Die Familie ohne Namen
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические приключения
Электронная книга - «Die Familie ohne Namen». Краткое содержание книги:
Meister Nick hatte also das einzige Theil erwählt, welches die Umstände ihm aufnöthigten: den Mahogannis nach Walhatta zu folgen und unter dem Dache seiner Ahnen zu warten, bis eine Beruhigung der Gemüther ihm gestattete, seine Rolle als Häuptling eines Indianerstammes aufzugeben und bescheiden in seine Expedition wieder einzuziehen.
Lionel freilich begriff das nicht. Der junge Dichter rechnete sicher darauf, daß der Notar für immer sein amtliches Schild am Markte Bon Secours abreißen und den berühmten Namen der Sagamores bei den Huronen verewigen würde.
Zwei Meilen von der Farm zu Chipogan, im Dorfe Walhatta, hatte sich Meister Nick seit einigen Wochen häuslich eingerichtet. Hier begann ein ganz neues Leben für den Gerichtsschreiber. Wenn Lionel begeistert war von dem Empfang, den die Männer, Greise, Weiber und Kinder seinem Patron zu Theil werden ließen - so ist es nicht genug, das auszusprechen, man mußte es vielmehr selbst sehen.
Das Flintenknattern, das ihn begrüßte, die Ehrenbezeigungen, die man ihm darbrachte, die Freudenrufe, die für ihn ertönten, die feierlichen Reden, die an ihn gerichtet wurden, die Antworten, welche er in der bilderreichen Sprache der Phraseologie des Fernen-Westen ertheilen mußte - alles das war gewiß dazu angethan, der menschlichen Eitelkeit zu schmeicheln. Jedenfalls betrachtete der vortreffliche Mann mit bitterer Empfindung die verzwickte Geschichte, in welche er gegen seinen Willen verwickelt worden war; und wenn auch Lionel dem Dunste der Schreibstube und den staubigen Acten die freie Luft der Prairie beiweitem vorzog, wenn die Redekunst der Mahoganni-Krieger ihm dem Jargon der Rechtsbeflissenen hoch überlegen schien, so theilte Meister Nick diese Anschauungen doch nicht im mindesten.
Das veranlaßte auch zwischen ihm und seinem Schreiber manche Auseinandersetzungen, welche damit endeten, daß Beide auf recht gespanntem Fuße zu einander standen.
Obendrein fürchtete Meister Nick, daß er noch gar nicht am Ende dieser Prüfungen sei. Er sah schon die Huronen sich rüsten, um für die Patrioten mit in den Kampf einzutreten, ohne daß er die Möglichkeit erkannte, sich ihnen zu widersetzen, wenn diese aufbrechen wollten, wenn Johann ohne Namen sie zu Hilfe riefe oder wenn Thomas Harcher und seine Söhne in Walhatta seine Vermittelung in Anspruch nähmen. Schon jetzt schwer compromittirt, wie würde er das erst sein, wenn er an der Spitze einer wilden Völkerschaft gegen die anglo-canadische Regierung ins Feld zog! Wie konnte er dann jemals hoffen, in Montreal seine Thätigkeit als Notar wieder aufnehmen zu dürfen!
Und doch sagte er sich, daß die Zeit am Ende ja Alles ausgleicht. Schon waren mehrere Wochen seit dem Handgemenge zu Chipogan verstrichen, und da sich dieses zu einem einfachen Act des Widerstandes gegen die Polizei reducirte, so ließ man die ganze Sache wahrscheinlich in Vergessenheit gerathen. Uebrigens war die eigentliche aufständische Bewegung noch gar nicht zum Ausbruch gekommen, und nichts wies darauf hin, daß dieser besonders nahe bevorstehe.
Herrschte in Canada fernerhin die gewünschte Ruhe, so würden sich die Behörden jedenfalls tolerant zeigen, und Meister Nick konnte dann ohne Gefahr nach Montreal heimkehren.
Lionel dagegen rechnete stark darauf, daß diese Hoffnung nicht in Erfüllung gehen werde. Er. er wollte seine Beschäftigung in der Expedition nicht wieder aufnehmen und je sechs Stunden von zehn trockene Urkunden abschreiben!. Nein, lieber wollte er Waldläufer oder Bienenjäger werden! Er sollte seinem Brodherrn gestatten, die hohe Stellung, welche jener bei den Mahogannis einnahm, wieder aufzugeben?. Niemals! Für ihn gab es überhaupt keinen Meister Nick mehr; es war nur noch der legitime Abkomme der uralten Rasse der Sagamores! Auch die Huronen würden ihn voraussichtlich nicht wieder die Streitaxt des Krieges mit der Feder des Amtsschreibers vertauschen lassen!
Seit seinem Eintreffen in Walhatta hatte Meister Nick in dem Wigwam wohnen müssen, von dem aus sein Vorgänger dahin gegangen war, um seine Ahnen in den seligen Jagdgründen aufzusuchen. Lionel hätte alle Gebäude Montreals, Hotels und Paläste für diese ungemüthliche Hütte hingegeben, nach der sich freilich junge Männer und junge Frauen drängten, seinen Herrn und Meister zu bedienen. Auch er erhielt einen guten Theil ihrer Ehrenbezeigungen. Die Mahogannis betrachteten ihn ja als die rechte Hand ihres großen Häuptlings. Und wenn dieser nicht umhin konnte, am Berathungsfeuer das Wort zu ergreifen, konnte Lionel sich nicht enthalten, die Reden Nicolas Sagamore's mit den ausdrucksvollsten Gesten zu begleiten.
Es ergibt sich hieraus, daß der junge Schreiber der Glücklichste unter den Sterblichen gewesen wäre, wenn sein Herr und Meister sich nicht hartnäckig geweigert hätte, seinen liebsten Wunsch zu erfüllen. Meister Nick hatte nämlich die Tracht der Mahogannis noch immer nicht angelegt. Lionel wünschte aber nichts sehnlicher, als ihn endlich einmal in Huronenkleidung zu sehen, mit Mocassins an den Füßen, hochaufstrebenden Federn auf dem Kopfe und mit dem gestreiften Mantel um die Schultern. Immer und immer wieder hatte er ihn dazu zu bewegen versucht - stets vergeblich; doch ließ er sich durch die schlechte Aufnahme, welche sein Vorschlag fand, keineswegs abschrecken.
»Er wird schon nachgeben! wiederholte er sich. Ich lasse ihn einmal nicht in der Kleidung eines Notars die Herrschaft führen! Ich bitte einen Menschen, wonach sieht er denn aus in seinem langen Ueberrock, der Sammetweste und der weißen Halsbinde? Noch hat er den alten Adam nicht ausgezogen, doch das wird schon kommen! Wenn er in der Versammlung der Vornehmsten seines Standes den Mund aufthut, fürchte ich immer ihn sagen zu hören: »In Anwesenheit des Meister Nick und seines Amtsbruders.!« Das kann nicht so fortgehen! Ich bestehe darauf, daß er die Tracht der eingebornen Krieger anlegt, und wenn es einer Gelegenheit bedarf, ihn dazu zu bestimmen, so werd' ich eine solche schon herbeizuführen wissen!«
Zu diesem Zwecke kam Lionel denn auch auf einen höchst einfachen Gedanken. Aus seinen gelegentlichen Gesprächen mit den ersten Männern in Walhatta erkannte er, daß diese ihren Häuptling nur mit großem Leidwesen noch nach europäischer Art gekleidet sahen. Auf die Einflüsterungen des jungen Schreibers hin beschlossen die Mahogannis also, eine feierliche Throneinsetzung ihres Häuptlings vorzunehmen, und entwarfen deshalb das Programm zu dieser Festlichkeit, an der auch die benachbarten Stämme theilnehmen sollten. Dazu war ein Feuerwerk, Tänze und Festmahl vorgesehen, wobei doch Meister Nick unmöglich den Vorsitz führen konnte, ohne in der Nationaltracht zu erscheinen.
Dieser Beschluß war in der zweiten Hälfte des Monats November endgiltig gefaßt worden, wobei man die Festlichkeit selbst für den 23. desselben Monats bestimmte, so daß alle Vorbereitungen beschleunigt werden mußten, um dieser den möglichsten Glanz zu verleihen.
Hätte Meister Nick sich am bezeichneten Tage nur darauf zu beschränken gehabt, daß er die Huldigung seines Volkes entgegennahm, so hätte man ihm wohl die ganze Sache verheimlichen und ihn zuletzt damit überraschen können. Da er aber in der Stellung und Kleidung eines Huronenhäuptlings dabei eine thätige Rolle zu spielen hatte, wurde der junge Schreiber beauftragt, ihn von dem Plane zu unterrichten.
Aus diesem Grunde nun hatte Lionel am 22. November mit ihm ein Zwiegespräch, in dem die schwebende Frage zum größten Mißvergnügen Meister Nick's ausführlich behandelt wurde.
Zuerst, als dieser vernahm, daß der Stamm ihm zu Ehren eine Festlichkeit vorhatte, begann er damit, diesen gleich mit seinem Schreiber zum Teufel zu wünschen.