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Leben ohne Ende [Earth Abides - de]

Электронная книга - «Leben ohne Ende [Earth Abides - de]». Краткое содержание книги:

»… und die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika wird hiermit ihres Amtes enthoben …«
Dies war die Botschaft, die ein paar Stunden vor dem unabwendbaren Ende die Welt erschütterte.
Die Viruspest raffte neunundneunzig Prozent aller Menschen hinweg. Die wenigen, welche die Weltkatatastrophe und den Zusammenbruch der Zivilisation überlebten, unternahmen den verzweifelten Versuch, zu retten, was zu retten war.
Der vorliegende Roman erschien erstmals 1950 in England. Er wurde vom Science Fiction-Buchclub zum Buch des Jahres erwählt und erhielt kurz darauf den internationalen Fantasy-Preis. Inzwischen wurde der Roman in England viermal neu aufgelegt und in fast alle Weltsprachen übersetzt.
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Trotz unaufhörlicher entmutigender Enttäuschungen fuhr Ish mit seinen Versuchen fort und ergriff sogleich jede Gelegenheit, die die Kinder ihm von sich aus darzubieten schienen.

Eines Nachmittags hatten die älteren Jungs einen ausgedehnteren Forschungsgang als gewöhnlich unternommen und brachten ein paar Walnüsse mit zur Schule. Sie hatten solche Nüsse bislang nie gesehen und waren neugierig. Ish beschloß sogleich, ein paar Nüsse aufzuknacken, um auf diese Weise etwas Biologie treiben zu können. Er wollte die Neugier der Kinder ausnützen und einen Weg einschlagen, den sie selbst ihm gewiesen hatten.

Er schickte Walt hinaus, damit er zwei Steine holte, um die harten Schalen aufzuknacken. Walt kam mit zwei halben Ziegeln wieder — Ziegel und Steine: das war in seinem Wortschatz das gleiche.

Ish ging darüber hinweg, erkannte aber, daß beim Nüsseknacken mit einem Ziegelstein eher ein zerquetschter Finger als eine geknackte Nuß herauskommen würde. Er hielt Umschau nach etwas Besserem und erblickte seinen Hammer, der wie gewöhnlich auf dem Kaminsims stand.

»Bring mir mal den Hammer, Chris!« sagte er und wies auf den nächstsitzenden kleinen Jungen.

Gewöhnlich war Chris nur zu froh, wenn er aufspringen und sich betätigen konnte. Jetzt indessen geschah etwas Seltsames. Chris schaute hierhin und dorthin, von Walt zu Weston, die neben ihm saßen. Er sah verlegen oder ängstlich aus.

»Bring mir den Hammer, Chris!« wiederholte Ish, der Meinung, Chris habe geträumt und nur seinen Namen gehört, nicht aber die vorhergehenden Worte.

»Ich — ich will das nicht!« sagte Chris zögernd. Chris war acht Jahre alt und neigte durchaus nicht zum Heulen, und dennoch merkte Ish, daß dem Jungen aus irgendeinem Grunde beinahe die Tränen kamen. Er ließ Chris in Ruhe. »Bringt mir den Hammer, einer von euch andern«, sagte er. Weston sah Walt an, und Barbara und Betty, die Schwestern, sahen einander ebenfalls an. Jene vier waren die ältesten. Alle vier schauten nach vorn und rückwärts, machten aber keine Miene, aufzustehen. Die Kleinen mucksten sich natürlich nicht. Aber Ish konnte sehen, wie alle Kinder einander hastige Blicke zuwarfen.

Obwohl Ish recht betroffen war, wollte er der Sache nicht auf den Grund gehen, und er schickte sich gerade an, selbst den Hammer zu holen, als etwas noch Seltsameres geschah.

Joey stand auf. Er ging zum Kamin hinüber. Die Augen aller Kinder folgten ihm. Ish merkte, daß im Zimmer Totenstille herrschte. Joey stand vor dem Kamin. Er streckte die Hand aus und ergriff den Hammer. Eins der kleineren Mädchen stieß einen sonderbaren, leisen Schrei aus. In dem beschwichtigenden Getuschel, das folgte, trat Joey den Rückweg an und gab Ish den Hammer. Dann ging er wieder auf seinen Platz.

Alle waren still und blickten auf Joey. Joey setzte sich, und Ish brach das Schweigen, indem er eine Nuß mit dem Hammer zerschlug. Bei dem Geräusch wich der Bann, worauf auch immer er beruht haben mochte.

Erst als es Mittag geworden war und Ish seine Schüler entlassen hatte, fand er Zeit, über das Geschehnis nachzudenken, und er kam, wobei er stutzig wurde, zu dem Schluß, daß es sich um einen Fall unverfälschten Aberglaubens handelte. Der Hammer — alle Kinder brachten ihn in Zusammenhang mit etwas Sonderbarem und Mythischem, das der Vergangenheit angehörte. Im allgemeinen rührte niemand außer Ish den Hammer an. Selbst Bob, wie Ish sich jetzt erinnerte, hatte ihn nur zögernd in die Hand genommen, damals, als sie mit den Hundegespannen fortgefahren waren. Für die Kinder war er ein Machtinstrument, das anzurühren für jedermann gefährlich war. Ish wurde klar, in welchem Maße eine Vorstellung, die anfangs halb Ernst, halb Spiel war, im Verlauf weniger Jahre zu vollem Ernst wurde. Und was Joey betraf, so stellte Ish abends fest, daß Joey der einzige war, der sich von der Masse abhob. Vielleicht hatte Joey sich nicht einmal bewußt klargemacht, Ishs Hammer sei wie jeder beliebige Hammer. Vielleicht stand sein eigener Aberglaube lediglich auf höherer Ebene. Es würde nicht eben schwierig sein, so meinte Ish, dieses Aberglaubens Herr zu werden.

Doch noch am gleichen Nachmittag stiegen in ihm Zweifel auf. Gegenüber dem Hause waren auf dem Bürgersteig ein paar Kinder beim Spiel. Sie hüpften von einer Steinplatte zur anderen und grölten dabei den alten Reim:

»Trittst du auf den Strich, Bricht Mutter sich's Genick!«

Ish hatte in den Alten Zeiten die Kinder oftmals diesen Reim singen hören. Damals hatte er nichts bedeutet und war lediglich eine kindische Reimerei gewesen. Wenn die Kinder älter wurden, verstanden sie, daß so etwas nichts als kindisch sei. Wie aber sollte man jetzt den Kindern beibringen, bei solcherlei Dingen handele es sich bloß um Aberglauben? Hier war eine Gesellschaft ohne jede eigene Überlieferung, die sich aber auch nicht durch Lektüre mit der alten Überlieferung befaßte.

Er saß in seinem bequemen Sessel im Wohnzimmer und hörte die Kinder draußen spielen und ihren Reim singen. Als der Rauch seiner Zigarette sich emporkringelte, erinnerte er sich weiterer beunruhigender Zeichen von Aberglauben. Ezra trug seinen Glücksheller bei sich, das alte Pennystück aus Victorianischer Zeit, und sicherlich hielten die Kinder die Münze für etwas Ähnliches wie den Hammer. Molly klopfte aus tiefster Überzeugung mit dem Knöchel an Holz; Ish ärgerte sich ein bißchen, als ihm beim Nachdenken darüber einfiel, daß auch die Kinder an Holz klopften. Ob sie wohl je lernten, daß dem keinerlei Bedeutung innewohnte?

Zögernd bekannte er sich zu dem Schluß, daß von außerordentlicher Wichtigkeit sei, was die Kinder glaubten. In den Alten Zeiten war solch ein Aberglauben, dem die Kinder einer Familie oder einer kleinen Gruppe von Familien anhingen, etwas Flüchtiges und Vorübergehendes; denn wenn sie heranwuchsen, kamen die Kinder in Berührung mit anderem Glauben oder Aberglauben und konnten den ihrigen berichtigen und abstimmen. Überdies hatte damals ein großes, ein übermächtiges Maß an Überlieferung gewaltet — die Überlieferung des Christentums, oder der westlichen Zivilisation, oder des indo-europäischen Brauchtums, oder der anglo-amerikanischen Kultur. Man mochte es benennen, wie man wollte: es war so mächtig gewesen, daß man es getrost als allgewaltig bezeichnen konnte, und es hatte das Gute und das Böse im Menschen absorbiert.

Diese kleine Gemeinschaft hier hatte aber sehr viel von der Überlieferung eingebüßt. Zum Teil war sie verlorengegangen, weil nur sieben Überlebende (Evie zählte nicht) sie hätten bewahren und weiterleiten können. Zum Teil war sie verlorengegangen, weil lange Zeit hindurch die Überlieferung nicht von den großen Kindern an kleine hatte weitergereicht werden können. Die ältesten der jüngeren Generation hatten ihre Spiele von den Eltern gelernt, nicht von älteren Kameraden. Daher mußte die Gemeinschaft in einem nie dagewesenen Grade bildsam sein. Das bot eine Möglichkeit und zugleich eine Verantwortung — und eine Gefahr.

Es würde zur Gefahr werden — und es durchschauerte Ish bei dem Gedanken —, wenn irgendeine böse Kraft, etwa die Demagogie, sich auswirken konnte.

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