Die Kriegerin der Himmelsscheibe
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Piper Verlag
- ISBN: 978-3-492-95432-7
- Жанр: Альтернативная история
Электронная книга - «Die Kriegerin der Himmelsscheibe». Краткое содержание книги:
Aber das war nicht möglich. Überall auf dem Boden hatten sich bereits nach dem letzten Regen grünlich schimmernde Pfützen gebildet, und an den wenigen Stellen, an denen das Wasser bereits versickert war, roch es modrig. Auf den Eckpfosten, die die Männer hier vor zwei Sommern in den feuchten Untergrund getrieben hatten, hatte sich Schimmel gebildet, und durch die vielen kleineren und größeren Schadstellen im Schilfdach tropfte es unentwegt: ein beständiger Sprühregen, dem zu entgehen unmöglich war.
Nicht, dass Arri darauf Wert gelegt hätte. So gut wie es mit den nun schon seit Tagen gefesselten Händen nur ging, zog sie die Knie an den Körper und umschlang sie mit den Armen. Und jetzt endlich fühlte sie sich ihrer Mutter ganz nah.
Als Kind hatte sie unzählige Male so in der Hütte ihrer Mutter gehockt und - wie jetzt auch - die Knie mit den Armen umschlungen. Manchmal hatte ihr Lea dann aus einer fernen, vergangenen Welt erzählt: von dem Reichtum und dem Prunk der Stadt, in der sie geboren worden war, von den geheimnisvollen Schmieden im Tempelbezirk, in denen ein Material verwendet wurde, das viel härter als Bronze war, von dem Handel, den man mit unvorstellbar weit entfernten Ländern getrieben hatte, in denen es keinen Winter gab, dafür aber blühende Gärten und Felder, so weit das Auge reichte. Danach hatte sie ihr dann meist etwas zu essen bereitet, Fisch, Fladenbrot, Pilze oder an guten Tagen sogar ein Wildragout. Und sie hatten zusammen gegessen, bis sie müde geworden war und sich auf ihrer Strohmatte zusammengerollt hatte, während Lea die notwendigen Verrichtungen getätigt hatte, um ihre Hütte und die Kochstelle wieder in Ordnung zu bringen.
Die Ahnen. Es gab nichts Wichtigeres, das hatte ihre Mutter ihr immer wieder klarzumachen versucht. Arri hatte das selbstverständlich auch geglaubt, und tief in ihrem Herzen war sie noch immer überzeugt, dass es nicht Wichtigeres gab als ihre Vorfahren - allen voran natürlich ihre Mutter ...
Aber sie vermisste das Leben in dem reichen Land, von dem Lea andauernd gesprochen hatte, gar nicht, sie hatte keine Sehnsucht nach Steinhäusern und einem sagenhaften Reichtum, der durch den Handel mit weit entfernten Kulturen zustande kam. Sie vermisste einfach nur ihr altes Leben unter den Fischern, Bauern und Jägern am Fluss, den gleichförmigen Ablauf der Tage, die kleinen und größeren Herausforderungen, denen sie sich stellen musste - und sogar die alltäglichen Verrichtungen, für die sie seit Kindesbeinen zuständig gewesen war.
Wenn sie doch nur wieder dahin zurück könnte! Sie hatte gar nicht gewusst, wie glücklich sie damals gewesen waren, sie alle zusammen. Mochte ihre Mutter auch noch so oft geklagt haben, weil ihre eigene Heimat untergegangen war, so hatten sie doch ein geradezu unverschämtes Glück gehabt, was Arri aber erst jetzt ganz begriff. Als Heilerin war ihre Mutter von den Flussleuten mit offenen Armen aufgenommen worden, und schnell hatte sie eine bevorzugte Stellung in ihrer Mitte eingenommen. Es hatte ihnen an nichts gefehlt, sogar im Winter hatten sie meistens genug zu essen gehabt, und außer den gelegentlichen Streitigkeiten der Männer untereinander oder einem Jagdunfall war wenig geschehen, was die abgeschiedene Ruhe am Fluss gestört hatte.
Doch all dies war nun Vergangenheit, ausgelöscht durch den schrecklichen Streit mit dem Schamanen ihres Heimatdorfes, der letztlich sogar den Tod ihrer Mutter verschuldet hatte - und auch daran Schuld trug, dass sie hier gelandet war. Wie oft sie diesen alten Mann schon verflucht hatte!
Und wie unwichtig er doch letztlich war. Sie konnte sich kaum noch an seinen Namen, geschweige denn an sein Gesicht erinnern. Gewiss war er schon längst tot. Wenn es nach ihr ginge, sollte er irgendwo vermodern, ohne einen angemessenen Abschied, und damit ohne die Aussicht, den gefährlichen Weg ins Totenreich zu überstehen.
Ganz anders als Dragosz. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass er seinen angemessenen Platz unter den Stammvätern fand.
Aber die böse Schwester dieses Wunsches war der Gedanke an Surkija, die im Reich der Toten bereits auf ihren Gemahl wartete. Arri bekam die Vorstellung einfach nicht aus dem Kopf, dass es Dragosz ganz recht wäre, sich wieder mit seiner ersten Frau vereinen zu können. Dann würde es nicht mehr so lange dauern, bis er sie ganz vergessen hatte ...
»Dragosz«, murmelte sie. »Wo bist du? Kannst du mich hören?«
Es war nur ein sinnloses, verstörtes Gebrabbel, das wusste sie selber. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass sie immer wieder solche Sätze vor sich hinmurmelte.
»Bleibe mein Mann«, flehte sie. »Bleib bei mir, Liebster! Verlass mich nicht!«
Die letzten Tage waren fürchterlich gewesen. Zakaans vom Alter gebeugter und von ausufernder Selbstgeißlung geschundener Rücken schien in Flammen zu stehen, und seine Knochen fühlten sich so morsch wie die verrotteten Äste einer Pappel an. Es waren aber weniger die körperlichen Strapazen, die ihm zusetzten, und auch nicht die Folge des freiwilligen Fastens, das er sich auferlegt hatte, als vielmehr die Sorge um Lexz und die anderen.
Sie hätten schon längst zurück sein müssen.
Und das war nicht das Einzige, was ihn quälte. Beinahe schlimmer war noch, dass es ihm nach der Begegnung mit der Todessyre nicht mehr gelungen war, irgendeinen Zugang zu der Welt jenseits der greifbaren Wirklichkeit zu finden. Selten zuvor war der Kontakt zu den Vorvätern so lange und so vollständig gerissen. Dafür schien es ihm aber, als zöge mit den dunklen Regenwolken am Horizont auch noch etwas anderes auf, das ihnen weitaus gefährlicher werden konnte als das heftigste Unwetter. Etwas, das mit den Geheimnissen der Stammväter zu tun hatte, mit ihrer Lebensweise und mit ihrer Art, ihre Hinterlassenschaft für ihre Nachfahren zu regeln. Und etwas, das mit dem Unmut der Ahnen zu tun hatte, die nun sahen, wie sich ihr Volk selbst aufrieb, wie es nicht einmal in größter Not in der Lage war, zusammenzuhalten und alles zu tun, was nötig war, um ihr Erbe zu bewahren.
So wurde es Zeit, dass er etwas unternahm. Und zwar auf die einzige Weise, die ihm jetzt noch möglich war: indem er nämlich den Steinkreis endgültig zu einem magischen Ring schließen ließ und ein Erweckungsritual durchführte. Vielleicht gelang es ihm mit einer geeigneten Beschwörung ja sogar, sich mit dem Geist seines Bruders Abdurezak zu verbinden und sich mit ihm über das auszutauschen, was sie tun konnten, um die Katastrophe einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen den beiden verfeindeten Gruppen zu verhindern.
Er wünschte sich nichts mehr als das. Wenn er Abdurezak wenigstens spüren, seine Anwesenheit wahrnehmen könnte - immerhin konnte er doch gar nicht weit entfernt sein. Aber noch nicht einmal das war ihm im Augenblick vergönnt. Und das war seltsam. Selbst während der Wanderung hatte er sich Abdurezak oft so nahe gefühlt, als bräuchte er bloß die Hand auszustrecken, um ihn zu berühren.
Doch jetzt schien die geheimnisvolle Verbindung zwischen ihnen wie abgerissen zu sein. Was hatte das zu bedeuten? Hoffentlich war mit Abdurezak nichts geschehen.
Er seufzte. Dass alles viel langsamer voranging, als er erwartet hatte, machte es nicht gerade einfacher. Und da der Steinkreis noch seiner Vollendung harrte, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in Geduld zu üben und darauf zu hoffen, dass wenigstens Lexz und die anderen wieder auftauchten.
Als er Schritte hörte, die auf ihn zuzuhalten schienen, schrak er aus seiner Versenkung auf. Konnte es sein, dass ...
Nein. Er beugte sich ein Stück vor, um besser hören zu können, und ein scharfer Schmerz durchjagte seinen Rücken. Es war nur eine kleine Dummheit, allerdings eine von viel zu vielen in der letzten Zeit.