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Leben ohne Ende [Earth Abides - de]

Электронная книга - «Leben ohne Ende [Earth Abides - de]». Краткое содержание книги:

»… und die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wird hiermit ihres Amtes enthoben …«
Dies war die Botschaft, die ein paar Stunden vor dem unabwendbaren Ende die Welt erschütterte.
Die Viruspest raffte neunundneunzig Prozent aller Menschen hinweg. Die wenigen, welche die Weltkatatastrophe und den Zusammenbruch der Zivilisation überlebten, unternahmen den verzweifelten Versuch, zu retten, was zu retten war.
Der vorliegende Roman erschien erstmals 1950 in England. Er wurde vom Science Fiction-Buchclub zum Buch des Jahres erwählt und erhielt kurz darauf den internationalen Fantasy-Preis. Inzwischen wurde der Roman in England viermal neu aufgelegt und in fast alle Weltsprachen übersetzt.
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Ish war froh, daß er seine Frage kurz vor der Mittagsstunde gestellt hatte. Er konnte sich jetzt nicht mehr sammeln, weder zu einer Frage noch zu einer Antwort.

»Schulschluß!« sagte er. Und er dachte: »Schluß mit der Schule.«

6

Es war Spätnachmittag, und Ish unterhielt sich mit Joey. Ish besaß eine kleine Münzsammlung und hielt Joey einen Vortrag über Geschichtliches und die alten Wirtschaftssysteme. Joey mochte die schimmernden, klingenden Nickelstücke mit der Gestalt des seltsamen, buckligen Tieres gern. Wie jeder Junge auch in den Alten Zeiten zog er die Münzen den langweiligen Banknoten vor, auf denen das Bild eines bärtigen Mannes war, der beinahe wie Onkel George aussah. Ish versuchte, ihm zu erklären, was es damit auf sich hatte.

Gerade als er meinte, nun habe er den richtigen Ausgangspunkt gefunden, hörte er einen sonderbaren und dennoch von alters her vertrauten Laut. Er hob den Kopf und lauschte angespannt. Da war es wieder, und diesmal näher: das »Tut-ä-tut-tut« einer Autohupe!

»Hallo, Em!« rief er. »Sie sind wieder da!« Er sprang auf; die Banknoten entglitten seiner Hand und fielen zu Boden.

Er und Em und die Kinder stürzten hinaus, und dort herrschte ein allgemeines Gerenne und Gejappe und Gebell von Hunden, und der Jeep kam die Straße herab. Er war schmutzig, von der Reise mitgenommen und eingebeult; aber er hatte durchgehalten. Ish war aufs höchste gespannt. Dann kletterten die Jungs unter lauten Rufen heraus — augenscheinlich waren sie gesund und munter. Die Erleichterung, die er plötzlich empfand, zeigte ihm, wie sehr er sich im Grunde um sie gesorgt hatte.

Da standen nun die Jungs, umgeben von einer Schar schreiender und rufender Kinder. Beinahe schüchtern hielt Ish sich zurück. Dann gewahrte er, daß sich da noch etwas bewegte. Es mußte noch jemand in dem Jeep sitzen. Ja, jetzt schickte der Betreffende sich zum Aussteigen an. Ish überkam ein heftiges Gefühl der Beunruhigung, der Verstimmung gegenüber dem Ankömmling.

Zunächst, als der Kopf über der niedrigen Tür erschien, sah Ish einen ziemlich kahlen Schädel und einen braunen Bart, den man als hübsch hätte bezeichnen können, wenn er nicht tabakfleckig gewesen wäre und schmutzig angemutet hätte; dort, wo er am Rande mit der Schere bearbeitet worden war, wirkte er struppig. Der Mann stieg aus und richtete sich langsam auf.

Ish musterte ihn, beinahe entsetzt. Ein stämmiger Kerl, groß, breit, schwer. Er sah aus, als sei er sehr stark, und doch hatte die Bewegung, mit der er sich aufrichtete, nicht von Kraft gezeugt. Ja, er wirkte mächtig, aber in seinem Innern schien etwas nicht in Ordnung zu sein, und er war zu dick!

Die Kinder sprangen umher, und in ihrer Mitte stand der Mann, so wie er aus dem Wagen gestiegen war. Er blickte auf und sah Ish, und ihrer beider Blicke trafen einander. Des Mannes kleine, fettverhüllte Augen waren hellblau. Er lächelte Ish zu.

Ish lächelte ebenfalls, obwohl er seine Mundwinkel durch einen bewußten Willensakt dazu zwingen mußte. »Ich hätte als erster lächeln müssen«, dachte er. »Er hat mich dazu veranlaßt. Ich hätte ihn dazu veranlassen müssen. Er besitzt Macht, trotz seines weichlichen und ungesunden Aussehens.«

Ish brach den Bann, indem er auf Bob zutrat und nach dessen Hand griff. Aber selbst dabei dachte er immerfort an den Ankömmling. »Ungefähr meines Alters«, dachte er.

Nun vollzog Bob die Vorstellung. »Das ist unser Freund Charlie!« sagte er einfach und klapste Charlie auf den Rücken.

»Freut mich, freut mich«, brachte Ish hervor, aber selbst diesen nichtigen, altgewohnten Worten konnte er keinen natürlichen Tonfall geben. Er blickte fest in die blauen Schlitzaugen, und in der Gespanntheit seines Blickes lag wohl bewußtes Mißtrauen.

Inzwischen hatte Bob Charlie beiseite gezogen und stellte ihn den andern vor. Ish fühlte, wie sein Widerwille wuchs, statt abzunehmen. »Vorsicht!« dachte er.

Er hatte sich die Rückkehr als eine Wiedervereinigung ohne störende Elemente ausgemalt. Und nun war dieser Charlie da!

Sicherlich, er schien ein guter Kamerad zu sein. Aber — ja, das war es — Charlie war schmutzig. Charlie war schmutzig, und zwar von innen her.

Schmutz, der allgegenwärtige Schmutz der Erde, war etwas, worüber Ish sich so wenig aufregte wie alle übrigen Menschen damals. Aber der Eindruck des Schmutzigen, der von Charlie ausging, war etwas durchaus anderes. Vielleicht, so analysierte er rasch, lag es an den Kleidern. Charlie trug nämlich etwas, das während der letzten Jahre zu einer Seltenheit geworden war: einen Straßenanzug. Er trug sogar eine Weste.

Unvermittelt wandten sich alle dem Haus zu, und Ish ging mit ihnen; aber nicht an der Spitze. Das Wohnzimmer war voll. Die beiden Jungs und Charlie bildeten den Mittelpunkt. Die Kinder schauten voller Bewunderung auf die Jungs, die von einer Forschungsreise zurückgekehrten Entdecker, und genauso bewundernd und staunend sahen sie Charlie an, weil sie es nicht gewohnt waren, einen Fremden zu Gesicht zu bekommen. Es war eine der tollsten Sensationen, die man sich hätte ausmalen können.

»Habt ihr es geschafft?« fragten alle durcheinander. »Wie weit seid ihr gekommen? Was ist in der großen Stadt los — wie hieß sie doch gleich?«

In der allgemeinen Aufregung sah Ish lange auf den fettigen Bart und den fleckigen Rock, und seine Abneigung gegen Charlie wurde noch heftiger.

»Nimm dich zusammen!« dachte er. »Du bist ein Provinzler und empfindest Widerwillen gegen jeden anderen, der vielleicht andere Gewohnheiten und Anschauungen hegt. Du hast stets gesagt, die Gemeinschaft bedürfe der Anregung durch neue Gedanken, und wenn nun jemand aus der Fremde kommt, so starrst du ihn voller Widerwillen an und konstruierst dir Vernunftgründe, indem du dir sagst: Er ist außen schmutzig, und so muß auch in seinen Innern irgendwelcher Schmutz sein. Gib es auf — dies ist ein großer Tag!« Dennoch verkehrten alle seine Erwägungen, daß es ein großer Tag sei, sich in ihr Gegenteil.

»Nein«, sagte Bob. »Bis New York sind wir nicht gekommen. Aber bis zu der anderen großen Stadt — bis Chicago. Aber dann wurden die Straßen immer schlechter und schlechter; es waren Bäume darauf gewachsen, und überall lagen umgefallene Bäume, und viele Straßen waren unterspült, und die Brücken waren kaputt. Da mußten wir fortwährend andere Wege einschlagen und sehen, daß wir …«

Jemand fuhr mit einer anderen Frage dazwischen, noch ehe Bob mit seiner Antwort zu Ende gekommen war. Ein halbes Dutzend Fragen wurden gestellt, und eine hob die andere auf. In dem Durcheinander suchte Ish Ezras Augen. Er meinte in Ezras Blick Alarmierendes zu sehen, und nun wußte er, daß auch Ezra Charlie beobachtete.

Sogleich fühlte Ish sich bestärkt und gerechtfertigt. Ezra war Menschenkenner und Menschenfreund. Wenn Ezra über Charlie so schnell beunruhigt war, dann mußte man auf der Hut sein. In dergleichen Fällen hatte Ish mehr Vertrauen zu Ezra als zu sich selbst.

»Laß gut sein«, dachte er weiter. »Im Grunde weißt du noch gar nicht, was Ezra tatsächlich denkt. Vielleicht ist er beunruhigt, weil er wittert, was du denkst. Und was denke ich denn? Vielleicht bin ich nur aus der Fassung gebracht, weil ich so etwas wie der Häuptling eines kleinen Stammes bin und befürchte, daß der schreckliche Fremde mit seinen neuen Gedanken und seinen neuen Göttern gegen die meinen ficht.«

Er wandte sich wieder dem zu, was gesprochen wurde. »… hatten komische Kleider an«, hörte er Dicks Stimme sagen. »Sie haben mit Steinen nach uns geworfen. Sie haben geschrien: ›Unrein! Unrein!‹ Dann haben sie immerzu geschrien: ›Wir sind Gottes Volk!‹ Sie haben uns weggejagt.«

Dann sprach Em. Der volle Klang ihrer Stimme, die zugleich tief und weiblich war, durchdrang die hellen, beinahe fiependen und bellenden Laute der aufgeregten kleinen Schar.

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