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Nie sollst Du vergessen

Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:

In einer regnerischen Nacht wird Eugenie Davies in London von einem Autofahrer getötet. Ein Unfall ist definitiv auszuschließen: Die Frau wurde frontal angefahren und danach mehrmals absichtlich mit dem Wagen überrollt. Doch was hatte Eugenie Davies so spät am Abend überhaupt in der Stadt zu suchen? Und warum trug sie einen Zettel mit dem Namen genau des Mannes bei sich, der später ihre Leiche findet? Für Inspector Thomas Lynley, in dessen Privatleben sich zur selben Zeit dramatische Veränderungen ankündigen, sind diese Fragen nur der Auftakt zu Ermittlungen, in deren Verlauf er auf einem gefährlich schmalen Grat zwischen persönlicher Loyalität und beruflicher Ehre wandert. Denn schon bald stellen Lynley und Sergeant Barbara Havers betroffen fest, dass ihr Chef Superintendent Webberly, der mehr über Eugenie Davies zu wissen scheint, als er preisgibt, versucht, sie bei der Auswertung von Erkenntnissen zu behindern. Für Lynley und Havers steht ihre berufliche Laufbahn auf dem Spiel, doch sie sind schon viel zu tief in den Fall eingedrungen, um sich noch zurückziehen zu können. Denn die Familie Davies nährt einen tödlichen Kreislauf aus Versagen, Wut und Gewalt, der immer weitere Opfer fordert…
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
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2. Oktober

Ich habe es meinem Vater nicht gesagt.

Warum nicht?, fragen Sie.

Es wäre mir unerträglich gewesen.

Was wäre Ihnen unerträglich gewesen?

Seine Enttäuschung zu sehen, vermute ich. Seine Reaktion auf mein Versagen. Sein ganzes Leben dreht sich um mich, und mein ganzes Leben dreht sich um mein Spiel. Im Augenblick rasen wir beide dem Abgrund entgegen, und ich finde, es ist eine Gnade, wenn es nur einer von uns weiß.

Als ich die Geige wieder in den Kasten legte, stand mein Entschluss fest. Ich verließ das Haus.

Aber auf der Vortreppe stieß ich auf Libby. Sie saß da, ans Geländer gelehnt, und hatte einen aufgerissenen Beutel Marshmallows auf dem Schoß. Sie hatte offenbar noch keine Marshmallows gegessen, aber ihrer Miene nach zu urteilen, schien sie gute Lust dazu zu haben.

Ich hätte gern gewusst, wie lange sie schon da saß. Mit ihren ersten Worten sagte sie es mir.

»Ich hab dich gehört.« Sie stand auf, sah zu dem Beutel mit den Marshmallows hinunter und schob ihn dann unter den Latz ihrer Hose. »So ist das also, hm? Darum spielst du nicht mehr. Warum hast du mir nie was gesagt? Ich dachte, wir wären Freunde.«

»Sind wir doch!«

»Ach ja? Freunde helfen einander.«

»In diesem Fall kannst du mir nicht helfen. Ich weiß ja selbst nicht, was los ist, Libby.«

Sie starrte niedergeschlagen auf die Straße. »Ach, Scheiße! Was soll das alles, Gid? Wir ziehen miteinander los und lassen deine Drachen steigen, wir sausen in deinem Segelflieger durch die Luft, wir schlafen in einem Bett. Und da kannst du nicht mal mit mir reden?«

Das Gespräch war eine Reprise unzähliger ähnlicher Diskussionen mit Beth, allerdings mit einer Themaverschiebung. Bei Beth hatte es immer geheißen, Gideon, wenn wir nicht einmal mehr miteinander schlafen…

In der Beziehung mit Libby war das noch nicht zum Thema geworden, weil sie noch nicht weit genug gediehen war, und darüber war ich froh. Ich ließ Libby ausreden, ohne etwas darauf zu sagen. Als sie merkte, dass sie keine Antwort bekommen würde, lief sie mir zum Auto nach. »Hey!«, rief sie. »Warte doch mal. Ich rede mit dir. Warte, verdammt noch mal!« Sie packte mich beim Arm.

»Ich muss los«, sagte ich.

»Wohin?«

»Victoria.«

»Wozu?«

»Libby -«

»Na gut.« Und als ich den Wagen aufgesperrt hatte, stieg sie einfach ein. »Dann komme ich eben mit.«

Um sie loszuwerden, hätte ich sie eigenhändig aus dem Wagen zerren müssen. Die entschlossene Miene und der trotzige Blick verrieten, dass sie zum Widerstand bereit war. Für eine Rangelei fehlten mir die Energie und die Lust, ich startete deshalb ohne ein Wort den Wagen, und wir fuhren zum Victoria-Bahnhof.

Die Räume der Press Association sind gleich um die Ecke vom Bahnhof in der Vauxhall Bridge Road. Dorthin fuhr ich. Unterwegs zog Libby die Marshmallows heraus und begann zu essen.

»Ich dachte, du machst gerade die >Kein-Weiß-Diät<«, bemerkte ich.

»Die Dinger sind rosa und grün, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte.«

»Aber du hast doch mal gesagt, alles, was künstlich gefärbt ist, zählt als weißes Nahrungsmittel.«

»Ich rede viel, wenn der Tag lang ist.« Sie knallte sich den Beutel mit Marshmallows auf die Oberschenkel und schien einen Entschluss zu fassen. »Ich möchte wissen, wie lange«, sagte sie. »Und ich würde dir raten, mir die Wahrheit zu sagen.«

»Wie lang was?«

»Seit wann spielst du schon nicht mehr? Oder spielst so wie eben, mein ich. Seit wann?« Und mit einer Sprunghaftigkeit, die nicht ganz untypisch für sie war, fügte sie hinzu: »Okay, lass nur. Ich hätt's viel früher merken müssen. Aber Rock, dieser Mistkerl - daran ist nur er schuld.«

»Also, man kann ja wohl kaum deinem Mann -«

»Ex, bitte.«

»Noch nicht.«

»Aber nah dran.«

»Na gut. Aber man kann wohl kaum ihm die Schuld daran geben -«

»Auch wenn er noch so widerlich ist.«

»- dass ich im Moment Schwierigkeiten habe.«

»Davon red ich doch überhaupt nicht«, entgegnete sie mit einem gereizten Unterton. »Es gibt außer dir noch andere Menschen auf der Welt, Gideon. Ich hab von mir geredet. Ich hätte viel früher gecheckt, was mit dir los ist, wenn ich nicht so auf Rock fixiert gewesen wäre -«

Doch ich hörte kaum, was sie über ihren Mann sagte. Mich beschäftigte der Satz, den sie davor gesagt hatte:… außer dir noch andere Menschen auf der Welt, Gideon. Sie klangen wie ein Echo dessen, was Sarah-Jane Beckett vor so vielen Jahren zu mir gesagt hatte: Du bist nicht mehr der Nabel der Welt. Und ich sah nicht Libby, die neben mir im Auto saß, sondern ich sah Sarah-Jane Beckett. Ich sehe sie jetzt noch, wie sie sich zu mir herunterbeugt und mich mit zusammengekniffenen Augen mustert. Das ganze Gesicht ist verzerrt, die Augen sind Schlitze, hinter kurzen Wimpern verborgen.

Was meint sie, wenn sie das sagt?, fragen Sie.

Ja, das eben ist die Frage.

Ich war ungezogen in der Zeit, als ich mich unter ihrer Obhut befand. Es blieb ihr überlassen, mich angemessen zu bestrafen, und sie hat mir eine gründliche Standpauke gehalten, wie das ihre Art ist. In Großvaters Schrank steht ein Holzkasten mit Schuhputzzeug, und über den habe ich mich hergemacht. Im ganzen oberen Korridor habe ich die Wände mit brauner und schwarzer Schuhcreme beschmiert. So was Langweiliges, dachte ich die ganze Zeit, während ich die Tapete ruinierte und mir die Hände an den Vorhängen abwischte. Aber in Wirklichkeit geht es nicht um Langeweile, und Sarah-Jane weiß das. Ich habe es nicht aus Langeweile getan.

Wissen Sie denn, warum Sie es getan haben?, fragen Sie.

Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher. Aber ich glaube, ich bin wütend und habe Angst. Das ist sehr deutlich, ja, diese starke Angst.

In Ihren Augen blitzt Interesse auf, Dr. Rose. Ah, jetzt geht es vorwärts. Wut und Angst. Emotionen. Leidenschaft, Etwas, womit Sie arbeiten können.

Aber ich habe kaum mehr dazu zu sagen. Nur dies: Als Libby mir das von den anderen Menschen auf der Welt vorhielt, bekam ich Angst. Ganz eindeutig. Und diese Angst hatte mit der anderen Angst, vielleicht nie wieder auf meiner Geige spielen zu können, nichts zu tun. Sie war klar von ihr getrennt und hatte auch keinen Bezug zu dem Gespräch, das Libby und ich führten. Trotzdem überfiel sie mich mit einer solchen Macht, dass ich unwillkürlich »Nicht!« rief. Dabei war es die ganze Zeit über gar nicht Libby, mit der ich sprach.

Und wovor haben Sie Angst?, fragen Sie.

Das dürfte doch wohl offensichtlich sein.

3. Oktober, 15.30 Uhr

Wir wurden ins Archiv hinaufgeschickt. Das ist ein riesiges Lager mit endlosen Rollregalen voller Zeitungsausschnitte, die in großen braunen Umschlägen gesammelt und nach Sachgebieten katalogisiert sind. Kennen Sie das? Da sitzen professionelle Leser, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als sämtliche größeren Zeitungen zu durchforsten und Artikel auszuschneiden und zu kennzeichnen, die dann der Archivbibliothek einverleibt werden. In einer Ecke gibt es einen Tisch und ein Kopiergerät für Leute, die hier irgendetwas recherchieren wollen.

Ich erklärte einem schlecht gekleideten jungen Mann mit langen Haaren, was ich suchte.

»Sie hätten vorher anrufen sollen«, sagte er. »Das wird gut zwanzig Minuten dauern. Die Sachen liegen nicht hier oben.«

Ich sagte, ich würde warten, aber als der junge Mann gegangen war, um sich um meinen Auftrag zu kümmern, wurde mir bewusst, wie nervös ich war. Ich konnte unmöglich bleiben. Das Atmen bereitete mir Mühe, und mir war so heiß, dass ich schwitzte wie Raphael. Ich erklärte Libby, ich brauche frische Luft. Sie ging mit mir zur Vauxhall Bridge Road hinaus. Aber auch draußen konnte ich kaum atmen.

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