Nie sollst Du vergessen
- Автор: Джордж Элизабет
- Серия: Inspector Lynley (de) #11
- Год: 2001
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Полицейские детективы
Электронная книга - «Nie sollst Du vergessen». Краткое содержание книги:
Psychologische Raffinesse, präziser Spannungsaufbau und ein unfehlbarer Sinn für Dramatik charakterisieren die Kriminalromane der Amerikanerin Elizabeth George. Die Autorin, die den Anthony Award, den Agatha Award und den Grand Prix de Litérature Policière gewonnen hat, lebt in Huntington Beach, Kalifornien. Mehr Informationen zur Autorin unter www.ElizabethGeorgeOnline.com
»Das ist der Verkehr«, sagte ich zu Libby. »Die Abgase.« Ich keuchte wie ein ausgepumpter Langstreckenläufer. Und dann meldeten sich auch noch Magen und Darm mit solcher Heftigkeit, dass ich eine demütigende Entladung mitten auf der Straße fürchtete.
»Du siehst aus wie frisch gekotzt, Gid«, sagte Libby.
»Nein, nein. Es geht mir gut«, versicherte ich.
»Wenn's dir gut geht, bin ich die Jungfrau Maria«, entgegnete sie. »Komm, weg hier von der Straße.«
Sie führte mich in ein Café und suchte uns einen Tisch. »Du rührst dich jetzt nicht von der Stelle«, sagte sie zu mir, nachdem sie mich auf einen Stuhl gedrückt hatte, »außer dir wird schlecht oder so was. Dann steckst du den Kopf zwischen die Knie, okay?«
Sie ging zum Tresen und kehrte mit einem Orangensaft zurück.
»Wann hast du das letzte Mal was gegessen?«, fragte sie.
Und ich - Lügner und Feigling - ließ ihr ihren Glauben. »Ich weiß nicht mehr genau«, antwortete ich und kippte den Orangensaft hinunter, als wäre er ein Zaubertrank, der mir alles wiedergeben könnte, was ich bisher verloren habe.
Verloren?, wiederholen Sie, stets hellwach und aufmerksam.
Ja. Was ich verloren habe: die Musik, Beth, meine Mutter, meine Kindheit und Erinnerungen, die für andere Selbstverständlichkeiten sind.
Und Sonia?, fragen Sie. Sonia auch? Würden Sie sie zurückhaben wollen, wenn das möglich wäre, Gideon?
Ja, natürlich. Aber eine andere Sonia, antworte ich und verstumme unter der plötzlich hereinbrechenden Flut des Bedauerns über jene Besonderheit meiner Schwester, die ich völlig vergessen hatte.
3. Oktober, 18 Uhr
Als sich meine rebellischen Eingeweide beruhigt hatten und ich wieder normal atmen konnte, kehrten Libby und ich ins Zeitungsarchiv zurück. Dort erwarteten uns fünf dicke braune Umschläge, voll gestopft mit Presseausschnitten aus einer Zeit, die mehr als zwanzig Jahre zurücklag: eselsohrig, muffig riechend, vergilbt.
Während Libby sich einen Stuhl holte, um sich zu mir an den Tisch setzen zu können, griff ich nach dem ersten Umschlag und öffnete ihn.
Mörderisches Kindermädchen verurteilt, sprang es mir entgegen und vermittelte zugleich die Gewissheit, dass Schlagzeilen immer Schlagzeilen bleiben werden. Begleitet wurde der Titel von einem Bild, das mir die Mörderin meiner Schwester zeigte. Es schien gleich zu Beginn des Verfahrens aufgenommen worden zu sein, denn nicht in einem der Gerichtssäle des Old Bailey oder im Gefängnis war Katja Wolff von der Kamera eingefangen worden, sondern in der Earl's Court Road vor dem Polizeirevier Kensington, das sie gerade in Begleitung eines untersetzten Mannes in schlecht sitzendem Anzug verließ. Unmittelbar hinter ihm, vom Türpfosten teilweise verdeckt, befand sich eine Gestalt, die ich sicherlich nicht erkannt hätte, wären mir nicht die Statur und die allgemeine Erscheinung aus beinahe fünfundzwanzig Jahren täglicher Geigenstunden vertraut gewesen: Raphael Robson. Ich nahm die Anwesenheit der beiden Männer - der Untersetzte war vermutlich Katja Wolffs Anwalt - wahr, aber meine Aufmerksamkeit galt zunächst einzig Katja Wolff.
Sie hatte sich sehr verändert seit dem Tag, an dem das sonnige Foto im Garten aufgenommen worden war. Das Foto war gestellt gewesen; dieser Schnappschuss hingegen war offensichtlich in einem Moment der Hektik gemacht, wie er entsteht, wenn eine Person des öffentlichen Interesses aus einem Gebäude ins Freie tritt und, von Freunden oder Personal umgeben, zum wartenden Wagen eilt, in dem sie schnell verschwindet. Das Bild zeigte deutlich, dass das öffentliche Interesse - zumindest dieser Art - Katja Wolff nicht gut getan hatte. Sie wirkte abgemagert und krank. Auf dem Gartenfoto hatte sie offen in die Kamera gelächelt; hier versuchte sie, ihr Gesicht zu verstecken. Der Fotograf musste ihr sehr nahe gekommen sein, denn das Bild war nicht körnig, wie man das bei einem Telefoto erwarten würde; im Gegenteil, jedes Detail des Gesichts der jungen Frau war durch die Nähe der Kamera gnadenlos scharf gezeichnet.
Die Lippen waren so fest zusammengepresst, dass sie schmal wirkten. Schatten lagen wie dunkle Halbmonde unter den Augen. Die klar geschnittenen Züge hatten in dem abgemagerten Gesicht eine hässliche Schärfe bekommen. Die Arme waren streichholzdünn, und aus dem V-Ausschnitt der Bluse traten spitz die Schlüsselbeinknochen hervor.
Dem Artikel entnahm ich, dass der zuständige Richter, ein Mann namens St. John Wilkes, Katja Wolff - wie vom Gesetz bei Mord gefordert - zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt hatte, wobei er seinen Spruch durch die ungewöhnliche Empfehlung an das Innenministerium ergänzt hatte, man möge die Verurteilte keinesfalls weniger als zwanzig Jahre verbüßen lassen. Dem Berichterstatter zufolge, der im Gerichtssaal gewesen war, war die Angeklagte bei der Urteilsverkündung aufgesprungen und hatte angeblich laut gerufen: »Lassen Sie mich erklären, wie es wirklich war.« Aber ihr Angebot, nun endlich zu sprechen - sie hatte während der Ermittlungen und den ganzen Prozess hindurch hartnäckig geschwiegen -, war zu spät gekommen. Es hatte allgemein den Verdacht erregt, sie hoffe, von plötzlicher Panik getrieben, auf einen Handel mit der Kronanwaltschaft.
»Wir wissen, wie es war«, erklärte Bertram Cresswell- White, Vertreter der Kronanwaltschaft, später vor der Presse. »Wir wissen es von der Polizei und der Gerichtsmedizin, wir wissen es von der Familie und Miss Wolffs eigenen Freunden. Sie war in einer Lebenssituation gefangen, mit der sie nicht zurechtkam, sie war wütend, weil sie sich ungerecht behandelt fühlte, und als sie eine Gelegenheit sah, sich dieses Kindes zu entledigen, das ohnehin nicht gesund war, drückte sie mit böswilligem Vorsatz und aus Rachegefühlen gegenüber der Familie Davies das Kind in der Badewanne unter Wasser und hielt es trotz seiner kläglichen Versuche, sich zu wehren, dort so lange fest, bis es ertrank. Danach schlug sie Alarm. So war es. So ist es nachgewiesen. Und für diese Tat hat Richter Wilkes die vom Gesetzgeber geforderte Strafe verhängt.«
»Sie muss für zwanzig Jahre ins Gefängnis, Dad.« Ja. Ja. Das sagt mein Vater zu meinem Großvater, als er ins Zimmer tritt, wo wir auf Nachricht warten: Großvater, Großmutter und ich. Wir sitzen nebeneinander auf dem Sofa im Wohnzimmer, ich in der Mitte. Und ja, meine Mutter ist auch da. Sie weint wie immer, so kommt es mir vor, nicht erst seit Sonias Tod, sondern seit ihrer Geburt.
Die Geburt eines Kindes sollte ein freudiges Ereignis sein; aber an Sonias Geburt kann wenig Erfreuliches gewesen sein. Das begriff ich endlich, als ich den ersten Zeitungsausschnitt auf die Seite gelegt hatte und mir den zweiten ansah - eine Fortsetzung der Titelgeschichte -, der darunter lag. Hier stieß ich auf ein Bild des Opfers und blickte mit tiefer Beschämung dem ins Auge, was ich jahrzehntelang vergessen oder verdrängt hatte.
Libby, die inzwischen einen Stuhl gefunden hatte und ihn hinter sich herziehend wieder ins Archiv gekommen war, sah es sofort, als sie sich zu mir setzte. Sie wusste nicht, dass das Bild meine Schwester zeigte, denn ich hatte ihr nicht gesagt, was ich hier im Archiv suchte. Sie hatte mich nach Zeitungsausschnitten über den Wolff-Prozess fragen hören, aber mehr auch nicht.
Sie setzte sich also mit an den Tisch, drehte sich halb zu mir her und griff mit den Worten: »Na, was hast du aufgestöbert?«, nach dem Bild. Sobald ihr Blick darauf fiel, sagte sie, »Oh! Die Kleine leidet am Downsyndrom, nicht? Wer ist sie?«
»Meine Schwester.«
»Ehrlich? Aber du hast nie was davon gesagt…« Sie blickte hoch und sah mich an. Vorsichtig, vermutlich weil sie mir nicht zu nahe treten wollte, sagte sie: »Hast du dich - geschämt oder so was? Ihretwegen, meine ich. Mensch, Gid, das ist doch keine Schande! Das Downsyndrom, meine ich.«
»>Oder so was<«, erwiderte ich. »Absolut erbärmlich. Wirklich schlimm.«