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Leben ohne Ende [Earth Abides - de]

Электронная книга - «Leben ohne Ende [Earth Abides - de]». Краткое содержание книги:

»… und die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wird hiermit ihres Amtes enthoben …«
Dies war die Botschaft, die ein paar Stunden vor dem unabwendbaren Ende die Welt erschütterte.
Die Viruspest raffte neunundneunzig Prozent aller Menschen hinweg. Die wenigen, welche die Weltkatatastrophe und den Zusammenbruch der Zivilisation überlebten, unternahmen den verzweifelten Versuch, zu retten, was zu retten war.
Der vorliegende Roman erschien erstmals 1950 in England. Er wurde vom Science Fiction-Buchclub zum Buch des Jahres erwählt und erhielt kurz darauf den internationalen Fantasy-Preis. Inzwischen wurde der Roman in England viermal neu aufgelegt und in fast alle Weltsprachen übersetzt.
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Einmal, noch nicht eine Woche nach dem Zwischenfall mit dem Hammer, hatten sie ihm einen Reißnagel auf den Stuhl gelegt, obwohl das einer der ältesten aller Streiche war, die man einem Lehrer spielte. Und einmal, als sie den Unterrichtsraum unter großem unterdrücktem Gekicher verlassen hatten, merkte Ish, daß irgendeiner ihm einen anderen, nicht minder alten Streich gespielt hatte: es war ihm ein Stoffstreifen an den Rücken gesteckt worden, so daß er hinten niederbaumelte wie ein weißer Schwanz.

Solcherlei Streiche nahm Ish wohlgelaunt hin; er versuchte nicht einmal, herauszubekommen, welches der Kinder es getan hatte, und Strafen gab es nicht. In mancher Beziehung machten die Streiche ihm Spaß; denn sie zeigten ihm, daß die Kinder ihn für ihresgleichen nahmen. Doch ein bißchen Kummer bereiteten die Streiche ihm dennoch. Er war nicht unempfänglich für das Schmeichelhafte, das in dem Glauben lag, daß er ein Volksheld oder Halbgott sei. Behandelte man so einen Halbgott, daß man ihm Reißnägel auf den Stuhl legte oder ihm hinten einen Schwanz anheftete? Aber als er länger darüber nachdachte, kam er zu der Überzeugung, daß die beiden Haltungen ihm gegenüber nicht unvereinbar seien und daß es im Grunde auch früher schon so gewesen sei.

Es ist etwas Sonderbares, ein Gott zu sein! Sie führen den gemästeten Ochsen mit den vergoldeten Hörnern herbei und schlagen ihn an Deinem Altar mit der Doppelaxt nieder. Du bist stolz auf das Opfer. Aber dann nehmen sie Kopf und Hörner und Schwanz und Haut, und in die Haut wickeln sie die Eingeweide. All dieses überflüssige Zeug verbrennen sie vor Deinem Altar, und dann gehen sie und verzehren selber die fetten Lendenstücke! Du durchschaust den Betrug, und es überkommt Dich Götterzorn. Du packst den Donnerkeil, und Deine schwarzen Wolken ziehen sich zusammen. Ach was, denkst Du dann; es sind ja meine Menschen! Dieses Jahr sind sie dick und hochmütig und unverschämt — aber wer möchte denn gern, daß sein Volk schäbig und kriecherisch wäre! Nächstes Jahr, wenn die Pest ausgebrochen ist, werden sie schon den ganzen Ochsen verbrennen — nein, viele Ochsen! So gehst Du mit ein bißchen Donnergepolter darüber hinweg, das im fröhlichen Durcheinander des Festes beinahe unbemerkt bleibt. »Ich bin gar nicht blöd«, sagst Du zum »Sohn«; »aber dann und wann muß ein Gott eben tun als sei er blöd!« Dann fragst Du Dich, ob Du ihn an einem der Geheimnisse der Göttlichkeit teilhaben lassen oder ob Du lieber nach einem geeigneten Berge Ausschau halten solltest, den Du über ihn türmen könntest. Er beschäftigt sich nämlich neuerdings ein bißchen zu geschickt mit einer Sichel …

Selbst wenn man Dir, dem Schreckenerreger, mit Menschenopfern kommt, mußt Du ein Auge zudrücken. Ach das ist von großartiger Scheußlichkeit! Das Stöhnen des Opfers, das Gekreisch seines Weibes, das Niedersausen der Äxte der Schlächter! Da liegt das Opfer, der Inbegriff eines ekelhaften Todes! Doch bald, im Durcheinander des Tanzes, steht das Opfer plötzlich auf und tanzt mit den anderen, und der rote Maulbeersaft mischt sich mit seinem Schweiß und verschwindet. Dann mußt Du, der Schreckenerreger, ein weiser Gott sein und Dich mit dem Gräßlichen des geschauspielerten Todes begnügen, obwohl jedes Kind im Dorf weiß, daß Du hinters Licht geführt werden solltest …

»Nein, man braucht sich nicht niederzuwerfen und das Gesicht in den Staub zu drücken. Neigt nur ganz leicht den Kopf, wenn ihr hereinkommt.«

Doch obwohl er halb und halb vor der Probe Scheu empfand, konnte Ish schließlich nicht mehr dem Verlangen widerstehen, einen Versuch zu wagen. Vielleicht war der Zwischenfall mit dem Hammer im Grunde ohne tiefere Bedeutung gewesen. Ish war neugierig.

Sorgsam wählte er den rechten Augenblick — den späten Morgen, kurz vor Unterrichtsschluß. Er hielt sich selbst eine Möglichkeit zum Rückzug offen, falls die Sache zu bedenklich werden sollte. Da er der Lehrer war, bestand keinerlei Schwierigkeit, die Kinder zu dem Punkte zu leiten, wo er gleichsam beiläufig seine Frage stellen konnte.

»Wie kam es eurer Meinung nach, daß alles, was ihr um euch seht …«, er vollführte eine ausladende Geste mit den Händen, »wie kam es, daß die Welt überhaupt geschaffen werden konnte?«

Die Antwort kam rasch. Der Sprecher war Weston, obgleich jedes der Kinder hätte antworten können:

»Ja, die Amerikaner haben das alles geschaffen!«

Ish hielt den Atem an. Jetzt, in diesem Augenblick erkannte er, in welchem Maße die Idee erstarkt war. Wenn ein Kind fragte, wer die Häuser oder die Straßen oder die Dosen und Büchsen und Flaschen mit Lebensmitteln gemacht habe, so sagten die älteren selbstverständlich: »Die Amerikaner!«

Ish ließ eine weitere Frage folgen.

»Und die Amerikaner — wer waren die?«

»Oh, die Amerikaner, das waren die, die früher gelebt haben.«

Diesmal erschien es Ish ein wenig schwieriger, sogleich den Anschluß zu finden. In dem Ausdruck: »Die, die früher gelebt haben«, spürte er nicht nur einen Hinweis auf die Alten Zeiten, sondern eine Andeutung dessen, was beinahe schon Aberglauben war. »Die, die früher gelebt haben« — das hatte vormals als eine Bezeichnung für Feen- und Elfenwesen gegolten, für Wesen aus einer jenseitigen Welt. Diese Bedeutung schien der Ausdruck jetzt wiedergewonnen zu haben. Hier war etwas, dem er entgegentreten mußte.

»Ich war …« Er begann ganz schlicht. Er hielt inne; er verbesserte sich, da er nicht einsah, weshalb er sich der Vergangenheitsform bedienen sollte.

»Ich bin ein Amerikaner.«

Als er diese einfachen Worte sprach, überkam ihn ein seltsames Gefühl des Stolzes, als flatterten Fahnen, als spielten Musikkapellen. In den Alten Zeiten hatte es schon einiges bedeutet, Amerikaner zu sein. Man war sich bis zur letzten Faser bewußt gewesen, daß man einer großen Nation angehörte. Das hatte nicht nur mit Stolz erfüllt, sondern zugleich mit einem tiefen Gefühl des Vertrauens und der Lebenssicherheit, der Kameradschaft von Millionen. Jetzt aber hatte er gezögert, sich der Gegenwartsform zu bedienen.

Während seines kurzen, zögernden Schweigens hatten die Kinder ihn angeschaut, und er hatte unvermittelt die Empfindung gehabt, es habe seiner Erklärung an Überzeugungskraft gefehlt. Er hatte lediglich zu erklären versucht, daß an jenen Wesen, »die früher gelebt hatten« und die Amerikaner gewesen waren, nichts Übernatürliches gewesen sei. Er hatte lediglich zu sagen versucht: »Schaut mich an, ich bin Ish, der Vater von einigen unter euch, und von einem der Großvater. Ich habe mit euch auf dem Fußboden herumgetobt Ihr habt mir das Haar zerzaust. Ja, ich bin nur Ish. Und wenn ich nun sage: ›Ich bin ein Amerikaner‹, so meine ich damit, daß an den Amerikanern nichts Übernatürliches ist. Auch sie waren nur Menschen.«

Das, so hatte er gemeint, würden sie aus seinen Worten heraushören; aber es war etwas anderes geschehen. Als er gesagt hatte: »Ich bin ein Amerikaner«, da hatten sie innerlich genickt und sich gedacht: »Ja, natürlich, du bist ein Amerikaner. Du verfügst über viele sonderbare Kenntnisse, die wir gewöhnlichen Leute nicht haben. Du lehrst uns Lesen und Schreiben. Du erzählst uns Geschichten über die Welt, die um uns ist. Du redest über Zahlen. Du trägst den Hammer. Ja, es ist klar, daß Menschen wie du die ganze Welt geschaffen haben, und du bist ganz einfach einer, der von den Alten Zeiten her übriggeblieben ist. Du bist einer von denen, die früher gelebt haben. Ja, natürlich, du, du bist ein Amerikaner!«

Als er, schier betroffen ob dieses neuen Gedankens, umherschaute, herrschte tiefes Schweigen, und er sah, daß Joey ihm zulächelte. Es war ein wissendes Lächeln, als wolle Joey sagen: »Uns beiden ist etwas gemeinsam. Ich bin wie einer von denen, die früher gelebt haben; auch ich bin einer von denen, die übriggeblieben sind. Ich kann lesen; ich verstehe und durchschaue vielerlei Dinge. Ohne daß mir etwas geschieht, trage ich den Hammer.«

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