nebelkrähen gegeben, grauschwarze Tiere, die mit ihren hellen Bäuchen und der grauen Zeichnung auf dem Rücken wie Krieger aussahen, die sich die Felle verschiedenfarbiger Schafe übergeworfen hatten. Hier dagegen, im Land der untergehenden Sonne, in der uralten Heimat seines Volkes, waren die Krähen für gewöhnlich vollkommen schwarz, weswegen die meisten Völker sie auch Rabenkrähen nannten.
Der Schwarm, der jetzt gerade abdrehte und in einem langgestreckten Bogen auf das Lager unter ihnen zuzuhalten schien, bestand sowohl aus Nebel- als auch aus Rabenkrähen.
»Ein Zeichen der Götter«, murmelte Zakaan ergriffen. »Alles wird sich wieder vereinen, was zusammengehört.«
Er stand so schnell von seinem Fuchsfell auf, wie es ihm seine vom langen Sitzen schmerzenden Knochen gestatteten, und stand dann etwas unsicher und schwankend in seinen zerschlissenen Fellschuhen da, ein alter Mann, der so dürr war, dass sich seine Rippen unter dem schlichten, an mehreren Stellen eingerissenen Gewand abzeichneten. Auch seine Finger waren kaum dicker als die dürren Zweige von Haselbüschen. Vor seinen Augen tanzten helle Punkte, und die Welt verschwamm erst in diffuser Dunkelheit; das war eine Folge des Pilzgenusses, wie ihm durchaus klar war, verstärkt durch die Schwäche, die auch die ziemlich regelmäßigen Mahlzeiten der letzten Zeit nicht hatten ausgleichen können. Irgendwann würde er sich dagegen nicht mehr wehren können, dann mochte er ganz einfach in sich zusammensacken und nie wieder aufstehen. Aber noch war seine Zeit nicht gekommen. Seine Umgebung kehrte nicht vollständig zurück, sondern zerrissen und zerfasert; rechts wesentlich heller als links, und oben merkwürdig verzerrt, dafür unten von einer fast brutalen Deutlichkeit.