Leben ohne Ende [Earth Abides - de]
- Автор: Стюарт Джордж
- Год: 1966
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne Verlag
- Переводчик: Ernst Sander
- Жанр: Пост-апокалипсис
Электронная книга - «Leben ohne Ende [Earth Abides - de]». Краткое содержание книги:
Dies war die Botschaft, die ein paar Stunden vor dem unabwendbaren Ende die Welt erschütterte.
Die Viruspest raffte neunundneunzig Prozent aller Menschen hinweg. Die wenigen, welche die Weltkatatastrophe und den Zusammenbruch der Zivilisation überlebten, unternahmen den verzweifelten Versuch, zu retten, was zu retten war.
Der vorliegende Roman erschien erstmals 1950 in England. Er wurde vom Science Fiction-Buchclub zum Buch des Jahres erwählt und erhielt kurz darauf den internationalen Fantasy-Preis. Inzwischen wurde der Roman in England viermal neu aufgelegt und in fast alle Weltsprachen übersetzt.
Immerhin war Joey richtiggehend betrunken und erhob keinerlei Einwand, als er unverzüglich ins Bett gesteckt wurde. Ish nahm die Gelegenheit wahr, sich zu ihm an die Bettkante zu setzen und ihm eine Vorlesung über allzuweit vorgetriebene, allzu bedenkenlose Versuche zu halten, zumal wenn es darum ging, sich vor andern aufzuspielen. Er schaute nieder auf das schmale, großäugige Gesicht in den Kissen. Die Augen schauten klug drein, trotz der Bezechtheit, und er wußte, daß Joey ihn verstand. Es war auch Sympathie in den Augen, als sagten sie wieder zu Ish: »Wir verstehen einander. Wir beide kennen uns aus. Wir sind nicht wie die anderen.«
In jäh aufwallender tiefer Zuneigung für seinen jüngsten Sohn beugte Ish sich nieder und nahm eine der kleinen Hände in die seine. Er sah, wie ein Antwortblick der Zuneigung in die großen Augen stieg, und plötzlich wußte Ish, daß jenseits aller jungenhaften Großtuerei Joey im Grunde ein zartes, scheues, sensitives Kind war, gerade wie er selbst es früher gewesen war. Joeys Angebertum war nur der Ausdruck der auf einen Abweg geratenen Ängstlichkeit.
»Joey, Junge«, sagte er leidenschaftlich, »warum überanstrengst du dich immerfort? Weston und Walt — die sind doch zwei Jahre älter als du! Warum machst du dir die Sache nicht ein bißchen leichter? In zehn Jahren — in zwanzig Jahren — bist du ja doch über alles hinaus, was sie unternehmen können!«
Er sah, wie der Junge leise und glücklich lächelte. Doch Ish wußte, daß dieses Glück einzig der neu entdeckten Sympathie mit dem Vater entsprang, nicht aber der Wirkung seiner Worte.
Wieder schaute Ish in das kleine Gesicht, und er sah, wie die Augen sich vor Trunkenheit und Müdigkeit nach den Seiten hin verdrehten, so daß das eine in eine andere Richtung als das andere blickte.
Ish spürte, wie die Liebe zu seinem Sohn stärker denn je in ihm aufwallte. »Dieser eine, dieser eine«, dachte er, »der ist der Gesegnete! Dieser eine wird alles fortsetzen!«
Er sah die Augen matt werden, sah die Lider sich senken, und so sagte er nichts mehr, sondern saß ruhig am Bett und hielt die Hand in der seinen. Und vielleicht weil der Schlaf dem Tode so sehr ähnelt, stieg eine grausige Angst in ihm auf. »Man müßte dem Glück ein Pfand darbringen!« dachte er. Wenn jemand sehr liebt, ist er wehrlos. Er selbst hatte Glück gehabt. Er hatte Em sehr geliebt, und jetzt liebte er Joey ebensosehr. Mit Em war alles gut und glücklich gewesen, und es war unmöglich, Em in Verbindung mit Gedanken an den Tod zu bringen. Sie war die Stärkere. Mit Joey war das anders. Als er des Kindes Hand hielt, konnte er das schwache Pochen des Pulses im Handgelenk spüren; er schien ganz dicht unter der Haut zu pochen. Schon eine leichte Schramme würde gefährlich sein. Welche Chancen boten sich einem kleinen Jungen, der körperlich alles andere als stark war und der von einem allzu mächtigen Geiste vorwärtsgetrieben wurde?
Ja, dieser eine wäre wohl imstande, die gesamte Zukunft zu formen. Er mußte noch zunehmen an Leib und Geist; er mußte mit den Jahren Weisheit gewinnen; er mußte leben.
Zwischen Planen und Vollenden waltet immer der Zufall. Der Herzschlag wird unregelmäßig, ein Messer blitzt, ein Pferd strauchelt, der Krebs wächst, winzige Feinde dringen ein …
Dann sitzen sie beim Feuer am Höhleneingang und sagen: »Was sollen wir tun? Jetzt ist er nicht mehr bei uns, uns zu führen!« Oder es läutet die große Glocke, sie versammeln sich auf dem Hofe und sagen: »Das hätte nicht geschehen dürfen! Wer gibt uns jetzt guten Rat?« Oder sie treffen einander an den Straßenecken und sagen traurig: »Warum mußte es diesen Verlauf nehmen? Nun ist niemand da, der an seine Stelle treten könnte!«
Durch die ganze Weltgeschichte tönt eine Klage: »Wenn der junge König nicht erkrankt wäre … Wenn der Prinz am Leben geblieben wäre … Wenn der General sich nicht so rücksichtslos dem Feuer ausgesetzt hätte … Wenn der Präsident sich nicht überarbeitet hätte …«
Zwischen Planen und Vollenden stehen Not und Gefahr des Menschenlebens.
Abermals wurden die Nebel dünner, und dann kamen die ersten heißen Tage. »Nun habe ich es noch einmal gesehen«, dachte Ish, »das große Schauspiel des Jahres! Nun ist die Zeit der Dürre und des Todes. Nun liegt der Gott im Sterben! Bald kommt die Regenzeit, und dann ergrünen die Hügel. Eines Morgens halte ich Ausschau nach Westen, hier von meiner Haustür aus, und sehe die Sonne weit im Süden untergehen. Dann versammeln wir uns, und ich meißele die Jahreszahl in den Fels ein. Ich frage mich, wie wir dieses Jahr benennen werden!«
Jetzt aber war es an der Zeit, der Rückkehr Dicks und Bobs von ihrer Forschungsreise mit dem Jeep entgegenzusehen. Noch immer haderte Ish mit sich selbst und hatte ein Schuldgefühl, daß er den Jungs die Reise erlaubt hatte; doch nun waren sie schon so lange unterwegs, daß er sich einigermaßen an den Gedanken gewöhnt hatte, daß er ihn nicht mehr so sehr quälte wie früher. Und überdies grübelte er über anderes nach und empfand ein anderes Schuldgefühl, das jenes in den Hintergrund drängte.
Die Kinder! Ihr Aberglauben und ihre religiösen Vorstellungen! Er hatte gemeint, es ließe sich unschwer dagegen angehen; er hatte gesagt, am nächsten Tage wolle er etwas unternehmen. Doch den ganzen Sommer hindurch war er müßig gewesen.
War es wirklich so, daß ihn gar nicht verlangte, etwas zu tun?
Wünschte er, daß die Kinder tatsächlich meinten, Joey sei im Besitz einer besonderen Macht? Wünschte er in seinen Tiefen, daß die Kinder ihn, Ish, für einen Gott hielten? Nicht jeden Tag und nicht jedes Jahr hatte wohl ein Mensch Grund, mit dem berauschenden, vergiftenden Gedanken zu spielen, er werde ein Gott. Ach, sagen wir wenigstens: ein Halbgott, ein Wesen, dem bis zu einem gewissen Grade besondere Macht innewohnte!
Seit dem Zwischenfall mit dem Hammer hatte er neugierig die Haltung und Einstellung der Kinder ihm gegenüber beobachtet. Sie war wechselnd und unbestimmt. Bisweilen nahm er bei ihnen Furcht und Schrecken wahr, wie am Tage des Zwischenfalls mit dem Hammer. Gleich Joey, aber in noch stärkerem Maße, wirkte in ihm und aus ihm »Mana«. Er konnte seltsame Dinge tun. Er wußte um die Bedeutung schwieriger Wörter. Er kannte sich in den seltsamen Verbindungen der Zahlen aus. Auf Grund einer befremdlichen Macht wußte er, was die Welt war und wie sie war, auch jenseits des Horizonts, weit über das Goldene Tor hinaus.
Die Kinder, so begann er jetzt zu meinen, waren nicht nur Kinder, sondern auf eine Art unkompliziert und unerfahren, wie Kinder der Alten Zeit es nur selten gewesen waren. Keins von ihnen hatte mehr als ein paar Dutzend Menschen zu Gesicht bekommen. Obwohl sie, wie er glaubte, glücklich dahinlebten, waren sie glücklich durch nur wenige simple, sie befriedigende Erfahrungen und Erlebnisse, die sich immerfort wiederholten. Sie hatten niemals den beständigen Schock des Wechsels, der steten Veränderung erlitten, der den Kindern der Alten Zeiten so viel zu schaffen gemacht hatte, im Guten wie im Bösen — der sie einerseits nervös, andererseits behend und wendig gemacht hatte.
Dermaßen unkomplizierte Kinder konnten leicht dahin gelangen, daß sie eine gewisse Furcht vor ihm empfanden und meinten, er sei mit Kräften begabt, die sich von den ihrigen unterschieden, und die vielleicht nicht völlig irdisch waren. Bisweilen hatte er diese Empfindung und erhielt selbst untrügliche Beweise für ihre Berechtigung.
Zu anderen Zeiten dagegen, und im Grunde zumeist, war er lediglich ihr Vater oder Großvater, oder Onkel Ish — jemand, den sie von je gekannt und mit dem sie als kleine Kinder auf dem Fußboden herumgetobt hatten. Vor solch einem Menschen hatten sie nicht mehr Respekt, als Kinder ihn eben haben. Schließlich bekundeten die älteren ja schon die für Heranwachsende typischen Gefühle, daß der alternde Mann Fehler über Fehler mache und völlig vergreist und verstumpft sei. Vielleicht hatten sie Angst vor ihm; aber Streiche spielten sie ihm dennoch.