Die Familie ohne Namen
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Die Familie ohne Namen». Краткое содержание книги:
Am Abend des 2. December war St. Charles durch neue beunruhigende Nachrichten erregt, welche so ernster Natur waren, daß Bridget, der dieselben da und dort zu Ohren kamen, sie Herrn de Vaudreuil gar nicht mittheilen wollte. Clary stimmte ihr hierin bei, denn es schien auch ihr nicht gerathen, die Ruhe zu stören, deren ihr Vater noch so nöthig bedurfte.
So theilten sie ihm nur mit, daß die Königlichen noch einmal über die Patrioten einen Sieg davon getragen hatten.
Die Regierung konnte und wollte sich nämlich nicht damit zufriedengeben, den Aufstand bei St. Charles niedergeworfen zu haben; sie mußte mindestens die Scharte auswetzen, welche Oberst Gore in St. Denis erlitten hatte. Gelang ihr das, so war nicht mehr viel zu fürchten von den Reformern, welche die Agenten Gilbert Argall's überall verfolgten, und die sich genöthigt sahen, nach allen Kirchspielen des Bezirks zu entweichen. Dann galt es nur noch, die Anführer der Aufständischen, welche zum Theil schon in den Gefängnissen von Montreal und Quebec schmachteten, mit harten Strafen zu treffen.
Zwei Kanonen, fünf Compagnien Infanterie und eine Schwadron Cavallerie waren unter Befehl des Oberst Gore gestellt worden, der mit dieser, der der Patrioten weit überlegenen Streitkraft aufbrach und im Laufe des 1. December vor St. Denis anlangte.
Die erst gerüchtweise sich verbreitende Nachricht von diesem Zuge erreichte St. Charles gegen Abend, und wurde dieselbe von verschiedenen aus den Feldern heimkehrenden Einwohnern weiter bestätigt. Dabei erfuhr Bridget auch davon, und während sie Herrn de Vaudreuil gegenüber verschwieg, was sie wußte, so hatte sie doch nicht gezögert, Clary davon Mittheilung zu machen.
Man begreift leicht, welche Unruhe, welche Herzensangst die beiden Frauen erdulden mußten.
In St. Denis hatte Johann seine Waffengefährten wieder treffen wollen, um aufs neue den Aufstand zu organisiren. Daß diese freilich so zahlreich und gut genug bewaffnet sein würden, um den Königlichen Widerstand leisten zu können, war nicht wohl anzunehmen. Hatten die Loyalisten aber einmal begonnen, Repressalien zu nehmen, so mußte man erwarten, daß sie hier keine Beschränkung keimen und unter Vornahme von Haussuchungen diese auf alle Flecken und Dörfer der durch den letzten Aufstand am meisten compromittirten Grafschaften ausdehnen würden. St. Charles vor Allem drohten gewiß die schärfsten und strengsten Polizeimaßregeln mit voraussichtlich sehr ernsten Folgen, und auch das Geheimniß des geschlossenen Hauses konnte damit recht leicht verrathen werden. Was wurde aber aus dem noch an sein Bett gefesselten Herrn de Vaudreuil, der im jetzigen Zustand unbedingt noch nicht über die Grenze zu schaffen war?
In welcher Angst verbrachten Bridget und Clary diesen Abend! Schon trafen einzelne Nachrichten von St. Denis ein, und diese waren sehr entmuthigender Art.
Der Oberst Gore hatte den Ort von seinen Vertheidigern verlassen gefunden. Gegenüber den Aussichten eines so ungleichen Kanipfes hatten diese es vorgezogen, zum Rückzuge zu blasen. Die Einwohner verließen ebenfalls ihre Häuser, retteten sich in die Wälder und überschritten auch den Richelieu, um in den benachbarten Kirchspielen Unterkunft zu suchen. Und was dann geschehen, als St. Denis den Ausschreitungen der Soldaten preisgegeben war, das konnte man sich, wenn die Flüchtlinge es auch nicht wußten, leicht genug vorstellen.
Mit Dunkelwerden setzten sich Bridget und Clary wieder an das Lager des Herrn de Vaudreuil. Wiederholt mußten sie ihm Auskunft geben, warum auf den einige Tage hindurch so friedlichen Straßen von St. Charles jetzt ein auffälliges Getöse herrsche. Clary bemühte sich, für diese Erscheinung eine Ursache anzugeben, welche ihren Vater nicht beunruhigen konnte. Schweiften ihre Gedanken dann aber weiter hinaus, so fragte sie sich, ob die Sache der Unabhängigkeit nicht etwa den letzten Stoß erlitten habe, von dem sie nicht wieder aufstehen könne, ob Johann und seine Genossen nicht gezwungen gewesen wären bis zur Grenze zu flüchten, und ob nicht der und jener von denselben in die Gewalt der Königlichen gefallen wäre. Und er, Johann, hatte er dann entkommen können? Sollte er nicht versuchen, das geschlossene Haus zu erreichen?
Clary ahnte so etwas, und dann würde es freilich unmöglich werden, Herrn de Vaudreuil die neue Niederlage der Patrioten zu verheimlichen.
Vielleicht fürchtete Bridget dasselbe, und Beide saßen, von den gleichen Gedanken verfolgt und einander verstehend, ohne ein Wort zu wechseln, schweigend bei dem Kranken.
Gegen elfeinhalb Uhr erschallten drei kurze Schläge an der Thür des geschlossenen Hauses.
»Ach, er!« rief das junge Mädchen.
Bridget hatte das Zeichen erkannt; es mußte einer ihrer Söhne sein, der draußen war.
Anfänglich glaubte sie, Joann werde es sein, den sie seit länger als zwei Monaten nicht wieder gesehen hatte. Clary hatte sich indessen nicht getäuscht und wiederholte:
»Nein, er ist es. er. Johann!«
Als die Thür sich öffnete, zeigte sich wirklich Johann, und dieser schritt eiligst über die Schwelle.
Fünftes Capitel
Haussuchungen
Kaum hatte die Thür sich geschlossen, als Johann, das Ohr an deren Füllung gelegt, nach außerhalb lauschte. Mit der Hand machte er dabei ein Zeichen, daß seine Mutter und Clary kein Wort sprechen und sich ganz ruhig verhalten möchten.
Und Bridget, welche schon ausrufen wollte: »Warum bist Du zurückgekommen, mein Sohn?« - Bridget schwieg.
Draußen hörte man auf der Straße hin und her gehen. Zwischen einem halben Dutzend von Männern wurden abgebrochene Sätze gewechselt und jene hatten gerade in der Nähe des geschlossenen Hauses Halt gemacht.
»Wohin ist er denn entwichen?
- Hier hat er sich doch nicht verstecken können!
- Er wird sich weiter oben in ein Haus geflüchtet haben.
- Gewiß ist nur das Eine, daß er uns entwischt ist.
- Und er hatte doch kaum hundert Schritte Vorsprung gegen uns.
- Den Teufel auch, Johann ohne Namen verfehlt zu haben!
- Und die sechstausend Piaster, die sein Kopf werth ist!«
Als Bridget die Stimme des Mannes vernahm, der diese letzten Worte ausgesprochen, durchrieselte es sie wie ein kalter Schauer. Es erschien ihr, als erkenne sie die Stimme, und könne sie sich nur nicht genau erinnern.
Johann dagegen hatte dieselbe erkannt und mit ihr den Mann, der ihn so hartnäckig verfolgte. Es war Rip, und wenn er das seiner Mutter nicht sagen wollte, so geschah es, um sie nicht an die schmerzliche Vergangenheit zu mahnen, die sich an diesen Namen knüpfte.
Inzwischen war es wieder still geworden. Die Polizisten hatten ihren Weg fortgesetzt, ohne zu vermuthen, daß Johann sich habe in das geschlossene Haus flüchten können.
Da wendete sich der junge Mann an seine Mutter und Clary, welche im Dunkel der Hausflur standen.
In dem Augenblicke ließ sich auch, ehe Bridget noch eine Frage an ihren Sohn richtete, die Stimme des Herrn de Vaudreuil vernehmen.
Johann, Clary und Bridget mußten sich sofort nach dem Zimmer des Herrn de Vaudreuil begeben, und tief erregt nahmen sie neben seinem Bette Platz.
»Ich habe die Kraft, Alles zu hören, sagte Herr de Vaudreuil, und ich will Alles wissen!
- Sie werden Alles erfahren!« antwortete Johann.
Er lieferte ihnen dann folgenden Bericht, den Clary und Bridget ohne ihn zu unterbrechen anhörten.