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In den Klauen des Winters

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In den Klauen des Winters
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Selbst wenn sie genau gewusst hätte, dass die Letzte Schlacht allem ein Ende bereiten würde, wäre sie keinesfalls tatenlos geblieben. Rand hatte die Schulen für den Fall gegründet, dass er am Ende die Welt zerstörte, in der Hoffnung, etwas zu retten, aber diese Schule würde Andor gehören und nicht Rand al'Thor. Die Akademie der Rose, der Erinnerung an Morgase Trakand gewidmet. Es würde eine Zukunft geben und diese Zukunft würde sich an ihre Mutter erinnern. »Oder seid Ihr zu dem Schluss gekommen, dass man das Gold aus Cairhien doch zum Wiedergeborenen Drachen zurückverfolgen kann?«

»Ich halte das Risiko noch immer für sehr gering, meine Lady, aber nach allem, was ich aus Tar Valon erfahren habe, lohnt es sich nicht länger, es einzugehen.« Sein Tonfall veränderte sich nicht, aber offensichtlich war er aufgeregt. Er trommelte mit den Fingern gegen die Ledermappe vor seiner Brust, sie waren wie tanzende Spinnen, die dann wieder erstarrten. »Die ... äh ... Weiße Burg hat eine Proklamation veröffentlicht, in der sie ... äh ... Lord Rand als den Wiedergeborenen Drachen anerkennt und ihm ... äh ... Schutz und Anleitung anbietet. Des weiteren wird jeder, der sich ihm außer der Burg nähert, mit einem Bannfluch belegt. Es ist klug, sich vor Tar Valons Zorn zu hüten, meine Lady, aber das wisst Ihr ja selbst.« Er sah bedeutungsvoll auf den Großen Schlangenring an ihrer Hand, die auf der Stuhllehne lag. Natürlich wusste er von der Spaltung der Burg — vielleicht hatte es sich nicht bis zu jedem Kleinpächter in Seleisin herumgesprochen, aber alle anderen konnten es mittlerweile unmöglich ignorieren —, aber er war zu diskret gewesen, um sie zu fragen, auf welcher Seite sie stand. Obwohl er offensichtlich »der Amyrlin-Sitz« hatte sagen wollen statt »die Weiße Burg«. Und das Licht allein wusste, was er statt »Lord Rand« hatte sagen wollen. Sie nahm ihm das nicht übel.

Er war ein vorsichtiger Mann, eine Eigenschaft, die er auf seinem Posten brauchte.

Doch Elaidas Proklamation verblüffte sie. Mit gerunzelter Stirn fuhr sie mit dem Daumen über den Schlangenring. Elaida hatte diesen Ring länger getragen, als sie überhaupt lebte. Die Frau war arrogant, verbohrt und blind gegenüber jedem anderen Standpunkt, aber sie war nicht dumm. Im Gegenteil. »Glaubt sie allen Ernstes, er wird ein solches Angebot akzeptieren?«, sagte sie nachdenklich. »Schutz und Führung? Ich kann mir keinen besseren Weg vorstellen, um ihn abspenstig zu machen!« Führung? Rand konnte man nicht einmal mit einer Bootsstange führen!

»Möglicherweise hat er sich bereits einverstanden erklärt, meine Lady, zumindest laut meiner Brieffreundin aus Cairhien.« Norry hätte sich geschüttelt, hätte man ihn als Anführer eines Netzes von Spionen bezeichnet. Nun, zumindest hätte er angewidert den Mund verzogen. Der Erste Sekretär verwaltete den Staatsschatz, überwachte die Sekretäre, die die Hauptstadt verwalteten, und beriet den Thron in Staatsangelegenheiten. Er verfügte mit Sicherheit über kein Netzwerk aus Augen-und-Ohren so wie die Ajah und sogar ein paar der Schwestern. Aber er führte einen regen Briefwechsel mit gut informierten und einflussreichen Leuten aus anderen Hauptstädten, damit sein Rat auch dem Stand der Dinge entsprach. »Sie schickt einmal die Woche eine Brieftaube und es hat den Anschein, als hätte kurz vor Abfassung ihrer letzten Nachricht jemand den Sonnenpalast mit der Einen Macht angegriffen.«

»Mit der Macht?«, rief sie aus und beugte sich ruckartig vor.

Norry nickte einmal. Er hätte genauso gut über den gegenwärtigen Zustand der Straßenreparaturen berichten können. »Das hat meine Brieffreundin berichtet, meine Lady. Vielleicht Aes Sedai oder Asha'man oder sogar die Verlorenen. Ich fürchte, hier hat sie Gerüchte weiterverbreitet. Der Flügel, in denen sich die Gemächer des Wiedergeborenen Drachen befinden, wurde größtenteils zerstört, und er selbst ist verschwunden. Es wird weithin angenommen, dass er sich nach Tar Valon begeben hat, um vor dem Amyrlin-Sitz niederzuknien. Einige glauben zwar, dass er bei dem Angriff getötet wurde, aber das sind nicht viele. Ich rate Euch, gar nichts zu tun, bis Ihr ein klareres Bild habt.« Er hielt inne, legte nachdenklich den Kopf schief. »Meine Lady, nach dem zu urteilen, was ich von ihm gesehen habe«, sagte er langsam, »würde ich nicht glauben, dass er tot ist, bevor ich drei Tage neben seinem Leichnam gesessen habe.«

Um ein Haar hätte sie ihn ungläubig angestarrt. Das war ja beinahe eine witzige Bemerkung gewesen. Oder zumindest ein grober Scherz. Von Halwin Norry! Sie glaubte auch nicht an Rands Tod. Und was den Kniefall vor Elaida betraf, dieser Mann war zu stur, um sich irgendjemandem zu unterwerfen. Viele Schwierigkeiten hätten ausgeräumt werden können, hätte Rand sich nur überwinden können, vor Egwene zu knien, aber er wollte es nicht tun, und sie war seine Kindheitsfreundin. Elaida hatte ungefähr so viel Chancen wie eine Ziege auf einem Hofball, erst recht, nachdem er von ihrer Proklamation erfuhr. Aber wer hatte ihn angegriffen? Die Macht der Seanchaner konnte doch nicht bis nach Cairhien reichen. Falls sich die Verlorenen zu einem offenen Angriff entschieden hatten, würde das noch größeres Chaos und Zerstörungen bedeuten, als sich die Welt bereits gegenübersah, aber am schlimmsten würden die Asha'man sein. Falls sich seine eigene Schöpfung gegen ihn gewandt hatte ... nein! Sie konnte ihn nicht beschützen, so sehr er es auch gebraucht hätte. Er würde sich eben um sich selbst kümmern müssen.

Dieser Narr! dachte sie. Vermutlich marschiert er mit der Fahne voraus voran, als würde ihm keiner nach dem Leben trachten! Du solltest lieber auf dich aufpassen, Rand al'Thor, oder ich prügle dich windelweich, wenn du mir in die Hände fällst!

»Was haben Eure Brieffreunde sonst noch zu berichten, Meister Norry?«, fragte sie laut und schob den Gedanken an Rand beiseite. Noch stand er nicht vor ihr, und sie musste sich darauf konzentrieren, Andor zu halten.

Seine Brieffreunde hatten eine Menge zu sagen, aber einiges war schon lange bekannt. Nicht alle Schreiber benutzten Brieftauben, und Briefe, die man nur den vertrauenswürdigsten Händlern mitgab, konnten manchmal Monate lang unterwegs sein — wenn man Glück hatte. Unzuverlässige Kaufleute strichen das Postgeld ein und machten sich nicht die Mühe, den Brief zu befördern. Nur wenige Leute konnten sich Kuriere leisten. Elayne spielte mit dem Gedanken, eine Königliche Post zu gründen, falls es die Situation jemals zuließ. Norry beklagte die Tatsache, dass seine letzten Neuigkeiten aus Ebou Dar und Amador bereits von Geschehnissen überholt worden waren, über die man seit Wochen auf der Straße sprach.

Es waren auch nicht alle Neuigkeiten wichtig. Seine Brieffreunde waren keine richtigen Augen-und-Ohren; sie schrieben lediglich, was in ihrer Stadt passiert war und was am Hof geredet wurde. In Tear sprach man von der ständig zunehmenden Zahl von MeervolkSchiffen, die sich ohne Navigatoren einen Weg durch die Drachenfinger gebahnt hatten und nun vor der Stadt den Fluss verstopften; von Gerüchten, denen zufolge die Schiffe auf See gegen die Seanchaner gekämpft hatten, aber das waren wirklich nur Gerüchte. Illian war friedlich und voll von Rands Soldaten, die sich von einer Schlacht gegen die Seanchaner erholten; es war fraglich, ob Rand überhaupt in der Stadt gewesen war. Die Königin von Saldaea befand sich noch immer in ihrem freiwilligen Exil auf dem Land, was Elayne bekannt war, aber es hatte den Anschein, als hätte man auch die Königin von Kandor schon seit Monaten nicht mehr in Chachin gesehen, und der König von Schienar befand sich angeblich noch immer auf einer ausgedehnten Inspektionsreise entlang der Grenze zur Großen Fäule, obwohl es in der Fäule ruhiger als seit Menschengedenken zuging. In Lugard versammelte König Roedran jeden Adligen um sich, der Soldaten mitbringen konnte, und eine Stadt, die sich bereits wegen zweier großer Heere sorgte — von denen das eine voller Aes Sedai und das andere voller Andoraner war —, die in der Nähe der Grenze zu Andor kampierten, hatte nun noch die neue Sorge, was ein liederlicher Tunichtgut wie Roedran im Sinn hatte.

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