Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
»Ja.« Zakaan nickte bedächtig, und obwohl die Bewegung nur langsam und fast unmerklich erfolgte, hatte er beinahe das Gefühl, sein Kopf kippe ihm vom Hals. Vielleicht waren es doch ein paar Pilzstücke zu viel gewesen, zumindest für seinen augenblicklichen Zustand. »Ich weiß nicht, wo Lexz ist«, fuhr er fort. »Aber er kommt wieder. Schon bald.«
Das war gelogen. Er hätte natürlich nicht mit Sicherheit sagen können, was mit Lexz geschehen war - das hätte niemand gekonnt, denn niemand vermochte wirklich zu wissen, was mit einem verschwundenen Menschen geschehen sein mochte -, aber er war sich dennoch vollkommen sicher, dass die Kundschafter diesmal nicht so einfach und ohne Weiteres den Weg zurück ins Lager finden würden. Irgendetwas war geschehen, das sie offenbar daran hinderte. Und wenn er das beklemmende Gefühl richtig deutete, das ihn jedes Mal erfasste, wenn seine Gedanken zu Lexz und den anderen abschweiften, dann musste es etwas wahrhaft Schreckliches sein.
Ob sie auf Dragosz gestoßen waren, und ob es damit zwischen Menschen, die einander eigentlich beistehen sollten statt sich bis aufs Blut zu bekämpfen, zu einem Kampf gekommen war? Nein. Zakaan schüttelte den Kopf. Er wusste, dass die Auseinandersetzung mit Dragosz und den Abtrünnigen kurz bevorstand, und er hoffte nichts mehr, als dass sie einigermaßen glimpflich verliefe. Aber das, was mit Ekarna, Torgon, Larkar, Sedak und nicht zuletzt Lexz geschehen war, hatte doch nichts mit Dragosz zu tun. Vielleicht sogar eher etwas mit einer Gefahr, die auch Dragosz und die Abtrünnigen umschloss und sich ganz allmählich und fast unmerklich um alle legte, die Urutark zu nahe gekommen waren.
War das gelobte Land der Stammväter vielleicht nichts weiter als eine riesige Todesfalle? Dieser Gedanke schnürte ihm beinahe die Luft ab.
»Wann kommt Lexz wieder?«, fragte der Junge beharrlich. »Er hat doch versprochen, mir einen Bogen zu bauen. Ich wünschte, er wäre schon hier!«
»Ja.« Zakaan nickte. »Das wäre gut.« Er zögerte, als er ein fernes Krächzen hörte. Über Urutark ballte sich so etwas wie eine dunkle Wolke zusammen - oder eher etwas wie eine riesige Faust, die jeden Augenblick zuschlagen und alles zerschmettern konnte, was ihr in den Weg kam. Aber darum konnte er sich jetzt nicht kümmern.
»Wenn die anderen nicht im Lager sind«, sagte er hastig, »dann sind wir jetzt vielleicht die beiden einzigen Männer, die zur Verfügung stehen, um den Frauen Schutz zu bieten.«
Der Junge zuckte zusammen, dann aber nickte er eifrig und lief ein paar Schritte zurück, um einen kräftigen Ast aufzunehmen, der fast größer war als er selbst - und ihn darum im Ernstfall wohl eher behindert hätte, als dass er zu irgendetwas gut gewesen wäre.
»Ich werde die Frauen beschützten«, stieß er mit der Zuversicht hervor, die wohl niemand anders hätte verstehen können als ein anderer Fünfjähriger. Gegen seinen Willen musste Zakaan lächeln. »Lass uns erst einmal nachschauen, was geschehen ist, bevor wir uns mit Geschrei auf unsere Feinde stürzen!«
Er stützte sich schwer auf seinen Stock und drehte sich zu dem Pfad um, den sie in den letzten Tagen in das hüfthohe Gras des Hangs getrampelt hatten, der nur von wenigen Bäumen bewachsen war. »Die Krähen der Götter«, murmelte er, schon wieder selbstvergessen und drauf und dran, sich in sich selbst zu verlieren. »Sie haben uns ein Zeichen gegeben.«
»Was für ein Zeichen?«, fragte der Junge besorgt, während er seinen zu groß geratenen Schlagstock wie ein erbeutetes Tier hinter sich herzog.
»Hast du es denn nicht gesehen?« Der Schamane warf einen kurzen Seitenblick auf den Jungen, der neben ihm stehen geblieben war und mit der Ernsthaftigkeit eines Kriegers ins Lager hinabblickte. »Es waren Krähen aus dem Osten und Krähen aus dem Westen. Sie hatten sich vereint. So wie wir uns mit unseren Ahnen vereinen sollen.« Er ballte die Hand zur Faust und öffnete sie so ruckhaft wieder, dass ein scharfer Schmerz bis in seinen Oberarm schoss. »Und dann haben sie sich wieder getrennt.«
Der Junge runzelte die Stirn, als er angestrengt nachdachte. »Die Ahnen haben hier gelebt«, stellte er fest. »Und hier ist Westen?«
Der Schamane nickte.
»Und wir haben ganz weit entfernt dort gelebt ...«, der Junge deutete in die Richtung, in der Morgen für Morgen die Sonne aufging, »und das ist Osten?«
Wieder nickte der Schamane.
»Dann sind wir in das Land der Urväter gekommen«, fuhr der Kleine fort, »und haben uns wieder vereint. Und dann ...«, er schüttelte besorgt den Kopf, »haben wir uns wieder getrennt, so wie es die Krähen auch getan haben.«
»Ja«, presste Zakaan hervor. »Und das ist ein Zeichen.«
»Aber doch kein gutes Zeichen, oder?«
»Nein«, murmelte der Schamane, »das ist kein gutes Zeichen. Aber was es genau bedeutet, das weiß ich noch nicht. Hilfst du mir, es herauszubekommen?«
Bakan nickte eifrig. »Natürlich. Falls ich dir dabei überhaupt helfen kann.«
Ja, falls, dachte Zakaan.
Er kniff die Augen zusammen und suchte den Himmel ab. Doch so sehr er sich auch bemühte: Von den Krähen konnte er keine Spur mehr entdecken. Dafür spürte er, wie jemand an seinem Gewand zog, und als er hinabblickte, sah er in die großen Kinderaugen Bakans.
»Aber was ich nicht verstehe«, begann der Kleine. »Warum sind die Krähen zu unserem Dorf geflogen?«
Unser Dorf. Es klang sehr vertraut und hallte in seinem Kopf wie der Ruf einer fernen und glücklichen Vergangenheit wider. Das, was Ragok in aller Eile hatte errichten lassen, hatte kaum etwas mit dem gemein, was man gewöhnlich als Dorf bezeichnete. Und doch war es für Bakan schon viel mehr: Schutz und Heimat.
»Die Götter wollten uns damit etwas sagen, mein Junge«, antwortete er. »Und so etwas tun sie nur ganz, ganz selten.«
Ehrfürchtig nickte der Kleine. »Und was wollten sie uns sagen? Ich meine: Warum sind die Krähen zu unserem Dorf geflogen, und warum hat sich der Schwarm kurz davor geteilt?«
Der Schamane zuckte mit den Schultern. Es war eine sehr gute Frage, die der Junge da stellte - eigentlich die einzig wichtige Frage, die man sich überhaupt stellen musste, wenn einem die Götter ein Zeichen sandten. Dabei war sie doch viel schwerer zu beantworten, als sich das diejenigen vorstellten mochten, die sich erwartungsvoll um einen Schamanen scharten und wie selbstverständlich darauf hofften, dass er ihnen den Willen der Götter mit verständlichen und zuversichtlichen Worten deutete.
»Die schwarzen Vögel der Abendsonne sind dorthin abgebogen«, sagte er nach einer ganzen Weile, und wies mit dem Finger über die Baumwipfel. »Von meinem Steinkreis aus gesehen müsste ziemlich genau dort Urutark liegen - das Land unserer Urväter, das sie verlassen mussten, als die große Kälte kam.« So erzählt man es sich zumindest seit Generationen, hätte er noch hinzufügen können. Und ich hoffe wirklich, dass das auch stimmt - aber ich weiß es nicht. Die alten Überlieferungen lassen sich auf vielfältige Weise erklären, und vielleicht haben weder mein Bruder noch ich sie richtig zu deuten verstanden.
Natürlich behielt er diesen Gedanken für sich, so wie er ihn auch schon die unzähligen Male zuvor für sich behalten hatte, wenn er mit großer Überzeugung all jenes wiedergegeben hatte, was die Schamanen über unzählige Generationen hinweg überliefert hatten.
»Was sind das für welche?«, fragte Bakan, »die schwarzen Vögel der Abendsonne?«
»Nun ...«, Zakaan deutete mit seinem Stock in den trügerisch ruhigen Himmel hinauf, »bevor das Eis kam und die großen Rentierherden durch die schneebedeckte Landschaft zogen, waren die Länder der aufgehenden und der untergehenden Sonne vereint. Dann aber beschlossen die Götter, das Land und die Völker zu trennen. Unser Volk war aus dem Westen aufgebrochen, um neue Jagdgründe zu suchen, und über ihnen zogen Schwärme von Krähen dahin, so heißt es. All diese Krähen hatten die gleiche Farbe: Sie waren schwarz.«
»Aber Krähen sind doch nicht vollkommen schwarz«, wandte Bakan ein. »Sie sind eher grau. Und schwarz. Und manchmal auch ein bisschen weiß, am Hals.«
»Ja.« Zakaan ließ den Stock wieder sinken und begann loszuhumpeln. »Manchmal sind sie auch ein bisschen weiß. Das kommt durch den Schnee - sagt man. Die Götter haben sie deswegen heller gemacht.«
»Und als der ewige Schnee fort war, haben sie sie wieder dunkler gemacht«, folgerte Bakan.
Der Schamane nickte knapp. »Möglicherweise. Dabei haben sie allerdings die Krähen, die hier geblieben sind, gleich dunkler gelassen. Und als Schnee und Eis dann wieder wichen und die Rentierherden weiterzogen und das Rotwild zurückkehrte - da gab es plötzlich sowohl die grau-schwarzen Krähen des Ostens als auch die nachtschwarzen Krähen des Westens. Irgendwann, noch bevor die große Wärme kam, sind sie sich dann wieder begegnet. Und für uns war das das Zeichen, dass wir in das Land unserer Vorväter zurückkehren konnten.«
»Weil es dort jetzt kälter ist als bei uns zu Hause«, Bakans kleine Hand stahl sich in Zakaans freie Hand, »und wir damit der großen, schlimmen Hitze entgehen können, die alles verbrennt.«
Die große, schlimme Hitze, dachte der Schamane. Ja, der Junge hatte recht. Es war eine große, schlimme Hitze, die Dragosz dazu gebracht hatte, den weiten Weg in den Westen auf sich zu nehmen und dort nach dem Land ihrer Ahnen zu suchen. Schlimm war aber nicht nur die Hitze gewesen, sondern auch, dass Dragosz zurückgekehrt war, um seinem Bruder die Frau wegzunehmen, und schon bald darauf auch einen Großteil seines Volkes. Es wäre so viel vernünftiger und besser gewesen, wenn sie alle gemeinsam unter Ragoks Führung nach Urutark aufgebrochen wären!
Warum nur hatte Dragosz diesen Wahnsinn begangen und sein eigenes Volk in der Zeit der größten Not gespalten? Er war doch so ein netter Junge gewesen - gar nicht mal so verschieden von dem kleinen Bakan jetzt.
Als wollte Bakan seine Gedanken Lügen strafen, zerrte er plötzlich so heftig an seiner Hand, dass Zakaan fast ins Stolpern geraten wäre. »Nicht ganz so schnell«, knurrte der Schamane missmutig.
»Entschuldige«, flüsterte Bakan, während er in lächerlich kleine Trippelschritte verfiel, um Zakaan nicht zu ungestüm mit sich zu ziehen. »Ich dachte nur, wir sollten nicht so langsam sein.«
»Und warum nicht?«
»Die Krähen machen mir Angst«, hauchte Bakan. »Es sind böse Vögel!«
Zakaan nickte. Ja. Der Junge hatte es also auch gespürt: Das waren keine gewöhnlichen Krähen. Irgendetwas war an ihnen gewesen, das sie beide gestreift hatte: wie der Schatten einer dunklen Wolke; etwas Böses und Finsteres, fast so wie das Versprechen, dass ihnen eine schreckliche Prüfung bevorstand. Und die, dachte der Schamane, während ihm ein eiskalter Schauer den Rücken herunterrann, hat etwas mit Urutark zu tun.
Und damit, dass der Kundschaftertrupp spurlos verschwunden war.
»Ja, ich glaube, du hast recht«, antwortete Zakaan. »Wir sollten keine Zeit mehr verlieren.«
Der Kleine nickte eifrig. »Dann sollten wir uns jetzt aber wirklich beeilen! Wir müssen ins Dorf, um die Frauen zu beschützen!«