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Die wahre Lehre - nach Mickymaus. Internationale Science Fiction Erzählungen.

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»Hol deine Sachen, Caroline«, hatte sie steif gesagt, damit sie nicht merken würden, wie erschrocken sie war. »Wir gehen nach Hause.«

»Nein!« hatte Caroline geschrien und sich hinter ihren Röcken versteckt. »Ich habe Angst. Du wirst mir wieder weh tun.«

»Weh tun?« fragte Amy bestürzt und dann außer sich. »Dir weh tun? Wer hat dir gesagt, daß ich dir weh tun werde?« Sie langte wütend in den schützenden Kreis der Frauen nach Carolines Hand. »Was haben sie ihr erzählt?« fragte sie ungehalten.

Debra trat vor, anmutig wie ein Geist in dem wehenden grauen Stoff, und lächelte Amy an. »Sie wollte wissen, warum sie nach dem Picknick so krank geworden ist«, hatte sie erwidert.

Amy hatte ihre Hände fest an ihren Körper drücken müssen, um Debra nicht ins Gesicht zu schlagen. »Was haben Sie ihr erzählt?« hatte sie gefragt, und Caroline war an ihr vorbeigeschossen, durch die Tür und den Flur in den Salon.

Caroline hatte sich unter dem großen Seance-Tisch im Salon versteckt. Amy war in die Knie gegangen und auf sie zugekrochen, aber Caroline war vor ihr zurückgewichen, bis die schweren Beine des geschnitzten Stuhls sie fast versteckten.

Amy war unter dem Tisch hervorgekrochen, um sie nicht zu erschrecken, und hatte sich wieder auf ihre Fersen gehockt, die Arme zu der Sechsjährigen ausgestreckt. Caroline blieb hinter dem Stuhl zusammengekauert. »Komm her«, hatte sie geflüstert, entsetzt darüber, daß sie so weit erniedrigt wurde, um dergleichen sagen zu müssen. »Ich werde dir nicht weh tun, Liebling.«

Caroline schüttelte den Kopf, noch immer feuchte Tränen im Gesicht. »Du wirst mich wieder vergiften«, flüsterte sie. Amy konnte sie kaum hören.

»Vergiften?« fragte Amy halblaut. Caroline lag in ihren Armen im Sterben, und dann Jim, der sie durch den Park zu dem Haus trug, sie rannte hinter ihm her, ihr Herz schlug heftig, sie rannten hierher, weil die Polizeiwache sich auf der anderen Seite des Parks befand, und sie hatte Angst, Caroline würde sterben, bevor Jim sie erreicht hätte. Jim trug sie hierher, in dieses Haus, das viel näher lag. Zu diesen Leuten. »Wir hätten sie nicht herbringen sollen«, dachte sie hysterisch, als Ismay Carolines schlaffen Körper Jim aus den Armen nahm.

»Irgend jemand hat dich vergiftet«, sagte Amy und wußte, daß es stimmte. Sie war für einen längeren Augenblick so schockiert, daß sie nichts sagen konnte. Sie verschränkte die Hände über der Brust, als sei sie dort verwundet worden, und flüstere so leise, saß jemand hinter ihr sie nicht verstanden hätte, die Lippen wie bei einem fast lautlosen Gebet bewegt: »Ich würde dir nie weh tun, Caroline. Ich liebe dich.«

Carolines Weinen klang jetzt lauter, als ob jemand eine Tür geöffnet hätte. »Ich muß Caroline suchen«, sagte sie laut und versuchte diesen tapferen Gedanken festzuhalten, während sie durch die geöffnete Tür auf das Weinen zuging. Aber bis sie das Zimmer erreicht hatte, in dem sie Caroline versteckten, sagte sie immer wieder, wie ein Gebet: »Etwas Entsetzliches ist geschehen, etwas Entsetzliches ist geschehen.«

Sie hielt in der offenen Tür inne und blickte zurück zum Salon. Die Lampen im Flur flackerten wie Kerzen und beruhigten sich dann, schwächer als zuvor. Es war eiskalt im Flur. »Ich sollte zurückgehen und meinen Mantel holen«, dachte Amy. »Es wird kalt auf Deck sein.« Und dann der andere, noch kältere Gedanke. »Ich darf dort nicht hineingehen. Im Salon ist etwas Entsetzliches geschehen.«

Ismay hatte sie in den Salon gebracht, wo sie warten sollte, während der Arzt sich um Caroline kümmerte. Amy hatte am Fuß der breiten Treppe gestanden, an den Endpfosten geklammert, und versucht, nicht zu denken: »Sie wird sterben«, aus Angst, sie würde wissen, daß es stimmte.

»Geben Sie die Hoffnung nicht auf«, hatte eine der grauhaarigen Frauen gesagt und Amys verkrampfte Hände getätschelt, als sie mit einer Decke nach oben ging. Sie war in dem wehenden grauen Stoff gekleidet, den alle Frauen trugen, selbst die Jüngste. Sie hatten sich wie Gespenster um Carolines schlaffen Körper versammelt, und Amy war dabei der Gedanke gekommen: »Das ist eine Art Sekte. Ich hätte sie nicht herbringen sollen.« Aber die Jüngere – Debra hatte Jim sie genannt – war sofort einen Arzt holen gegangen. Debra hatte den Arzt an Amy vorbei die Treppe hinaufgeführt. »Das kleine Mädchen ist im Park zusammengebrochen«, sagte sie dabei. »Sie machte gerade ein Picknick. Ihr Vater hat sie hergebracht.« Und sie hatte sich so normal angehört, ungeachtet des wehenden Geistergewandes, daß Amy wieder angefangen hatte, Hoffnung zu schöpfen.

»Die Hoffnung hält stand, nicht wahr?« sagte jemand hinter ihr. »Selbst wenn die offenkundigsten Hinweise für das Gegenteil sprechen.«

»Was meinen Sie damit?« stammelte Amy. Es war der Mann, den Jim Ismay genannt hatte. Debra und Ismay. Woher hatte er ihre Namen gewußt?

»Wissen Sie«, fragte er, »daß es nahezu eine Stunde dauerte, bis die Passagiere der Titanic wußten, daß ihr Schiff sank? Sie sahen dann auf die Lichter hinunter, die noch immer unter der Wasseroberfläche in den unteren Decks brannten, und sagten: ›Wie hübsch! Meint ihr, wir sollten vielleicht in ein Rettungsboot steigen?‹«

Amy war sehr erschrocken darüber, was dieses Gerede über sinkende Schiffe bedeuten könnte, und machte Anstalten, sich die Treppe hinaufzubegeben, aber seine Hand schloß sich über ihre auf dem Geländer. »Sie würden sie nicht hinauflassen«, sagte er. »Der Arzt ist noch bei ihr. Und Ihr Mann.« Er schob seine Hand auf ihren Arm und führte sie in den Salon.

Caroline ist tot, dachte sie dumpf und blickte mit leeren Augen in den Salon.

»Der Körper ist wie ein Schiff. Er stirbt nicht auf einmal. Der Tod hat ihn im Griff, der verhängnisvolle Eisberg hat es aufgerissen, aber es dauert Stunden, bis das Schiff sinkt. Und die ganze Zeit über gehen Passagiere auf den Decks umher, senden ihr S.O.S. an Rettungsschiffe, die nicht kommen. Haben Sie jemals einen Geist gesehen?«

»Es gab Überlebende bei der Titanic«, sagte Amy und ihr Herz klopfte so heftig, daß es schmerzte. »Es kam Hilfe.«

»Ah, ja. Die Carpathia kam um vier Uhr morgens mutig angedampft. Kapitän Rostron irrte nahezu eine Stunde zwischen den Eisbergen umher und befürchtete, er sei am falschen Ort. Er war zu spät. Sie war schon gesunken.«

»Nein«, beharrte Amy, und sie wußte vom panischen Klang ihres Herzens, daß es in diesem Gespräch überhaupt nicht um sinkende Schiffe ging. »Sie kamen nicht zu spät für die Rettungsboote.«

»Ein paar Passagiere der ersten Klasse«, erwiderte Ismay, als käme es auf die Überlebenden nicht an. »Wissen Sie, daß alle Kinder auf dem Zwischendeck ertrunken sind?«

Amy hörte ihn nicht. Sie hatte sich von ihm abgewandt und blickte in den Salon. »Was?« fragte sie verständnislos.

»Ich sagte, die Californian befand sich nur fünfzehn Kilometer entfernt. Dort dachte man, ihre Leuchtkugeln seien ein Feuerwerk.«

»Was?« fragte sie wieder und versuchte an ihm vorbeizukommen, aber er stand hinter ihr, zwischen ihr und der Tür, und der Weg war ihr versperrt. »An welch einem Ort sind wir hier?« fragte sie und konnte über dem Klang ihres Herzens ihre eigene Stimme nicht verstehen.

Amy stand in der Tür und blickte zurück zum Salon. Ich muß dorthin zurück, dachte sie klar. Im Salon ist etwas Entsetzliches geschehen.

»Mama!« rief Caroline, und Amy dreht sich um und blickte durch die geöffnete Tür hinein.

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