Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
In Zeiten des abnehmenden Lichts - Читать Любимую Русскую Полную Книгу 👉 Read-E-Book.com

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
1 ... 56 57 58 59 60 61 62 63 64 ... 86
Перейти на страницу:

— Was soll denn das, warum bist du nicht reingekommen?

— Du, ich hab keine Lust auf Skandal, sagte Kurt. Wir suchen was anderes.

— Hier kommt nichts mehr. Das Peking ist schwul. Und die U-Bahn-Quelle hat höchstens Bockwurst.

Sie gingen weiter Richtung Alex, jetzt auf der linken Seite der Schönhauser Allee. Kurt wartete eine Weile ab, bevor er die Frage stellte, die ihn seit fünfundzwanzig Minuten beschäftigte:

— Was heißt denn eigentlich, dein Studium ist bereits beendet?

— Das heißt, ich studiere nicht mehr.

— Hast du deine Diplomarbeit fertig?

— Ich schreibe meine Diplomarbeit nicht fertig.

— Sag mal, drehst du jetzt vollkommen durch?

Sascha schwieg.

— Du kannst doch nicht hinschmeißen, so kurz vorm Schluss. Was willst du denn machen ohne Diplom? Auf ’n Bau gehen oder was?

— Weiß ich nicht, sagte Sascha. Aber ich weiß, was ich nicht wilclass="underline" Ich will nicht mein Leben lang lügen müssen.

— So ein Quatsch, sagte Kurt. Willst du sagen, ich lüge mein Leben lang?

Sascha schwieg.

— Du hast dir das Studium selbst ausgesucht, sagte Kurt. Niemand hat dich gezwungen, Geschichte zu studieren, im Gegenteil …

— Du hast mir abgeraten, ich weiß. Du hast mir immer abgeraten! Von allem! Ich kann froh sein, dass du mir nicht abgeraten hast, zu existieren.

— Jetzt red keinen Blödsinn, sagte Kurt.

Aber der Gedanke schien Sascha zu amüsieren.

— Ich existiere aber, rief er. Ich existiere!

Kurt blieb stehen. Er versuchte, seine Stimme so unaufgeregt wie möglich klingen zu lassen.

— Ich bitte dich, hör ein einziges Mal in deinem Leben auf meinen Rat. Du bist augenblicklich in einem labilen Zustand. Du solltest in einem solchen Zustand keine Entscheidung treffen.

— Ich bin vollkommen klar im Kopf, sagte Sascha. Ich war noch nie so klar im Kopf wie jetzt.

Sein Atem dampfte. Er schaute Kurt an. Da war er wieder: der irre Blick.

— Gut, sagte Kurt. Mach, was du willst. Aber dann …

— Was dann, sagte Sascha.

Kurt fiel nichts anderes ein als:

— Dann ist der Ofen aus.

— Oho, sagte Sascha. Oho!

— Du bist ja verrückt, sagte Kurt.

Seine Worte gingen im Lärm des anrollenden Autoverkehrs unter, und Kurt sagte es noch einmal, schrie es noch einmaclass="underline"

— Du bist einfach verrückt!

— Du, schrie Sascha und zeigte mit dem Finger auf Kurt, du rätst mir ab, Geschichte zu studieren, und bist selber Historiker! Wer ist hier verrückt?

— Ah, schrie Kurt. Jetzt machst du mir noch Vorschriften, wie ich zu leben habe? Das ist wirklich der Gipfel. Wenn du mein Leben gelebt hättest, wärst du tot!

— Ach, jetzt kommt das, sagte Sascha plötzlich ganz ruhig.

— Ja, jetzt kommt das, schrie Kurt. Und obwohl der Verkehrslärm wieder abgeklungen war, schrie er weiter: Lebt wie die Made im Speck! Deine Mutter besorgt dir die Wohnung! Dein Vater bezahlt deine Autoversicherung …

Sascha zog einen Schlüssel von seinem Bund ab und hielt ihn Kurt vor die Nase.

— Hier hast du den Autoschlüssel.

— Mensch, anderswo hungern die Leute, schrie Kurt.

Sascha warf den Schlüssel hin, drehte sich um und ging weiter.

— Ja, schrie Kurt, anderswo hungern die Leute.

Der Wind pfiff.

Eine Frau kam Kurt entgegen, machte einen großen Bogen um ihn.

Wieder fuhr eine U-Bahn vorbei, jetzt Richtung Alex. Die Leute im Innern saßen reglos — wie Pappfiguren. So rollte die Bahn allmählich von der Hochbahnstrecke herab und verschwand in der Erde. Samt Pappfiguren. Zur Hölle, dachte Kurt, ohne zu wissen, was genau er damit meinte.

Der Autoschlüssel, den Sascha ihm vor die Füße geworfen hatte, war im Schnee verschwunden. Kurt setzte die Brille auf. Der Schnee war schmutzig, vergilbt, Kurt scheute sich, mit der Hand hineinzugreifen. Er stocherte mit dem Fuß nach dem Schlüssel, fand ihn aber nicht. Schließlich tastete er doch mit den Händen danach — aber der Schlüssel war weg: zur Hölle.

Kurt ging weiter. Ging seinem Sohn hinterher. Er ging zügig, aber rannte nicht. Von der Stelle an, wo die U-Bahnen unter der Erde verschwanden, verwandelte sich die Schönhauser in ein kahles Gelände. Keine Kneipen mehr. Keine Schaufenster. Keine Menschen. Nur da vorn, fünfzig, sechzig Meter vor Kurt, eine dürre, kahlgeschorene Gestalt: sein Sohn.

Drehte sich nicht um, ging einfach.

Links tauchte der jüdische Friedhof auf: die lange Mauer, hinter der das Friedhofsgelände lag, das Kurt noch nie betreten hatte und auch nie hatte betreten wollen. Wenn er ehrlich war, verabscheute er Friedhöfe. Seltsam nur, dass man hier nie jemanden ein oder aus gehen sah. Seltsam auch, dass die U-Bahn hier so dicht neben dem Friedhof verkehrte: dass sie ihre Passagiere schon einmal probehalber unter die Erde brachte — gewissermaßen auf Augenhöhe mit den Toten.

Was Kurt jetzt einfieclass="underline" Melitta hatte erzählt, dass Sascha neuerdings in der Bibel las. Dass er sogar irgendwie, so hatte Melitta behauptet, an Gott glaube …

War es das — der Irrsinn in seinen Augen?

Gegenüber erkannte Kurt die seltsamen, ruinösen Arkaden, über deren Ursprung und Sinn er vollkommen im Unklaren war, nur dass sich dahinter, irgendwo über den Hof, die Druckerei des Neuen Deutschland befand, wusste er, und die Tatsache, dass dort hin und wieder Gedanken von ihm durch eine Druckerpresse gingen, erfreute ihn irgendwie, auch wenn seine Artikel im ND, um die er meist anlässlich irgendwelcher historischer Jubiläen gebeten wurde, bestimmt nicht zu seinen wissenschaftlichen Glanzstücken gehörten.

Lies erst mal so viel, wie ich geschrieben habe.

Obwohl, Quatsch. Zweiter Versuch:

Lies erst mal, was ich geschrieben habe, bevor du darüber urteilst.

Einprägen. Bei Gelegenheit benutzen.

Die Ampel an der Wilhelm-Pieck-Straße wechselte auf Rot — Sascha wartete. Erstaunlich, dass er sich noch an die Verkehrsregeln hielt.

Während der Ampelphase hatte Kurt aufgeschlossen. Nebeneinander gingen sie über die Straße. Einen Augenblick überlegte Kurt, ob er das Thema «Gott» ansprechen sollte — aber wozu? Und wie? Sollte er Sascha allen Ernstes fragen, ob er an Gott glaube? Schon das Wort klang, wenn man tatsächlich Gott meinte, nach Irrsinn.

Sie passierten die Volksbühne. «Der Idiot» wurde gespielt.

Schweigend gingen sie weiter. Am Alex wurde noch immer gebaut. Der Wind klirrte in den Gerüsten. Die Bügel von Kurts Brille waren so kalt, dass ihm die Schläfen schmerzten. Er nahm die Brille ab, schob den Schal vor die Nase und wunderte sich, wie er das damals ausgehalten hatte: fünfunddreißig Grad minus — das war die Temperatur, bis zu der man sie zum Arbeiten hinausgeschickt hatte in die Taiga.

Bei Wind nur bis dreißig.

Sie passierten den Schacht zwischen dem großen Hotel und dem Warenhaus und gingen dann, ohne dass Kurt hätte sagen können, warum und wohin, quer über die Fläche, wo der Wind sie in Wirbeln und Stößen attackierte und ihnen Tränen in die Augen trieb. Kurt versuchte, die Augen mit der Hand zu schützen, stemmte sich gegen die Böen, wankte auf unebenem eisigem Grund blindlings voran und hätte nicht sagen können, ob sein Sohn noch immer neben ihm ging, drehte sich nicht nach ihm um, hörte nichts, spürte den stumpfen Schmerz, der trotz Lammfellhandschuhen allmählich in die Fingerspitzen kroch, und stellte sich vor, wie er, wenn er nach Hause kam, würde eingestehen müssen, dass er Alexander auf dem Alexanderplatz verloren hatte, ausgerechnet, als sei es absehbar gewesen, dass dieser Platz ihn verschlingen, dass Sascha sich hier in Luft auflösen oder im Erdboden versinken würde — wirres Zeug, dachte Kurt. Was einem, wenn man nicht aufpasste, durchs Hirn schoss.

— Wo gehen wir eigentlich hin, fragte Sascha.

1 ... 56 57 58 59 60 61 62 63 64 ... 86
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)